Eine Geheimdienstakte sorgt derzeit in der Schweiz für politischen Sprengstoff. Kann es sein, dass sich ausgerechnet Josef Mengele in den 1960er-Jahren unbehelligt in der Schweiz aufhielt? Der „Todesengel von Auschwitz“ wurde für seine Verbrechen nie zur Verantwortung gezogen und starb 1979 in Brasilien in Freiheit, obwohl international nach ihm gefahndet wurde.
Warum zensiert der Nachrichtendienst die Mengele-Akte?
Nach jahrelangem Druck hat der Nachrichtendienst des Bundes die Geheimdienstakte zu Josef Mengele nun freigegeben. Doch ein großer Teil ist geschwärzt. Historiker Jakob Tanner spricht gegenüber SWR Kultur von Zensur: „Es wird in absurder Weise versucht, den Einblick in die ganze Akte zu verhindern.“
Absurd sei das auch deshalb, weil die Akte keine neuen Fakten zu der Frage liefere, ob sich der KZ-Arzt 1961 tatsächlich in der Schweiz aufgehalten habe. Dafür offenbare sie etwas anderes: die Gleichgültigkeit, mit der Schweizer Behörden damals mit einem der schlimmsten Verbrecher der NS-Zeit umgingen.
Josef Mengele konnte sich frei bewegen
Josef Mengele ging als „Todesengel von Auschwitz“ in die Geschichte ein. Der von Rassenwahn getriebene KZ-Arzt missbrauchte Häftlinge für pseudomedizinische Experimente. An der Rampe von Auschwitz entschied er über Leben und Tod und schickte Hunderttausende in die Gaskammern.
Bestraft wurde Mengele nie. 1949 floh er nach Südamerika. Umso brisanter ist die Frage, wie frei er sich trotz internationaler Fahndung in Europa bewegen konnte.
So hielt er sich 1956 nachweislich für einen Skiurlaub in der Schweiz auf. 1959 wollte er sogar nach Deutschland reisen – unter seinem richtigen Namen. Er beantragte die Einreise in der argentinischen Botschaft. „Es zeigt sich, dass mehrere Staaten offenbar über genauere Hinweise verfügten als bisher angenommen“, sagte dazu der Historiker Bogdan Musial im Gespräch mit dem MDR.
Mit der Entführung Eichmanns gerät Mengele unter Druck
Ende der 1950er-Jahre änderte sich die Lage. 1959 erließ das Landgericht Freiburg einen Haftbefehl gegen Mengele. Ein Jahr später entführte der israelische Geheimdienst Mossad Adolf Eichmann aus Buenos Aires. Auch Mengeles bisher weitgehend sorgenfreie Existenz geriet nun ins Wanken. Er setzte sich nach Paraguay ab.
Doch 1961 erhielt der Schweizer Geheimdienst aus Deutschland den Hinweis, dass sich Mengele in Zürich aufhalten könnte. Die nun freigegebene Geheimdienstakte sollte sollte zeigen, was die Behörden aus diesem Hinweis machten.
Wollte Josef Mengele 1961 in Zürich seine Familie besuchen?
Was steht also drin? Gegenüber SWR Kultur fällt die Antwort von Regula Bochsler ernüchternd aus: „Rein gar nichts! Also in der freigegebenen Akte gibt es kein einziges Dokument dazu.“
Dabei steht fest: Mengeles Ehefrau Martha mietete von 1960 bis 1961 im Zürcher Vorort Kloten eine Wohnung und wohnte dort mit ihrem Sohn.
Für die Historikerin wirft das Fragen auf: „Martha wurde von der Familie Mengele großzügig unterstützt. Die Familie war sehr reich. Warum mietete sie ausgerechnet in einem Vorort eine Wohnung in einem hässlichen Apartmentblock, der aber acht Kilometer vom Flughafen entfernt lag?“ Wollte Josef Mengele dort seine Familie besuchen?
Die Polizei ermittelte, der Geheimdienst offenbar nicht
Die Polizei überwachte die Wohnung. Das geht aus anderen Akten hervor. Kurz bevor sie zugreifen konnte, fuhr ein Mann mit einem Auto weg. Ob es Mengele war? Unbekannt. In der jetzt freigegebenen Akte des Geheimdienstes findet sich dazu jedenfalls nichts.
Die Polizei ermittelte, der Geheimdienst offenbar nicht. „Dilettantisch“, findet Jakob Tanner. Der Geheimdienst sei auf dem rechten Auge blind gewesen. Er habe im Kalten Krieg vor allem nach einer kommunistischen Bedrohung gesucht. „Was jetzt mit diesen Nazis passiert, dafür hatte man eigentlich kein großes Sensorium. “
In der Akte selbst findet Tanner dafür Hinweise. Es gebe keinen Anhaltspunkt, dass der Geheimdienst aktiv geworden sei oder bestimmten Spuren nachgegangen wäre. Stattdessen: Hundert Seiten scheinbar wahllos zusammengestellter Presseberichte aus deutschen Illustrierten, die offenbar besser informiert waren über Mengeles Verbleib als der Schweizer Nachrichtendienst.
Die „Rattenlinien“ führten durch die Schweiz
Mengele war kein Einzelfall. Der Umgang der Schweiz mit NS-Verbrechern hatte System, sagt Regula Bochsler. Die Historikerin und Journalistin forscht seit Jahren zu den „Rattenlinien“. So nennt man die geheimen Fluchtwege, über die Nazi-Verbrecher wie Mengele mit Hilfe des Vatikans und des Roten Kreuzes nach Lateinamerika gelangten.
Die Schweiz war eine wichtige Drehscheibe. Von hier wurden Visa und falsche Papiere beschafft. Die Bundespolizei habe weggeschaut, sagt Bochsler.
Lange tat sich die Schweiz schwer damit, die eigene Rolle während und nach der NS-Zeit aufzuarbeiten. Bewegung kam vor allem durch Druck von außen und durch internationale Kritik. Inzwischen ändert sich das.
Die Schweiz stellt sich ihrer Vergangenheit
Die Impulse kämen aus der Schweizer Zivilgesellschaft. So haben Historikerinnen und Historiker mit einem Crowdfunding binnen drei Tagen knapp 18.000 Franken gesammelt, um den Rechtsstreit um die Mengele-Akte zu finanzieren. In vielen Städten werden Stolpersteine verlegt, in Bern entsteht Ende 2027 ein nationales Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus – „ein Versuch, sich nach Jahrzehnten der Verdrängung jetzt der Erinnerung zu stellen“, so Jakob Tanner.
Die „zugeknöpfte Haltung“ der Behörde gegenüber der Mengele-Akte sei für ihn deshalb nicht mehr zeitgemäß. Mehr noch: Sie schade dem Ansehen der Schweiz. Die Forschungsfreiheit sei ein zentraler Wert der demokratischen Gesellschaft. „Es gibt überhaupt keine Gründe, solche Akten aus dem Zweiten Weltkrieg, die die schlimmsten Verbrecher der Nazizeit betreffen, noch in irgendeiner Weise zu schützen.“
Historiker wollen jetzt gegen die Schwärzungen vorgehen. Auch aus der Politik kommt Rückendeckung. Die Aufarbeitung der Schweizer Vergangenheit ist noch längst nicht abgeschlossen.