KI und Identität

Nicht nur Dänemark sagt Deepfakes den Kampf an

Dänemark plant ein KI-Gesetz, das jedem Menschen das Recht am eigenen Gesicht, Stimme und Körper zuspricht. Doch auch weltweit suchen Staaten, Tech-Firmen und Gesellschaft nach Schutz – jedoch mit bedingtem Erfolg.

Teilen

Stand

Von Autor/in Christian Batzlen

Blinzeln oder ein kaum merkliches Zucken im Mundwinkel. Noch vor wenigen Jahren hätten solche Details Deepfakes entlarvt. Doch die Maschinen lernen. Sie fälschen heute Gesichter, Stimmen, Gesten täuschend echt. Beispiele dafür gibt es viele.

2022 tauchte ein Deepfake-Video von Selenskyj auf, in dem er angeblich die Kapitulation der Ukraine verkündete. Im Frühjahr 2024 verbreitete das „Zentrum für politische Schönheit“ ein Video von Olaf Scholz, in dem er zum Verbot der AfD aufrufe – ebenfalls ein Fake.

Realistische Videos dank KI (NANO, 3Sat vom 19.Februar 2024)

Jeder kann betroffen sein – und es passiert schnell

Doch es kann jede*n treffen. Laut einer Forsa-Umfrage von Mai 2024 haben 17 Prozent der Deutschen schon einmal Kontakt mit Deepfake‑Inhalten gehabt, bei den unter 35‑Jährigen sind es sogar mehr als jede*r Vierte. 42 Prozent erhielten falsche Nachrichten von angeblichen Verwandten, 14 Prozent wurden schon per Telefon kontaktiert

Staatliche Behörden warnen: Deepfake‑Stimmen, etwa beim „Enkeltrick 2.0“, seien inzwischen gängige Masche. Es reichen oft wenige Sekunden Audio- oder Videomaterial, schon kann ein emotional manipulierter Anruf mit geklonter Stimme zum großen finanziellen Verlust führen.

Gefakte Pornobilder oder Videos werden online verbreitet, oft aus Rache
Deepfake-Porn: Gefakte Bilder oder Videos werden online verbreitet – oft aus Rache. Laut EU-Studie ist jede zehnte Frau in Europa von digitaler Gewalt wie z.B. Revenge Porn betroffen. Plattformen und Gesetze versuchen, die Täter zu stoppen. Marcus Brandt

Die Bedrohungslage durch Deepfakes für unsere demokratische Gesellschaft ist extrem hoch.

Dänemark zieht eine rote Linie

Dänemark will nun Vorreiter sein. Mit einem Gesetz, das jedem Menschen ein einklagbares Recht am eigenen Körper, der eigene Stimme und den eigenen Gesichtszüge gibt. Wer künftig ohne Einwilligung in einem KI-Video, Bild oder Audio auftaucht, könnte somit die Löschung verlangen. 

Plattformen, die dies weigern, drohen hohe Strafen. Auch Anspruch auf Schadensersatz steht im Raum. Noch dieses Jahr will Dänemark das Gesetz durchbringen und auch 2026 auf europäischer Ebene vorantreiben.

Weltweit gibt es Gesetze gegen Täuschung

Weltweit reagieren Staaten zunehmend auf die Gefahr durch Deepfakes – aber sehr unterschiedlich. Großbritannien stellt die Herstellung intimer Deepfake-Pornos unter Strafe, Australien droht bei der Verbreitung mit bis zu sieben Jahre Haft.

In den USA existiert ein Flickenteppich an Gesetzen: In Kalifornien etwa sind Videos, die Politiker kurz vor und nach Wahlen in falschem Licht zeigen, untersagt.

Technik im Katz-und-Maus-Spiel

Auch Tech-Firmen entwickeln Programme, die Deepfakes erkennen sollen. Algorithmen prüfen etwa die Synchronität von Lippenbewegungen oder untypische Pixelmuster. Ein Wettrennen mit der Zeit, denn je schlauer die Detektoren, desto raffinierter die Fälscher.

Ein anderer Ansatz: digitale Herkunftssiegel. Die Content Authenticity Initiative, getragen von Adobe, Microsoft und der BBC, versieht Originalmaterial mit fälschungssicheren Metadaten. So ließe sich auch später prüfen: Ist das Scholz-Video echt oder doch eine Fälschung? Oft ist dann der Schaden jedoch bereits angerichtet.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von dasding

Plattformen im Spagat

Auch Plattformen wie Instagram oder TikTok haben Regeln gegen manipulierte Inhalte. Sie löschen Deepfakes oder drosseln deren Reichweite. Doch ein Problem bleibt: Virale Fakes bringen Klicks, und Klicks bringen Geld.

Die technischen Prüfungen kosten Zeit und Personal. Oft bleiben einfache Schnitt-Tricks, sogenannte Shallowfakes, unentdeckt. Auch fürchten Plattformen Zensur-Vorwürfe, denn oft ist die Grenze zwischen gefährlicher Fälschung und zulässiger Satire hauchdünn.

Wir haben ein tatsächliches Problem mit Deepfakes. Aber die Schlussfolgerung darf nicht sein, das Strafrecht so zu verschärfen, das auch nicht strafwürdiges Verhalten kriminalisiert wird

Digitale Identität wird Eigentum

Was Dänemark nun plant, geht tiefer und ist eine Kulturfrage. Die digitale Identität soll Eigentum werden. Doch die Frage betrifft auch Kunst und Kultur. Künstler haben sich schon immer an Gesichtern, Stimmen und Bildern bedient. Wo endet die Kunstfreiheit und beginnt der Täuschungsversuch?

Fest steht: Wer in einer Welt lebt, in der jedes Gesicht fälschbar ist, braucht Schutz – aber auch neue Antworten auf die Frage, was Authentizität noch bedeutet.

Barack Obama faltet die Hände vor dem Gesicht zusammen, während er auf einer Konferenz einen Kopfhörer im Ohr hat.

Fakt ab! Eine Woche Wissenschaft Dieser Barack Obama liebt Fakt ab! | Mit Tarkan Bagci

Diese Woche mit dem Gast Tarkan Bagci vom Podcast „Gefühlte Fakten“ und Aeneas Rooch.

Ihre Themen sind:
- Menschen können Gesten von Schimpansen und Bonobos richtig deuten. (01:07)
- Tarkan Bagci erklärt „Deep Fakes“ und lässt Angela Merkel Seilspringen. Barack Obama und Arnold Schwarzenegger bewerten „Fakt ab!“. (08:27)
- Was Tarkan Bagci bei „Gefühlte Fakten“ und bei „Wissen macht Ah!“ so treibt. (20:23)
- Grillen sind von der EU als Nahrungsmittel zugelassen worden. (27:17)

Weitere Infos und Studien gibt’s hier:
Gesten-Studie: https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3001939
In dieser Pressemitteilung der Uni St. Andrews ist das Gesten-Quiz verlinkt: https://news.st-andrews.ac.uk/archive/humans-can-recognise-and-understand-chimpanzee-and-bonobo-gestures/
Tarkan Bagci bei „Gefühlte Fakten“: www.gefuehltefakten.de und bei „Wissen macht Ah!“: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/index.html
Grillen als Nahrungsmittel: https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/insekten-nahrung-grillen-getreideschimmelkaefer-rlp-100.html

Habt ihr auch Nerd-Facts und schlechte Witze für uns?
Schreibt uns bei WhatsApp oder schickt eine Sprachnachricht: 0174/4321508
oder per E-Mail: faktab@swr2.de
Oder direkt auf http://swr.li/faktab

Instagram:
@julianistin
@sinologin
@aeneasrooch

Redaktion: Jochen Steiner und Jakob Baumer
Idee: Christoph König