Was digitale Kunst sichtbar macht
Auf den ersten Blick wirkt alles vertraut: Kunstwerke, Gespräche, Messebetrieb. Auffällig: Unter den Werken befinden sich immer mehr Arbeiten, die eine digitale Komponente enthalten. Im Talk auf der art Karlsruhe geht es aber nicht darum, ob digitale Kunst Kunst ist, sondern welche Positionen dahinterstecken.
So behandeln die Arbeiten zum Beispiel Themen wie Umweltzerstörung, technologische Machtversprechen oder verdrängte Verantwortung. Digitale Kunst ist hier kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um Wahrnehmung zu schärfen.
Im Gespräch mit den Künstlerinnen Tamiko Thiel und Gretta Louw, deren Arbeiten auf der art durch die Karlsruher Galerie Yvonne Hohner Contemporary vertreten wurden, wird deutlich: Digitale Arbeiten können Dinge sichtbar machen, die andere Medien schwerer erfahrbar machen. Sie fordern dazu auf, die eigene Haltung zu Technologie und Gesellschaft zu reflektieren.
Augmented Reality als Instrument der Wahrnehmung
Tamiko Thiel gilt als Pionierin der Virtual- und Augmented-Reality-Kunst. Seit den 1990er-Jahren arbeitet sie mit immersiven Technologien, lange bevor diese im Kunstbetrieb selbstverständlich wurden. Bevor sie sich ganz der Kunst zuwandte, arbeitete sie selbst in der Technologieentwicklung, unter anderem an einem frühen Supercomputer, der heute im Museum of Modern Arts in New York ausgestellt wird.
Die AR-Technologie ist für Thiel kein „Effekthascherei-Instrument“, sondern ein Mittel, um komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge sinnlich erfahrbar zu machen. Ihre Arbeiten laden meist die Betrachtenden zur Interaktion ein und regen zur Diskussion an.
Ich nenne das ein AR-Skop – wie ein Mikroskop oder Teleskop
Mensch, Maschine und die Illusion von Effizienz
Gretta Louw arbeitet als multidisziplinäre Künstlerin an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Robotik, Malerei und Textilkunst. Ihre Praxis untersucht die Spannungen zwischen Sinnlichkeit und Effizienz; Handwerk und Automatisierung. Zudem geht sie der Frage nach, was die ständige digitale Verbundenheit mit unserem Körpergefühl macht.
Kurz gesagt, geht es in ihren Arbeiten also um das Zusammenspiel von Technosphäre und Biosphäre. Digitale Prozesse enden bei ihr fast nie im Virtuellen, sondern werden bewusst materialisiert. Auf der art Karlsruhe zeigt sie Arbeiten, die mit digitalen Strickmaschinen entstehen und anschließend aufwendig von Hand weiterbearbeitet werden.
Für Louw ist das Zusammenspiel von Mensch und Maschine kein Gegensatz, sondern ein produktives Spannungsfeld:
Mit der Hand kann ich Dinge erreichen, die eine Maschine nie kann – Textur, Unregelmäßigkeit, eine gewisse Seele. Gleichzeitig bringt die Maschine eine Präzision mit, die mir nicht möglich ist.
Entscheidend sei, die jeweiligen Stärken sichtbar zu machen und ihre Grenzen.
Künstlerischer Austausch mit einem Roboter
Diese Fragen verdichten sich in der Arbeit „Artificial Organisms and Animate Machines“, die Louw gemeinsam mit dem Malroboter e-David innerhalb eines Forschungsprojektes an der Universität Konstanz entwickelte. Mensch und Maschine malten darin abwechselnd Orchideen, jede Version reagierte auf die vorherige. Das Ergebnis ist kein Wettbewerb, sondern ein Dialog.
„Er ist nicht so anpassungsfähig wie ein menschlicher Körper. Gerade in diesen Einschränkungen entstehen aber ästhetische Eigenheiten“, so Louw. Die Arbeit unterläuft gängige Techniknarrative: Die vermeintliche Überlegenheit der Maschine erweist sich als Mythos. „Unsere Körper sind unglaublich komplexe Maschinen“, erklärt Louw. „In vieler Hinsicht sind sie Robotern noch überlegen.“
Zudem verweist die Orchidee als Motiv auf eine globale Dimension: Orchideen sind die größte Familie der Blütenpflanzen, kommen in nahezu allen Klimazonen vor und sind gleichzeitig ein Massenprodukt wie auch ein Luxusgut. So zeigt Louw, wie ästhetische, wirtschaftliche und technologische Aspekte ineinandergreifen – ein Leitgedanke ihrer gesamten Praxis.
Schönheit als Strategie
Auch Tamiko Thiels Werk „Plastocene Dreams“ setzt bewusst auf Ambivalenz. Die Fine-Art-Prints zeigen scheinbar idyllische Unterwasserwelten, die sich beim genaueren Hinsehen als Landschaften aus Plastikmüll entpuppen. Durch den Einsatz von AR-Technologie wird der Eindruck noch verstärkt. Die Unterwasserlandschaft ist quietschig bunt, doch nur noch die Fische scheinen zu leben.
Die Idee entstand nach einer Reise nach Indonesien, wo Thiel mit den globalen Folgen westlichen Konsums konfrontiert wurde. „91 Prozent des Plastiks werden nicht recycelt“, erklärt die Künstlerin. „Es wird exportiert – und landet am Ende wieder bei uns, im Meer, im Körper.“
Statt auf Schockbilder setzt Thiel auf ästhetische Verführung: „Ich möchte die Leute durch AR-Technologie in meine Bildwelten hinlocken, deshalb sehen sie ästhetisch ansprechend aus. Wenn sie einfach vorbeigehen, habe ich nichts gewonnen.“
Dass diese Strategie wirkt, zeigt eine Begegnung auf einer Kunst-Messe: Nachdem ein Junge die Arbeit gesehen hatte, sagte er später zu seinem Vater: „Meine Flip-Flops kommen nicht ins Meer, dort ist schon genug Plastik von uns.“
„Kunst darf schön sein“
Obwohl beide Künstlerinnen in ihren Arbeiten globale Probleme ansprechen und kritische Positionen gegenüber technologischem Fortschritt einnehmen, setzen sie nicht auf dystopische Kunst. Ganz im Gegenteil:
Kunst darf schön sein. Die Welt darf schön sein. Und wir können auch schön rebellieren.
Schönheit sei kein Widerspruch zu politischer Dringlichkeit, sondern oft ihre Voraussetzung. Die künstlerische Attraktivität macht komplexe Inhalte zugänglich. Sie schafft einen Raum, in dem Betrachter*innen reflektieren können, ohne dass die Botschaft aufdringlich oder belehrend wirkt.
Außerdem könne die Kunst Zukunftsbilder generieren, die optimistische Lösungsvorschläge machen und zum Handeln motivieren. Tamiko Thiel bringt es auf den Punkt:
Zeig mir die Zukunft, die du willst – nicht nur die, vor der du Angst hast.
Technik ist kein Schicksal
Auf die Hoffnung, Technologie könne die großen Krisen der Gegenwart allein lösen, reagieren beide Künstlerinnen skeptisch. Verantwortung, Regulierung und gesellschaftlicher Diskurs lassen sich nicht an Algorithmen delegieren.
Digitale Kunst, so ihr gemeinsamer Ansatz, kann jedoch helfen, technologische Prozesse sichtbar und verhandelbar zu machen, jenseits von Marketingversprechen und Heilsfantasien.
Digitale Kunst erscheint in diesem Gespräch nicht als Zukunftsmythos, sondern als Werkzeug der Gegenwart: ein Mittel, um Wahrnehmung zu schärfen, Machtverhältnisse offenzulegen und Menschen dazu zu bringen, Verantwortung nicht auszulagern, sondern genauer hinzusehen.