Köchin und Konditorin Mariia: „Ich musste mich beweisen“ – Arbeiten in einer männerdominierten Branche

Mariia (30) ist Köchin und Konditorin und arbeitet seit zehn Jahren in der Gastronomie. Hier spricht sie zum ersten Mal über ihre persönlichen Erfahrungen in der Branche.

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Von Autor/in Corinna Jähn

Es gibt viel zu wenig Hilfsmöglichkeiten. Das ist ein unbequemes Thema, das man ungern anspricht: dass sowas im Betrieb abläuft und für Normalität gehalten wird.

Schon seit der Kindheit: Leidenschaft fürs Kochen und Backen

Kochen und Backen spielen schon in Mariias Kindheit eine Rolle: „Ich habe meine Hausaufgaben immer in der Küche gemacht, während meine Mutter gekocht hat. Wahrscheinlich habe ich deswegen sehr viel mitgeholfen und konnte dadurch auch viel mehr.“ Schon als Kind backt sie ihren Geburtstagskuchen selbst. 2014 zieht Mariia mit 17 Jahren von Schytomyr nach Deutschland. Ihr Studium in Fremdsprachen und Literatur, das sie in der Ukraine anfängt, bricht sie ab und beginnt eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Doch sie hat schnell die Erkenntnis, „dass ich auf der falschen Seite stehe und die Teller trage, anstatt sie zu richten.“

„Du wirst immer als die Schwächere angesehen.“ 

Sie bricht die Ausbildung ab und absolviert anschließend zwei andere Ausbildungen: zunächst zur Köchin und anschließend zur Konditorin. Mittlerweile arbeitet Mariia seit zehn Jahren in der Gastronomie und merkt, „dass es ein männerdominiertes Umfeld ist.“ Den rauen Umgangston in der Gastronomie bringt Mariia mit dem Thema „Weak Gender“ in Verbindung: „Das trägt man auch so bis heute mit: dass Stärke mit dem Ton, vielleicht immer noch mit physischer Stärke und mit deinem Äußeren verbunden wird, anstatt mit deiner inneren Stärke und Fähigkeit, ein Team zu leiten.“

Frauen, die am Arbeitsplatz von sexueller Belästigung oder übergriffigem Verhalten betroffen sind, müssen damit nicht allein bleiben. Es gibt externe Beratungsstellen, die vertrauliche und kostenlose Unterstützung anbieten. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr unter 116 016 sowie online erreichbar. 

Psychische Folgen von Mobbing am Arbeitsplatz 

Auch Mobbing erfährt Mariia und bei ihr wird eine mittelschwere depressive Episode diagnostiziert. Anschließend ist sie über zwei Monate krankgeschrieben: „Dann bin ich wie ein Phönix aus der Asche auferstanden. Ich bin jetzt anders unterwegs und ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich mag meine Arbeit.“ Mariia hat sich das Ziel gesetzt, Konditormeisterin zu werden, um sich den Traum vom eigenen Laden zu erfüllen und andere auszubilden: „Dieses Verständnis, dass du die Chefin in deinem Leben bist, macht eigentlich total Bock zu sagen: Ich bin hier fertig. Und es gibt wirklich sehr viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln.“

Das hat mich so gemacht, wie ich heute bin. Es hat mich vielleicht auch ungefragt stärker gemacht.

Gesellschaftliches Bild der Arbeit in der Küche

Einmal habe ich sogar die Aussage gehört, dass die Leute in der Gastro Abschaum-Menschen sind, die einfach nichts anderes können. Und dass es das Einfachste ist: Kochen kann jeder.

Mariias Meinung nach hat die Gastronomie gesellschaftlich kein besonders positives Image, erklärt sie. Woher dieses Bild ihrer Ansicht nach kommt: „Du brauchst keine besonderen Fähigkeiten. Die Leute können dich nicht wirklich testen, ob du was kannst: Du brauchst kein Abitur, um Koch zu werden. Jeder wird aufgenommen und dann beweist du dich dann mit der Zeit, ob du stark dafür bist.“

Ich finde, heute ist die Ausbildungszeit anders als damals bei mir. Ich habe damals schon für meine Ausbildung über 40 Bewerbungen rausschicken müssen, um 6 oder 7 Rückmeldungen zu bekommen.

Work-Life-Balance in der Gastronomie

Mariia erzählt außerdem von der hohen körperlichen und psychischen Belastung, die die Arbeit in der Küche mit sich bringt: „Du hast sehr wenig von deinem Privatleben. Ich war froh, dass dann irgendwann mal da, wo ich gearbeitet habe, Sofas aufgestellt wurden. Dann habe ich im Aufenthaltsraum gepennt.“

SWR Talentnetzwerk

Mariia ist mit ihrem Instagram-Kanal Teil des SWR Talentnetzwerks. Das Netzwerk fördert Social-Media-Talente aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Du möchtest mit einem deiner Social-Media-Kanäle dabei sein? Dann bewirb dich jetzt!

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Corinna Jähn
Porträt Corinna Jähn.