Die literarische Vorlage: Ein Roman wird zum Mahnmal
„Ich musste nichts erfinden“, sagte Margaret Atwood einmal über „The Handmaid’s Tale“. Als sie 1985 ihren Roman veröffentlichte, war dieser alles andere als Science Fiction.
Denn das, was im Roman geschieht, basiert auf historischen oder zeitgenössischen Vorbildern – religiösem Fanatismus, patriarchaler Gesetzgebung, autoritären Systemen. „Der Report der Magd“, so der deutsche Titel, wurde zur literarischen Blaupause einer feministischen Dystopie.
In der fiktiven Republik Gilead, einem totalitären Regime, das nach einem Staatsstreich aus den USA hervorgegangen ist, werden Frauen ihrer Rechte beraubt und zu Gebärmaschinen degradiert. Die einzige Erfüllung, die ihnen zusteht, ist, sich in ihrer untergeordneten Rolle im System einzufügen.
Der Stoff inspirierte bereits nach seinem Erscheinen verschiedene Adaptionen – doch weder Volker Schlöndorffs Kinoverfilmung von 1990 noch spätere Bühnenfassungen konnten die politische Sprengkraft so entfalten wie die Serie, die 2017 unter Showrunner Bruce Miller bei Hulu startete und das düstere Szenario in den popkulturellen Kanon katapultierte.
Ausgezeichnet mit zehn Emmys und zwei Golden Globes, wird nun die finale Staffel die Geschichte der Mägde in Gilead zu Ende erzählen.
Serienphänomen mit Signalwirkung
Im Zentrum steht June Osborne, gespielt von Elisabeth Moss, die sich in einer dystopischen Welt wiederfindet: In dem neuen totalitären Staat wird die Buchhändlerin dazu gezwungen, als gebärende Magd zu dienen.
Die Gewalt Gileads entfaltet sich nicht nur in Vergewaltigungen, Gesetzen und Regeln, sondern auch Blicken – und setzt sich in Junes stillem, wachsenden Widerstand fort.
Der wahre Sog der Serie entsteht durch die visuelle und akustische Gestaltung: Die Komposition der Bilder, das Spiel mit Perspektive und Licht, das fast völlige Fehlen von Musik in Schlüsselszenen – all das erzeugt eine Atmosphäre der Anspannung, in der jede Bewegung Bedeutung bekommt. In der oft beklemmenden Stille liegt die größte Wucht.
Ich wollte nicht, dass June ein Symbol ist. Ich wollte, dass sie eine Person ist – chaotisch, wütend, menschlich
Das politische Bildgedächtnis der Serie
Selten hat eine Serie zudem ein so prägnantes visuelles Symbol geschaffen wie die roten Gewänder der Mägde. In Gilead stehen sie für Gehorsam und völlige Kontrolle über weibliche Körper. In den USA und Polen trugen Demonstrantinnen bei Protesten gegen eine frauenverachtende Abtreibungspolitik die Kutten mit weißen Hauben. So fand die Serie Eingang in die politische Wirklichkeit.
„Gilead doesn’t feel far away anymore“, Gilead sei nicht weit mehr weit entfernt, stand auf einem der Protestplakate. Spätestens seit dem Supreme-Court-Urteil Roe vs. Wade von 2022, das das verfassungsmäßige Recht auf Abtreibung in den USA aufhob, wirkt Gilead weniger fiktional.
Ich hätte nie gedacht, dass meine Fiktion eines Tages als Handbuch gelesen wird.
In US-Staaten wie Texas oder Florida existieren nun Abtreibungsgesetze, die ähnlich strikt über Frauenkörper bestimmen wie die der Serienwelt.
„The Handmaid’s Tale“: Verformte Charaktere
Dass das System Gilead nicht nur über Körper verfügt, sondern auch Charaktere verformt, zeigen die zentralen Frauenfiguren: Wie Serena Joy, die als geistige Mit-Architektin Gileads an den Konsequenzen ihrer eigenen Ideen zerbricht. Oder Tante Lydia, eine fanatische, wenn auch nicht herzlose Anführerin über die Mägde, die zwischen religiösem Eifer und latenter Reue gefangen bleibt.
Oder die rebellische Janine, eine der bewegendsten Hauptfiguren, deren fragmentierte Sprache und kindlicher Trotz zeigen: selbst Widerstand kann noch wie Gehorsam klingen.
„The Handmaid’s Tale“ ist damit keine Serie, die tröstet: Sie irritiert und provoziert. Ihre Stärke liegt in der konsequenten Verweigerung von Eskapismus, den gängigen Streaming-Trends zum Trotz.
Warum diese Dystopie immer realer wird
Dystopien spielen normalerweise mit der Angst vor einer brutaleren Version der Welt, die jedoch durch ihren fiktionalen Charakter auf Distanz gehalten wird. Bei „Black Mirror“ steht beispielsweise die Angst vor futuristischer Technologie im Zentrum, bei „Westworld“ wird eine philosophisch-abstrakte Welt von humanoiden Robotern geschaffen.
Doch Gilead kommt ohne Cyborgs oder Zombies aus. Es gibt nur Menschen und ihre Systeme, die eben jenen Schrecken formen. Damit ist „The Handmaid’s Tale“ weniger Warnung vor dem Morgen, sondern vielmehr ein Spiegelbild heutiger Verhältnisse.
Vielleicht ist es das, was am meisten an ihr verstört: Sie zeigt, wie wenig es braucht, um ein System wie Gilead denkbar zu machen.