Der Heilige, der den Vögeln predigte
Ein einfacher Mönch steht in einer Schar von Vögeln. Er trägt eine armselige braune Wollkutte und keine Schuhe. Gütig blickt er zu den Vögeln, segnend hebt er seine rechte Hand. Die Vögel sitzen aufmerksam lauschend zu seinen Füßen.
Die Vogelpredigt gehört bis heute zu den bekanntesten Legenden, die sich um den Heiligen Franziskus spinnen. Das Fresko, das Giotto di Bondone um 1295 als Teil eines umfangreichen Franziskus-Zyklus für die Grabeskirche des Heiligen in Assisi schuf, zählt bis heute zu den bekanntesten Darstellungen Franz von Assisis.
Das Bild des Heiligen hat sich in den vergangenen 800 Jahren kaum gewandelt. Bis heute stellen wir uns Franz von Assisi so vor: bettelarm, sanftmütig und der Natur und den Geschöpfen Gottes auf eine mystische Weise verbunden.
Ein Patrizier wird zum Bettelmönch
Kaum ein anderer Heiliger, ausgenommen Maria und die Apostel, ist so stark im kollektiven katholischen Gedächtnis verankert wie der Bettelmönch aus dem umbrischen Hügelstädtchen Assisi.
Ob man ihn nun Franz oder Franziskus nennt, geboren wird er um das Jahr 1182. Auf der italienischen Halbinsel schwelt der Machtkampf zwischen Kaiser Friedrich Barbarossa und Papst Alexander III. Städte wie Florenz, Siena, Pisa oder Perugia entwickeln sich zu selbstverwalteten Machtzentren, in denen Adelsfamilien und wohlhabende Bürger politischen Einfluss gewinnen.
Franziskus‘ Jugend lässt noch nicht auf seine spätere Mission schließen: Als Sohn eines reichen Tuchhändlers erfährt Franziskus eine kaufmännische Bildung und verkehrt in Adelskreisen. Als es zum Krieg zwischen Assisi und der Nachbarstadt Perugia kommt, zieht er 1202 in die Schlacht. Er verbringt mehr als ein Jahr in Gefangenschaft.
Ein Leben im Dienst der „Herrin Armut“
Erst 1206, nach langer Krankheit und einer Pilgerfahrt nach Rom, kommt es zur Berufung: Vom Altarkreuz der maroden Kirche San Damiano, schreibt der Chronist Thomas von Celano, habe Franziskus die Stimme Jesu vernommen und ihm sei der göttliche Auftrag erteilt worden, die Kirche zu erneuern.
Franziskus verzichtet auf allen irdischen Besitz und sagt sich in einem öffentlichen Prozess von seinem Vater los. Vor den Stadtmauern beginnt er ein Leben als Einsiedler. Die zerfallende Kirche baut er mit eigenen Händen wieder auf, das Baumaterial erbettelt er sich.
Über die Jahre gewinnt Franziskus Anhänger, die wie er auf weltlichen Besitz und Eitelkeit verzichten und sich der „Herrin Armut“ zuwenden. Seine Botschaft richtet sich nicht an die Reichen, Mächtigen oder Gelehrten, sondern an das gesamte Volk: Männer wie Frauen, Herren wie Diener, Klerikale wie Laien.
Franziskus scheitert im Richtungsstreit seines Ordens
Franziskus verfolgt einen Glauben, der sich in direkter Linie auf die überlieferten Worte Jesu beruft. Im Jahr 1210 erteilt Papst Innozenz III. Franziskus und seinen Gefährten die Approbation. Es ist die Geburtsstunde der Minoritenbruderschaft.
Eigentlich liegt Franziskus die Gründung einer Ordensgemeinschaft mit fester Ordensregel zunächst fern. Anders als die anderen Klosterbruderschaften seiner Zeit bleiben die Franziskaner nicht hinter verschlossenen Klostermauern. Sie tragen ihre Lehre in die Städte und predigen in der Sprache des Volkes: Italienisch statt Kirchenlatein.
Über die Jahre wächst die Anhängerschaft um Franziskus immer weiter. Er selbst macht sich ab 1219 auf den Weg in den Nahen Osten und nach Westafrika. In der Zwischenzeit kommt es in Italien zum Richtungsstreit unter den Brüdern.
Als der Papst eine feste Ordensregel fordert, scheitert Franziskus 1221 mit seiner strikten Vorstellung an den eigenen Anhängern und der römischen Kurie. Eine überarbeitete Regel wird zwei Jahre später durch den Papst gebilligt. Franziskus stirbt am 3. Oktober 1226 in seiner Einsiedelei vor den Toren Assisis.
Der „Poverello“ bewegt bis heute
Noch zu Lebzeiten wird bereits an seiner Legende geschrieben. Knapp zwei Jahre nach Franziskus‘ Tod wird der Ordensgründer bereits heiliggesprochen. Mündlich überlieferte Legenden und Wundertaten werden verschriftlicht, schließlich wird die Franziskus-Vita des Bischofs Bonaventura zur offiziell gültigen Quelle erhoben.
Franziskus‘ überlieferte Texte, insbesondere der „Sonnengesang“, und die um 1390 entstandene Legendensammlung, die sogenannten „Fioretti“, bleiben über Jahrhunderte populär. Bis ins frühe 20. Jahrhundert dienen sie als Quelle für Andachtsbücher über den „Poverello“, den kleinen Armen. Sie sind die Grundlage für Kompositionen von Franz Liszt und Carl Orff, für Texte von Luise Rinser und Hermann Hesse und nicht zuletzt für Olivier Messiaens große Oper „François d’Assise“ von 1983.
Ein Heiliger für Gegenbewegungen
Die Popularität, die Franziskus insbesondere seit dem 20. Jahrhundert erfährt, kommt nicht von ungefähr: Seine Naturverbundenheit, seine Abkehr vom Materiellen, sein besonderer Fokus auf die Gesamtheit der Menschen und nicht zuletzt seine Botschaft von bedingungsloser Nächstenliebe treffen den Nerv einer Welt, die Weltkriege und den Aufstieg und Fall neuer Gesellschaftssysteme erlebt.
Franziskus funktioniert als Identifikationsfigur für die Lebensreform um 1900 genauso wie für die Friedens- und die Umweltschutzbewegung und für Kapitalismuskritiker. Insbesondere die spirituelle New-Age-Bewegung stilisiert Franziskus zum Vorbild.
So setzt der italienische Regisseur Franco Zeffirelli dem Heiligen Franz von Assisi in „Bruder Sonne, Schwester Mond“ sein wohl bedeutendstes filmisches Denkmal. Der Film zeichnet den Heiligen, gespielt von Graham Faulkner, als einen Mann auf der Suche nach innerer Harmonie und spiritueller Sinnhaftigkeit und als Gegenpol zu einer vor Prunksucht erstarrten Kirche, untermalt vom ätherischen Gesang des Folk-Barden Donovan.
Ein Papst auf Franziskus‘ Spuren
Als Jorge Mario Bergoglio 2013 zum 266. Papst gewählt wurde, wählte er den Namen Franziskus. Als Erster auf dem Stuhl Petri stellte er sich damit namentlich und programmatisch in die Nachfolge des Heiligen von Assisi.
Der Auftritt des neuen Papstes auf der Loggia des Petersdoms machte dies deutlich: Gekleidet in die bescheidene weiße Soutane, wandte er sich auf Italienisch, nicht im Kirchenlatein, an die Menschen. Papst Franziskus forderte eine Kirche, die einfacher, den Armen näher und sensibler für die Bewahrung der Schöpfung sein sollte.
Nicht zuletzt die anhaltende Beliebtheit des 2025 verstorbenen Papstes beweist, dass die Botschaft des Heiligen Franziskus auch nach 800 Jahren in ihren Grundzügen nichts von ihrer Faszination und Strahlkraft eingebüßt hat.