Ein Muppet steckt in jedem von uns
Ein Bär als Stand-up-Comedian ohne zündende Pointen, ein krummnasiger Bläuling, der sich für den künstlerischen Durchbruch sogar als lebende Kanonenkugel hergibt, eine exaltierte Schweinedame, die keinen Star neben sich duldet – und dazwischen ein Frosch, der versucht, das Chaos so gering wie möglich zu halten.
Die Charaktere, die Jim Henson für seine „Muppets“ geschaffen hat, berühren uns auch fünfzig Jahre nach ihrem ersten Auftritt im Fernsehen genauso wie am allerersten Tag. Denn jeder von uns kennt sie aus dem Fernsehen, aber auch aus dem Kollegium oder der lieben Verwandtschaft. Ein kleiner Fozzie Bär, ein Gonzo, eine Miss Piggy oder ein Kermit steckt in jedem von uns – im einen mehr, in der anderen weniger.
Das Erlebbare ins Komisch-Groteske zu verdrehen und zu übersteigern, das war das große erzählerische Talent von Jim Henson. Keine Idee war zu absurd, kein Witz zu weit hergeholt. Denn Hensons Puppen machten ihre Zuschauer immer zu ihren Komplizen am Röhrenbildschirm.
Die Puppen-Begeisterung kam mit dem Fernsehen
Für das Puppenspiel begeistert sich Jim Henson seit dem Moment, als seine Eltern in den späten 1940er-Jahren den ersten Fernseher ins Haus holen: Bauchrednerpuppen genauso wie die Figuren von Bil Baird, dessen Marionettensequenz im Film „The Sound of Music“ hierzulande wohl am bekanntesten ist.
Mit 17 Jahren startet Henson bei einer regionalen TV-Station in Washington als Puppenspieler für eine Kinderserie. Zwischen 1955 und 1961 produziert er fürs regionale NBC-Programm seine erste eigene Sendung „Sam and Friends“ – eine Reihe von drei- bis fünfminütigen Clips als Warmmacher für die „Tonight Show“. Schon hier tritt derjenige auf, der später zum Anführer seiner Figuren und seinem Alter Ego werden soll: Kermit, der Frosch.
Da es ihn stört, wie steif und wenig ausdrucksstark die meisten existierenden Handpuppen sind, entwickelt Henson seine eigenen Figuren und tauft sie „Muppets“ – zusammengesetzt aus den Wörtern „Marionette“ und „Puppe“ (Englisch: „puppet“).
Einen großen Teil dieses Erfolgs erlebt ihr Schöpfer nicht mehr: Am 16. Mai 1990 stirbt Henson an den Folgen einer bakteriellen Lungenentzündung. Er wird nur 53 Jahre alt. Seine Figuren haben bis heute eine große weltweite Fangemeinde. Zu Jim Hensons 90. Geburtstag haben wir uns ein paar seiner erinnerungswürdigsten Schöpfungen genauer angesehen:
- Die Muppet Show
- Sesamstraße
- Der dunkle Kristall
- Die Reise ins Labyrinth
- Die Fraggles
- Star Wars und Co: Wo man Jim Henson nicht vermuten würde
Die Muppet Show: Jetzt tanzen alle Puppen
Schon zu Beginn seiner Karriere entwickelt Jim Henson mit „Sam and Friends“ eine Puppensendung für Erwachsene. Als ihm 1969 mit der „Sesamstraße“ der internationale Durchbruch gelingt, wird es für Henson jedoch immer schwieriger, Fernseh-Produzenten davon zu überzeugen, dass seine Figuren auch zu mehr taugen als einzig zur Kinderunterhaltung.
In den USA findet er keinen Abnehmer für sein Konzept einer Puppenshow in einem Varieté-Theater. Als schließlich der britische Sender ITV die Zusage für eine Staffel mit 24 Folgen gibt, verlegt Henson kurzerhand seine Puppenwerkstatt nach London. Am 5. September 1976 geht die erste Folge der „Muppet Show“ auf Sendung.
In jeder Folge versucht Frosch Kermit als Leiter eines heruntergekommenen Theaters, ein halbwegs kohärentes Programm auf die Bühne zu bekommen. Dabei begrüßt er einen prominenten Gaststar – unter ihnen Oscar-Preisträgerin Rita Moreno, Chansonnier Charles Aznavour, Schauspieler und Autor Peter Ustinov oder Balletttänzer Rudolf Nurejew.
Neues Special macht Hoffnung auf Revival
Schnell erreicht die „Muppet Show“ ein Publikum von mehreren Millionen, schon im Januar 1977 wird die Serie in mehr als 100 Länder weltweit verkauft – auch nach Deutschland, wo die erste Folge am 3. Dezember 1977 im ZDF über die Röhrenbildschirme flackert.
Nach fünf Staffeln und 120 Folgen ist Schluss: Jim Henson konzentriert sich mit den beliebten Figuren vermehrt auf das Kino-Geschäft. Drei Kinofilme entstehen noch zu Hensons Lebzeiten, bis heute erscheinen immer wieder neue Serien, Filme oder Specials mit der wilden Rasselbande. Zuletzt machte ein erfolgreiches Jubiläumsspecial im Februar 2026 Hoffnungen auf ein mögliches Revival der Originalserie.
Sesamstraße: Wer nicht fragt, bleibt dumm
In Sachen Bekannt- und Beliebtheit stehen die Bewohnerinnen und Bewohner der Sesamstraße den Figuren der „Muppet Show“ wohl in nichts nach: der blaue Grobi, der zahlenliebende Vampir Graf Zahl, das Kekse-verdrückende Krümelmonster, die beiden ewigen Zimmergenossen Ernie und Bert und natürlich Samson mit seinem Schnuffeltuch.
Seit November 1969 begeistert die „Sesamstraße“ vor allem die Kleinen. Das Konzept der Serie reflektierte den Wandel in der Kindererziehung, der in den 1960er-Jahren begann. Jim Henson und sein Team bauten die Sendung nach den neuen Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften auf: kurze, lehrreiche Puppensketche, kombiniert mit Trickfilmen, Kinderliedern und Alltagssituationen, die Kinder einzuordnen lernen müssen.
Bis heute ist die „Sesamstraße“ ein weltweiter Erfolg. In Deutschland wurde die Reihe ab 1973 im Ersten ausgestrahlt, zunächst in der synchronisierten US-Version. Seit 1978 produziert der NDR die originär deutsche Fassung der Puppenserie.
Der dunkle Kristall: Im Zeitalter der Wunder
Regierte das kreative, bunte Chaos die „Sesamstraße“ und die „Muppet Show“, arbeitete Jim Henson ab Mitte der 1970er-Jahre an einer weitaus düsteren Fantasiewelt. Mit „Der dunkle Kristall“ habe Henson die Dunkelheit der Grimm’schen Märchen einfangen wollen, erinnerte sich sein Weggefährte Frank Oz. Der Puppenspieler hinter Figuren wie Miss Piggy und Fozzie Bär teilte sich mit Henson die Regie des Puppenfilms.
In einer Fantasiewelt namens Thra versuchen die elfengleichen Gelflinge Jen und Kira mithilfe eines dunklen Kristalls das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wiederherzustellen. Die Welt ist in die Fänge der geierähnlichen Skekse gefallen, das weise Volk der gutmütigen Uru steht vor dem Untergang. Nur wenn die drei Sonnen in einer besonderen Konstellation stehen, kann die Schreckensherrschaft der düsteren Skekse gebrochen werden.
Für das Fantasy-Märchen verpflichtete Jim Henson den britischen Fantasy-Illustrator Brian Froud, der das konzeptuelle Design der Welt Thra übernahm. „Der dunkle Kristall“ sollte Hensons bis dato aufwendigstes Projekt werden. Neben seinen bisherigen Hand- und Stabpuppen setzte Henson erstmals auf detaillierte Animatronik, um den Figuren ein lebendigeres Minenspiel zu verleihen.
Die Reise ins Labyrinth: Down in the Underground
„Der dunkle Kristall“ hatte an der Kinokasse nur mäßigen Erfolg, erst mit den Jahren wurde er zum Kultklassiker. Dennoch beschlossen Jim Henson und Illustrator Brian Froud, gemeinsam an einem weiteren Projekt zu arbeiten. „Die Reise ins Labyrinth“ sollte leichtfüßiger daherkommen.
Teenagerin Sarah (Jennifer Connelly) soll auf ihren kleinen Halbbruder Toby aufpassen. Als dieser nicht zu weinen aufhört, wünscht sie sich, dass das Baby von Kobolden fortgetragen werde – und dann passiert es tatsächlich. Sarah folgt den Kobolden in das Labyrinth ihres Königs (David Bowie), um ihren Bruder zu befreien.
Brian Froud übernahm erneut das Produktionsdesign, für das Drehbuch verpflichtete Henson Monty-Python-Mitglied Terry Jones. Star-Wars-Schöpfer George Lucas fungierte als Produzent des Films. Hauptdarsteller David Bowie nahm für den Film insgesamt fünf Songs auf, darunter die Pop-Ballade „Underground“.
Die Fraggles: Lass die Sorgen Sorgen sein
Eine verborgene Welt unter der Welt der Menschen ist die Idee hinter der Serie „Die Fraggles“, an der Jim Henson in den 1980er-Jahren arbeitete. Ihre Bewohner, die Fraggles, sind kleine, bunte Männchen, die sich von Radieschen ernähren. Ihre fantastische Welt wird auch von grünen Arbeitern namens Doozers und den großen, schwerfälligen Gorgs bewohnt, die sich für die Herrscher von Fraggle Rock halten.
Anders als seine vorherigen Serien plante Jim Henson „Die Fraggles“ von Beginn an als internationale Produktion. Die Figur von Doc, dem Menschen in der Serie, wurde in den verschiedenen Sprachfassungen von lokalen Schauspielern gespielt. Für die deutsche Fassung schlüpfte Hans Helmut Dickow in die Rolle.
„Die Fraggles“ wurden zum Hit: Neben der Puppenserie entstanden Comics, zahlreiche Kinderbücher und eine Zeichentrick-Version. Es sollte der letzte große TV-Erfolg werden, den Jim Henson selbst noch miterlebte. Ende der 1980er-Jahre entwickelte er bereits Konzepte für eine Sitcom mit lebensgroßen Dinosaurier-Figuren, die in den 1990er-Jahren ebenfalls ihre Fangemeinde fand: „Die Dinos“.
Wo man Jim Henson nicht vermuten würde
Auch wenn auf einer Produktion nicht der Name Jim Henson steht: Wenn in Zeiten vor den digitalen Effekten fantastische Figuren eine Filmwelt bevölkern sollten, waren die Chancen groß, dass die Puppen-Werkstatt von Jim Henson dahintersteckte.
So stammen einige der berühmten Aliens, die das Universum von „Star Wars“ bevölkern, aus der Werkstatt von Jim Henson: Er selbst sollte ursprünglich die Figur des grünen Jedi-Meisters Yoda spielen und sprechen, doch Henson sagte aus Zeitmangel ab. Sein Kreativpartner Frank Oz übernahm schließlich die Aufgabe und spricht die Figur bis heute, auch wenn sie in den neuen Filmen meist digital animiert wird.
Für den Musical-Film „Der kleine Horrorladen“, bei dem Frank Oz Regie führte, wurde die Puppe der menschenfressenden Alien-Pflanze Audrey II in Jim Hensons Werkstatt entwickelt. Ebenfalls Kreationen aus dem Hause Henson: die humanoiden Schildkröten-Ninjas Leonardo, Donatello, Raphael und Michelangelo aus „Teenage Mutant Ninja Turtles“ oder die schaurigen Hexen aus „Hexen, Hexen“, beide von 1990.
Noch 36 Jahre nach Jim Hensons Tod wissen sie zu begeistern: seine Muppets und die Figuren, die nach Hensons Ideen bis heute im „Jim Henson’s Creature Shop“ erschaffen werden. Die Puppen, sie tanzen immer weiter.