Alte Lichter, neue Geister
Ein schauriges Lächeln, ein flackerndes Licht und schon erscheint der Herbst nicht mehr so dunkel. Das „Rübengeistern“ ist ein alter Herbstbrauch, bei dem Kinder Futterrüben aushöhlen, Gesichter hineinschnitzen und sie mit Kerzen zum Leuchten bringen.
Die geschnitzten Fratzen, im Dialekt auch „Riabagoaschter“ oder „Rummelbooze“ genannt, zieren Fensterbänke und Vorgärten. Früher zogen Kinder damit von Haus zu Haus und baten um kleine Gaben: Äpfel, Nüsse oder Gebäck.
Zwischen Erntedank und Aberglaube
Der Brauch wurzelt in alten Licht- und Erntedankfesten. Wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter wurden, sollten die Rübenlichter Schutz bringen und böse Geister fernhalten. Gleichzeitig markierten sie das Ende der Erntezeit, eine Schwelle zwischen Sommer und Winter und somit Leben und Vergänglichkeit.
Auch heute noch erinnert das Rübengeistern an diese Übergangszeit: eine Mischung aus bäuerlicher Erdverbundenheit und kindlichem Grusel.
Südwestdeutsche Spukgestalten
Im Südwesten ist der Brauch besonders vielfältig: In Oberschwaben und im Linzgau tragen Kinder die „Riabagoaschter“ mit Stangen durch die Straßen. In Schramberg und Umgebung findet jedes Jahr ein Rübengeister-Umzug mit Liedern und Sprüchen statt.
Auch in Obernheim auf der Schwäbischen Alb treffen sich Kinder am 31. Oktober zum gemeinsamen Schnitzen. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen sie mit ihren leuchtenden Geistern durch den Ort.
Rummelbooze und Runkelrüben
In der Pfalz und im Saarland heißen die Figuren „Rummelbooze“. Früher stellte man sie auf die Fensterbank oder vor die Haustür, um Passanten zu erschrecken. In den 1920er- bis 1950er-Jahren erlebte der Brauch seine Blütezeit – dann verschwand er, als Mais die Rübe auf den Feldern verdrängte.
In einigen Dörfern, etwa in Oberperl oder Niedaltdorf, bauen Landwirte heute wieder Rüben an, um die alte Tradition zu bewahren. „2012 entstanden hier über 160 Rummelboozen“, berichten Ortschronisten stolz.
Vom Hungerbrauch zum Herbstfest
Nach dem Ersten Weltkrieg, in Zeiten des Mangels, sollen Kinder mit Rübenlichtern von Haus zu Haus gezogen sein, um Essen zu erbetteln. Das kleine Licht in der Rübe wurde zum Symbol der Hoffnung – gerade in dunklen Kriegs- und Nachkriegsjahren, als viele Familien kaum Strom oder Brennmaterial hatten.
Aus dieser Not entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein festlicher Brauch mit Musik, Sprüchen und Umzügen. In Rottweil-Göllsdorf etwa begleiten Blaskapellen den „Riabagoaschterumzug“, der seit 1956 Teil der „Saukirbe“ ist – ein Beispiel dafür, wie Volkskultur und Gemeinschaft bis heute ineinandergreifen.
Vom Rübengeist zum Kürbis
Seit den 1990er-Jahren verdrängt das amerikanische Halloween mit seinen Kürbisfratzen den alten Rübenbrauch zunehmend. Doch das Prinzip ist dasselbe: eine leuchtende Fratze, die in der Dunkelheit Schutz verspricht.
Tatsächlich gilt das Rübengeistern als eine der Wurzeln des Halloween-Kults. Irische Auswanderer brachten den Brauch in die USA – mangels Rüben griffen sie dort auf Kürbisse zurück. So wurde aus dem bäuerlichen „Rübengeist“ der weltberühmte Jack O’Lantern.