Vor der Tanzkarriere erst mal der Rauswurf aus der Ballettschule
Schon als kleiner Junge in Toronto wollte Jason Reilly tanzen. Mit fünf Jahren bettelte er seine Adoptivmutter so lange an, bis er endlich mit Ballett anfangen durfte. Doch nach der ersten Stunde flog er hochkant aus dem Unterricht: zu viel Energie und zu wenig Disziplin für die strenge Lehrerin. Er habe lieber wie ein kleiner Affe an den Ballettstangen herumgeschaukelt, als ihren Anweisungen zu folgen.
Aber seinen Traum vom Tanzen wollte der kleine Jason Reilly auf keinen Fall aufgeben. Also habe er „jede Woche einen Brief an die zweite Direktorin geschrieben," erinnert sich der Balletttänzer zurück – trotz seiner Legasthenie. So lange, bis sie ihn nach mehreren Monaten bangen Wartens wieder tanzen ließ. „Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört“, sagt Reilly.
Ich bin irrsinnig froh, dass ich nie in dieses Klischee vom Prinzen reingepasst hab, irgendwie nicht einmal in das vom Balletttänzer. Ich glaube, genau das macht mich aus.
Ein bitterer 18. Geburtstag und eine neue Heimat
Alles ändert sich, als der damalige Intendant des Stuttgarter Balletts, Reid Anderson, den 17-jährigen Schüler in Kanada entdeckt und nach Deutschland holt. Jason Reilly packt seine Koffer und zieht in die Schwabenmetropole am anderen Ende der Welt.
Ausgerechnet an seinem 18. Geburtstag ruft ihn seine Mutter an, um ihm zu gratulieren – und im selben Atemzug zu erzählen, dass sie sich von ihrem Mann scheiden lassen werde. Als die Familie zuhause zerbricht, baut sich Reilly in seiner neuen Heimat eine neue Familie auf: das Stuttgarter Ballett.
„Für mich war das hier immer meine Familie“, erzählt Reilly in der SWR Kultur Doku „Kein Prinz wie jeder andere“. „Man verbringt so viel Zeit miteinander, geht gemeinsam durch Schmerz, gemeinsam durch Freude, gemeinsam durch Kämpfe. Man hält sich gegenseitig bei der Stange und rappelt sich gemeinsam wieder auf.“
Auf der Bühne ein Paar, im echten Leben geschieden: „Professionell sein ist unser Job“
Auch Reillys Liebesleben birgt ähnlich viel Drama wie die Geschichten, die er auf der Bühne tanzt. Er verliebte sich in Anna Osadcenko, Erste Solistin in Stuttgart. Beide wurden ein Paar, bekamen die gemeinsame Tochter Luna – und trennten sich schließlich wieder.
Auf der Bühne tanzen sie aber noch heute leidenschaftliche Liebespaare, etwa in den großen Stuttgarter Cranko-Klassikern: Romeo und Julia oder Jewgeni und Tatjana in „Onegin“. Was für andere Ex-Paare wie ein Albtraum klingt, funktioniert bei den beiden.
„Wir sind hier, um Tatjana und Onegin zu spielen und nicht Anna und Jason“, erklärt Anna Osadcenko die Bühnendynamik mit ihrem geschiedenen Mann. Jason Reilly sieht vor allem die positiven Aspekte der gemeinsamen Vergangenheit: „Wir haben so viel zusammen durchgemacht, dass wir manchmal nicht wie zwei Leute sind, die etwas spielen. Das macht das Auftreten mit Anna sehr besonders.“
Sobald wir im Ballettsaal sind, ist das Privatleben vergessen. Professionell sein, das ist unser Job.
Angst und Stolz: Reillys Tochter steht mit den Eltern auf der Bühne
Inzwischen steht sogar schon die nächste Generation der Familie Reilly im Rampenlicht: Tochter Luna, neun Jahre alt, hat die erste Klasse der renommierten John-Cranko-Schule absolviert und stand kürzlich als Kleine Maus in Tschaikowskys „Nussknacker“ gemeinsam mit ihren Eltern auf der Stuttgarter Ballettbühne.
Für den mittlerweile 46-jährigen Jason Reilly ein Moment purer Emotion: „Dass ich sagen kann, ich bin jetzt zweimal mit meiner Neunjährigen auf der Bühne gestanden, und das mit 46 – das ist schon ziemlich cool. Das macht mich einfach irre stolz.“
Gleichzeitig macht dem Vater die körperliche Belastung des harten Berufs auch Angst. Er selbst musste in seiner Karriere bereits mehrfach durch die Hölle gehen, erlitt unter anderem drei Bandscheibenvorfälle und drei gestauchte Wirbel. Nur dank seinem Physiotherapeuten und Freund Matthias Knoop steht er heute überhaupt noch auf den Beinen. Doch für Reilly ist bedingungsloser Einsatz einfach selbstverständlich.
Perfekter Tanzpartner im Dienste der Ballerina
Jason Reilly versteckt sich gerne – unter einer Mütze und hinter seinen Tätowierungen. Dass er sich ungern in den Mittelpunkt stellt zeichnet ihn auch auf der Bühne aus. Reilly hat das Credo seines Entdeckers Reid Anderson verinnerlicht: „Wenn deine Partnerin gut aussieht, siehst du auch gut aus.“
Er gilt als perfekter Tanzpartner, weil er sich ganz in den Dienst seiner Ballerina stellt. Bei Hebefiguren rückt er sie ins perfekte Licht, damit sie ihre Darbietung frei entfalten kann. Und trotzdem hat er sich mit seinem individuellen Stil in die Herzen des Stuttgarter Publikums getanzt.
Jason hat seinen eigenen Weg zu tanzen. Und das ist wichtig.
Auf der Bühne der Star, privat total bodenständig
Eine Dose Discounterbier und eine Zigarette – daraus besteht das Feierabend-Ritual des Balletttänzers. Am liebsten zieht er sich dann seine Mütze tief ins Gesicht und schirmt sich ab vom Trubel um ihn herum. Jason Reilly flüchtet in kleine, einfache Kneipen, in denen ihn garantiert niemand als den gefeierten Weltklasse-Tänzer vom Stuttgarter Ballett erkennt.
Aber was ihn vor allem auszeichnet ist, dass er sich selbst nur schwer zufriedenstellen kann: „Normalerweise bin ich ziemlich gechillt“, erklärt Reilly, „aber nach den Vorstellungen bin ich ganz schön hart mit mir selbst. Egal, um welches Stück es geht. Ich weiß, es geht einfach immer noch besser.“
Wie sonst sollte er dazu in der Lage sein, nach so vielen Jahren nach wie vor so diszipliniert und konzentriert sein tägliches Kraft- und Tanztraining zu absolvieren. Am Ende des Tages ist Reilly genau das geblieben, was ihn so besonders macht: ein absolut bodenständiger Ausnahmekünstler – und eben kein Prinz wie jeder andere.