Die Modellbahn als Seelenlandschaft
Horst Seehofer ist stolz auf seine Modelleisenbahn. Mehr als einmal hat der ehemalige Innenminister und Bayerische Ministerpräsident Journalistinnen und Journalisten in den Keller seines Ferienhauses eingeladen, um seine Anlage vorzuführen. Ein Gleisgewirr auf über 20 Quadratmetern und mit zwei wesentlichen Orientierungspunkten. Bonn auf der einen Seite – und auf der anderen, natürlich, Bayern.
Sein Leben habe er hier nachgebaut, hat Seehofer vor ein paar Jahren mit ernster Miene einem Kamerateam der ARD verraten. Ein Satz, bei dem viele seiner Landsmänner (und das Genus ist hier zwingend) verständnisvoll nicken dürften. Die Modellbahn als Seelenlandschaft, als Gips-und-Gleis-gewordener Selbst- und Weltentwurf – das ist auch ein deutsches Phänomen.
1,5 Millionen Menschen interessieren sich hierzulande für Miniaturbahnen, sagt die Marktforschung. Das ist ungefähr einmal München. Den Historiker Rolf-Ulrich Kunze überrascht das nicht. Genauso wie die USA hätten auch die deutschsprachigen Länder eine „tiefe, identitäre Beziehung zum Modelleisenbahnbau“, glaubt er.
Deutschland, eine Bahngeschichte
Der Grund liegt in ihrem Vorbild, der Bahn selbst. Die spielte immerhin eine schillernde Rolle in unserer Geschichte. Auch der Mythos von der deutschen Ingenieurskunst hat ihr einiges zu verdanken. Sie war es, die die deutschen Teilstaaten zu einem Ganzen verband. In den Zwanzigern galt die deutsche Reichsbahn gar als größtes Unternehmen der Welt. Und auch heute noch spiegelt sich in der kollektiven Klage über die Deutsche Bahn eine hartnäckige Sehnsucht. Eine Idee, davon, was sie sein könnte, für uns, das Land, die Umwelt.
Mehr als Kindheitstraum und Hobby Taugen Modelleisenbahnen als Geldanlage?
Modelleisenbahnen sind nicht nur ein Kinderspielzeug - manche Wagen und Loks steigen im Laufe der Jahre im Wert. Vielleicht schlummert auf dem Dachboden ja ein echter Schatz.
„Da kann man natürlich anknüpfen“, spricht der Historiker. Und wenn nicht in echt, dann zumindest in Spurweite H0. Kunze spricht hier aus eigener Erfahrung. Modellbahner wurde er im Alter von acht Jahren. Professor für Technikgeschichte in Karlsruhe wurde er ein bisschen später.
Wunsch des Historikers: ein Museum der Miniaturwelten
Er träume von einem Museum, das alte, private Modellbahnplatten sammle, verrät er, ein Archiv der Miniaturwelten. Kunze spricht auch von „sozialen Konstruktionen“, schließlich erzählten diese Platten genauso viel über ihre Schöpfer wie über die Zeit, in der sie entstanden sind.
Und trotzdem wandern viele in den Müll, sobald ihre Besitzer sterben. In jahrzehntelanger Detailarbeit erbaut, dann als unhandliches Sperrgut entsorgt. Schließlich verlangten sie nicht nur Geduld von ihren Erbauern, nicht nur Zeit, sondern auch Raum.
Kein Wunder, dass der Boom privater Modelleisenbahnen mit dem Aufstieg des Eigenheims zur idealtypischen Wohnform der Bundesrepublik zusammenfiel. Die Miniaturwelten brauchten Platz, und der heimische Keller war die Bedingung ihrer Möglichkeit. Im Westen zumindest.
Unterschiede zwischen Ost und West
Im Osten stellte sich die Lage ganz anders dar, erklärt Rolf-Ulrich Kunze. „In der DDR gab es zwar auch in Plattenbauwohnungen kleine, private Modelleisenbahnen, aber vor allem gab es relativ große, eindrucksvolle Clubanlagen.“
Während der westdeutsche Modellbahner typischerweise Einzelgänger war, zelebrierte man in der DDR dieses Hobby gemeinschaftlich. Modellbahnbau war sozusagen öffentliche Praxis, eine Selbstvergewisserung darüber, in welchem Land man lebte. Und das durchaus entlang der ästhetischen Vorstellungen des Einparteienstaats.
Auch auf der Modellbahnplatte herrschte im Wesentlichen sozialistischer Realismus. Die Miniaturwelten waren verhältnismäßig authentisch und unterschieden sich insofern deutlich von den Fachwerkidyllen, die in westdeutschen Kellern blühten.
Gefangen in der Retrohölle?
„Da wird schon auch der Heimatfilm im Westen eine ganz wichtige Rolle gespielt haben“, vermutet Kunze. Die bundesrepublikanischen Sehnsuchtsorte beschränken sich im Wesentlichen auf den süddeutschen Raum. Noch heute dominieren Fachwerk und Alpenromantik die einschlägigen Modellbau-Kataloge.
Wo die "Schöne Württembergerin" nochmals ihre Runden dreht Mit viel Liebe und einer Prise Bremsstaub: Mann baut historische Brenztalbahn nach
Es ist eine ganz besondere Modelleisenbahn: Uwe Siedentop aus Heidenheim baut die historische Brenztalbahn detailgetreu nach. Ein Besuch bei einem, der sein Leben einer Bahnstrecke verschrieben hat.
„Männerträume vom besseren Leben“ nannte ein Artikel in Psychologie Heute mal diese Retroidyllen. Und wenn man sich einige der prominenteren Modellbahner vor Augen führt – Seehofer natürlich, aber auch Günther Beckstein oder Kurt Biedenkopf –, dann kommt man durchaus auf den Gedanken, dass die Modellbahn ein ausgesprochen konservatives Hobby ist.
Ein Hobby für alle?
Ganz falsch sei das sicher nicht, sagt Rolf-Ulrich Kunze. Und trotzdem besteht er darauf, dass die Modellbahnwelt an sich für verschiedene politische Deutungen offen sei. „Sie müssen da etwas hineinspiegeln wollen. Und dann finden sie auch die Möglichkeiten dazu.“
Zumindest in einer Hinsicht sind Modelleisenbahnen übrigens ausgesprochen progressiv. Nirgendwo sonst beschäftigen sich erwachsene Männer so ausdauernd mit niedlichen Dingen. Retro-Optik ist mehr Kann als Muss.
Auf Seehofers Platte herrscht zum Beispiel überhaupt keine Idylle. Kein Baum, kein Berg, nur nacktes Gleis. Im Keller des bayerischen Landesvaters a.D. herrscht ein Pathos der Sachlichkeit. Hier hat vielleicht jemand sein Leben nachgebaut, romantisiert hat er es nicht.