Stephan hat seine Kindheit in Schönebeck an der Elbe bei Magdeburg verbracht. Im Alter von sechs Wochen bis anderthalb Jahre hat er aber die meiste Zeit in einer Krippe verbracht - ohne seine Eltern. Montagmorgens wurde er gebracht und zum Wochenende hin wieder abgeholt. Daran hat er zwar keine bewussten Erinnerungen mehr - aber er spürt bis heute die Folgen, sagt der 63-Jährige, der inzwischen in Stuttgart lebt. "So ein Gefühl von Selbstwert, so eine Selbstverständlichkeit, mit der andere durchs Leben gehen und sagen hier bin ich, hallo, wie geht's, hier am Telefon. Ich glaube, das haben wir nicht gelernt."
Urvertrauen braucht es, um sich Willkommen zu fühlen
In der DDR war es üblich, dass Säuglinge und Kleinkinder in sogenannten Wochenkrippen untergebracht wurden. Mindestens hunderttausend Kinder sollen dieses System erlebt haben. Stephan erfuhr erst 2020, dass auch er ein sogenanntes Wochenkrippenkind war. Er begann zu recherchieren.
Schon zu DDR-Zeiten gab es Kritik an den Wochenkrippen. Wissenschaftliche Forschungen zeigten negative Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung: Verzögerungen bei der sprachlichen Entwicklung, Verhaltens- und Kontaktstörungen, Hospitalismus. Eine schwere Last, die die Wochenkrippenkinder oft ein Leben lang nicht loswerden. Eine mögliche Folge kann sein, das sich kein Urvertrauen bei den Kindern entwickelt.
"Wir brauchen, um Urvertrauen entwickeln zu können, das Gefühl, in dieser Welt willkommen zu sein", sagt Verena König gegenüber SWR1. Für die Traumatherapeutin "setzt sich Urvertrauen eigentlich aus drei verschiedenen Ebenen zusammen: aus dem Vertrauen in andere, aus dem Vertrauen in die Welt (…) und auch aus dem Vertrauen in uns selbst." Das heißt: das Baby muss die Erfahrung machen: jemand ist da und kümmert sich um mich, wenn ich Hunger habe, wenn ich schreie. Wenn diese Erfahrung nicht gemacht wird, dann kann sich das Urvertrauen nicht richtig entwickeln.
Fehlendes Urvertrauen hat Folgen
Fehlendes oder brüchiges Urvertrauen kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Es gibt kein einzelnes typisches Symptom, das eindeutig auf eine Urvertrauens-Störung hinweist. Möglicherweise könnte man von einem Traumaspektrum sprechen, sagt König. Wie zeigt sich das dann im Leben eines Kindes oder auch im Leben später? Man könne sich das vielleicht so vorstellen, "dass man sich grundlegend in dieser Welt, im Leben, in Beziehungen und auch im eigenen Körper vielleicht nicht wirklich sicher fühlt. Es ist also nicht nur eine Art von Misstrauen, das sich durchs Leben zieht, sondern ein Gefühl von Unsicherheit und von mangelndem Gehalten - und Geborgensein", erklärt König.
Vertrauen in die Welt entwickeln
Die gute Nachricht aus Sicht von Verena König: Es ist nie zu spät für positive Veränderungen. "Wenn es darum geht, etwas zu entwickeln, was wir eigentlich in unserer Kindheit hätten entwickeln sollen, aber wir konnten es aufgrund der Umstände nicht, dann sprechen wir eigentlich von Lernen", sagt sie. Um ein Urvertrauen, ein gutes Vertrauen in sich, die Welt, in andere zu entwickeln, brauche es gute Erfahrungen, gute Beziehungserfahrungen, die uns dieses Gefühl zugänglich machen und diesen Zustand, so die Traumatherapeutin.