Die schlechten Leistungen der Fußball-Nationalmannschaft bei den vergangenen Turnieren sind Realität. Diese Realität beschreibt aber nicht die Lage in Deutschland. Der frühere Caritas-Generalsekretär Prof. Dr. Georg Cremer beobachtet nämlich einen bemerkenswerten Widerspruch: "Viele, viele Leute sagen auch: Es geht mir gut, wenn sie gefragt werden, wie es ihnen persönlich geht. Und zugleich glauben sie, dem Land geht es entsetzlich schlecht."
Keine Ängste schüren
Es gebe zwar Gründe, sich Sorgen zu machen: "Wir haben den Angriff Russlands auf die Ukraine, wir haben die Krise in der Automobilindustrie, wir haben die Klimakrise", aber aus Cremers Sicht verstärken Zuspitzungen in der Öffentlichkeit das Gefühl, dass es schlimmer wird. Er mahnt, Reformdebatten so zu führen, dass keine weiteren Ängste geschürt würden.
Früher war nicht alles besser
Der Blick zurück zeigt nach Cremers Einschätzung ein anderes Bild, als es die Stimmung in Deutschland vermuten lässt. "Wenn wir uns mit den Zeiten der alten Bundesrepublik vergleichen, haben wir heute ein Gesundheitssystem, das bei ernsthaften Krankheiten besser helfen kann als früher." Er erinnert: "Wir haben eine Kinderbetreuung, von der Menschen früher nur träumen konnten" und "seit 30 Jahren eine Pflegeversicherung, die Menschen unterstützt".
Umbau, Einschränkung und Ausbau beim Sozialstaat
Cremer erinnert auch an das Elterngeld - auch wenn gleichzeitig immer wieder Kosten begrenzt werden mussten. Er sagt klar: "Es hat immer Umbau, Einschränkung, aber auch viel Ausbau gegeben beim Sozialstaat." Sein Eindruck ist jedoch, dass "wir immer nur das sehen, was eingeschränkt wurde".
Rente
"Das, was derzeit läuft, ist kein reines Kürzungsprogramm", betont Cremer mit Blick auf die Arbeit der Rentenkommission. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren werde in Frage gestellt, aber das geschehe, weil man Spielraum bekommen wollen für eine Kapitalrente, die die Perspektive bietet, dass junge und mittlere Altersgruppen künftig eine deutlich bessere Altersvorsorge bekämen. Sein Fazit: "Es wird also durchaus auch an positiven Elementen der Reform gearbeitet und das muss man auch laut und deutlich sagen."
Nicht alles ist finanzierbar
Cremer erinnert an den Bundestagswahlkampf, in dem sehr viel versprochen wurde: "Mehr Leistungen, Einhaltung der Schuldenbremse und auch steuerliche Entlastung in breitem Maße." Dazu sagt er trocken: "Das könnte die Regierung nur, wenn sie zaubern könnte." Doch es gebe Herausforderungen, "die die Politik nicht wegzaubern kann. Und das ist dann eine politische Abwägung, weil wir eben nicht alles gleichzeitig stemmen und finanzieren können.
Positive Perspektive
Gleichzeitig plädiert Cremer ausdrücklich dafür, die positiven Perspektiven klarer zu benennen. "Wir brauchen die Perspektive: Wir können unser Bildungssystem verbessern, wir können auch wieder sehen, dass wir mehr Innovationen kriegen, dass wir ein produktives Land bleiben." Und er ergänzt: "Wir werden den Sozialstaat nicht aufgeben. Wir brauchen einen guten Sozialstaat. Das will auch die Bevölkerung." Es gebe immer die Möglichkeit zu überprüfen, "wie wir die enormen Mittel des Sozialstaats zielgenauer und besser und effizienter einsetzen".
Herausforderung Klimakrise
Eine der Krisen, die für viel Verunsicherung sorgt, ist der Klimawandel. Gleichzeitig ist die Zustimmung für Klimaschutzmaßnahmen bei den Bürgerinnen und Bürgern hoch, erklärt Viviane Raddatz von der Klima-Allianz. Dank der hohen Zustimmung könne man zusammen mehr erreichen. Raddatz rät dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen. "Also wirklich vor Ort, zu Hause, sich zusammentun und bestimmte Dinge anfangen umzusetzen. Das macht natürlich auch Spaß und dann bekommt man auch ein Gefühl dafür, was ist eigentlich möglich, was kann ich erreichen."
Begeisterung steckt an
Man könne Menschen begeistern, wenn sie die Möglichkeit hätten mitzumachen und Ergebnisse zu sehen, sagt Raddatz. "Jede Person, die ich kenne, die sich so eine Balkonsolaranlage oder auch eine größere PV-Anlage aufs Hausdach geschraubt hat, ist total begeistert von den Einsparungen", erzählt sie. "Das steckt natürlich auch an, das steckt auch Nachbarn an."
Bessere Lebensqualität ist attraktiv
Eine Anziehungskraft habe auch die gestiegene Lebensqualität, die mit den Klimaanpassungen einhergehe. "Es sind schattigere Städte, wenn ich da eine ordentliche Begrünung hinbekomme, die natürlich die Temperaturen auch senkt, statt komplett geflasterter Plätze, die nicht mehr funktionieren in den deutschen Sommern der Zukunft." Es gehe darum, den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass alle etwas davon hätten, „von dieser Sauberkeit, von diesen leiseren Städten und von kühleren und schattigeren Städten“.