Essstörung: Achim will für T-Shirt abnehmen, am Ende wiegt er nur noch 36 kg

Achim sitzt bei 1,80 m Größe mit 36 kg auf dem Bett, kann kaum aufstehen, fühlt sich schlecht. Als er sich kurz darauf davon erholt, weiß er: So kann es nicht weitergehen. In einer Klinik bekommt er Hilfe.

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Von Autor/in Julia Reithmeier

Abnehmen für ein T-Shirt 

Als wir Achim nach dem Beginn seiner Essstörung fragen, erinnert er sich: „Ich hatte eine ganz normale, gute Kindheit und hatte ein paar Kilo zu viel, was mich aber grundsätzlich nie gestört hatte.“ Mit 18 ändert sich das: „Ich wollte zwingend ein T-Shirt, bei dessen Kauf ich feststellen musste, dass es das in meiner Größe einfach nicht gab.“ Er kauft das T-Shirt trotzdem und nimmt es als Anreiz, von seinen 136 kg ein paar Kilos abzunehmen.  

Achim ist diszipliniert und zielstrebig – mit Sport und gesunder Ernährung nimmt er ab 

Er ernährt sich gesund, fährt viel Fahrrad, und nach nur drei Monaten passt er in das T-Shirt. Von außen kommen die ersten Komplimente und Zusprüche, Achim bleibt motiviert: „Dann dachte ich: Jetzt bin ich schon mal ganz gut dran, so unter 100 kg wäre eigentlich ganz nett. Dann hatte ich unter 100 Kilo und dachte: Mensch, so unter 90, das wäre auch ganz gut.“ So nimmt er immer weiter ab, wird mit der Zeit fitter, entdeckt Laufsport für sich und wird darin immer engagierter: „Ich hatte irgendwann in einer Laufzeitschrift gelesen, dass man so pro drei Kilogramm Körpergewicht eine Minute auf zehn Kilometer schneller laufen könnte. Und dann dachte ich: Na ja gut, Abnehmen beherrsche ich derweil.“ 

Ich war es ja gewöhnt, wenig zu essen, um abzunehmen. 

Aus einem ambitionierten Ziel wird eine Essstörung 

Irgendwann isst Achim nur noch einen Apfel am Tag. Als er bei 65 kg ankommt, muss Achim wegen eines Abszesses am Bein operiert werden – dort spitzt sich die Situation langsam zu: „Ich hatte einen unglaublich schnellen Stoffwechsel. Ich hatte eingebrannt, wenig zu essen, um abzunehmen. Ich hatte eine Wunde, die unglaublich viel Energie brauchte zum Heilen und ich musste auf Krücken laufen. Was dazu führte, dass ich in knapp 10, 14 Tagen nochmal zehn Kilo verloren hatte.“ 

Aus der Essstörung wird Lebensgefahr 

Sowohl vom behandelnden Arzt als auch von Freunden und Familie kommen Warnungen. „Ich dachte: Na ja, ich hatte mal 136 kg. Wie es Essen geht, das weiß ich schon, das kriege ich schon hin. So einfach war es dann aber nicht. Mit jedem Versuch, ein Kilo zuzunehmen, habe ich eigentlich zwei abgenommen“, erinnert sich Achim. 

Ich kann aus heutiger Betrachtung sagen: Abnehmen war um so viel einfacher, als wieder zuzunehmen. 

Als Achim nur noch 36 kg wiegt, gibt es eines Morgens einen Wendepunkt: Er sitzt an der Bettkante, kann kaum aufstehen, ihm ist schwindelig, er fühlt sich benebelt. „Das ging dann so ein paar Sekunden, dann konnte ich irgendwie aufstehen. Und dann war ich aber an dem Punkt, wo ich dachte: So geht das nicht weiter.“ Rückblickend beschreibt Achim diese Situation als „spüren, wenn du gerade kurz vorm Tod bist.“ 

Achims Einsicht: „Hilfe holen macht manche Dinge wesentlich einfacher.“ 

Von seinem Hausarzt bekommt Achim den Kontakt einer Klinik, in der er wenige Tage später einen Therapieplatz hat. Er ist zwölf Wochen dort, nimmt langsam wieder zu. „Ich konnte mich sofort darauf einlassen. Es gab unglaublich gute Hilfe da, viel Beratung im Sinne von Gesprächen, um herauszufinden, warum es dazu kam.“ 

Der Arzt hat mir deutlich gemacht, dass mein Gewicht lebensbedrohlich ist, und dass eigentlich jeder Tag, den ich aktuelle da bin, ein Geschenk ist.  

Mittlerweile hält Achim Vorträge, auch in Fitnessstudios, um vor Essstörungen im Sportbereich zu warnen. Dabei unterstreicht er unter anderem das Vertrauen in das eigene Körpergefühl und warnt vor Verzerrungen bei Social Media: „Sich fragen: Ist das überhaupt echt? Einfach bei sich selbst bleiben und seinen inneren Mittelpunkt finden, und nicht schauen, ob es irgendwie einer Norm entspricht. Sixpack, was auch immer. Ich habe bis heute keine Waage zu Hause. Ich kann mich auf mein Körpergefühl verlassen und weiß, wie ich mich wohlfühle und wann nicht. Damit macht man sich frei von der Frage: Wie sieht ‚richtig‘ denn aus?“ 

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Julia Reithmeier