Viele Landkreise und kreisfreie Städte sind nicht auf größere Katastrophenfälle vorbereitet. Auch vielen Bürgern fehlt es an ausreichenden Vorräten. Das haben Umfragen ergeben.
Die Mehrheit der privaten Haushalte hat keine Lebensmittelvorräte für zehn Tage, auch Landkreise und kreisfreie Städte sind nicht gleichermaßen auf Katastrophen vorbereitet.
Trotz klaren Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe fehlt es vielen Privatpersonen an den notwendigen Vorräten und Geräten für den Fall einer Krise. Dazu gehören beispielsweise zwei Liter Wasser pro Person pro Tag und haltbare Lebensmittel. Auch auf der kommunalen Ebene fehlt es vielerorts an notwendigen Vorbereitungen, da Gemeinden, Kreise und kreisfreien Städte selbst entscheiden, ob und wie gut sie vorsorgen. Experten kritisieren fehlende Mindeststandards von Bund und Ländern.
Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Mangelnde Krisenvorsorge bei Bürgern, Städten, Landkreisen
Pressemeldung zum Beitrag:
Interaktive Karte zur Versorgung in Krisenfällen
Manuskript des Beitrags:
Wir sind in Köln. Unterwegs mit Expertinnen für Bevölkerungsschutz vom Arbeiter-Samariter-Bund. Und wollen wissen: Ist Krisenvorbereitung hier ein Thema?
„Wie sind sie denn zuhause vorbereitet, haben Sie Vorräte angelegt?“
„Ja.“
„Und was haben sie da alles so angelegt?“
„Reis, Nudeln, Konserven.“
„Zwei, drei Tage würden wir schon hinkriegen.“
„Okay, haben sie schon mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht wichtig wäre, ein bisschen mehr Bevorratung anzuschaffen?“
„Nein, eigentlich nicht, ich sehe gar keine Bedrohungslage jetzt so eine kurzfristige, die das nötig machen würde. „
„Ja, wir trinken Leitungswasser, und deswegen haben wir kein Wasser zuhause.“
„Ich hab keinen Gaskocher zuhause, kein Campingkocher. Meinen Sie, ich müsste mich jetzt noch vorbereiten?“
„Das wäre nicht schlecht.“
Denn: Die Bedrohungen wachsen. Zum Beispiel ein russischer Cyberangriff auf Stromnetze oder andere Infrastruktur ist heute wahrscheinlicher als noch vor Jahren. Und bei einem mehrtägigen Stromausfall wäre auch die Wasserversorgung gefährdet.
Sich ausstatten für den Fall von Krisen und Katastrophen - das empfiehlt auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Doch wie viele in Deutschland haben vorgesorgt? Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag von REPORT MAINZ.
Viele Bürger haben nicht die empfohlenen Vorräte und Geräte
Trinkwasser und haltbare Lebensmittel wie Konserven, Reis, Nudeln oder Fertiggerichte für zehn Tage werden empfohlen. Doch 59 Prozent der Befragten haben diese Vorräte nicht im Haus. Eine stromunabhängige Kochmöglichkeit wie Camping- oder Gasgrill sowie Brennstoffe fehlen danach bei 49 Prozent der Befragten. Und ein Radio mit funktionsfähigen Batterien oder ein Kurbelradio fehlen bei 58 Prozent der Befragten.
Kochen ohne Strom – in Finnland wird das trainiert
Ganz anders in Finnland - kein anderes Land in Europa hat seine Bürger besser auf Krisen vorbereitet. Ville Leinonen ist der Sicherheitsmanager der Stadt Joensuu. Er will uns zeigen, auf welche Fähigkeiten es etwa bei einem Stromausfall ankommt. Denn mit einer solchen Bedrohung rechnen die Finnen längst - sei es durch den Nachbarn Russland, oder einfach durch einen strengen Winter.
„Wir haben ein großes Wissen und eine große Bereitschaft aufgebaut, die es uns leichter machen, solche schwierigen Situationen zu meistern. Es ist einfach gut zu wissen, dass jeder einzelne dann etwas zur Lösung beitragen kann.”
Ganz konkret heißt das zum Beispiel: Jeder in Joensuu soll in der Lage sein, ohne Strom zu kochen - notfalls auch im Winter bei Kälte draußen mit Campingkocher und Konserven. Tiina Anola-Pukkila von der Hilfsorganisation „Martha” sorgt seit Jahren mit Kursen dafür, dass jeder in Joensuu das lernt und zeigt das auch uns. Heute gibt es Nudeln mit Fisch.
„Wir von Marta finden, das jeder diese wichtigen Haushaltstätigkeiten beherrschen muss - in jeder Lage. Drinnen und draußen, auch unter schwierigen und sogar extremen Bedingungen. Das ist der Kern unserer Arbeit.”
„Und dieses Wissen vermittelt Martha mit Kursen auch an Kinder. Genauso wie andere Organisationen, etwa die Pfadfinder. Schon die kleinen Kinder lernen, welche Gefahren es beim Kochen mit Feuer und Gas gibt. Und dann sie sind in der Lage, mit solchen Geräten zu kochen.”
Weil fast jeder einzelne durch regelmäßiges Üben in zivilgesellschaftlichen Organisationen von Klein auf solche Fähigkeiten erlerne, sei Finnland auf Krisen gut vorbereitet.
Krisenvorsorge - auch auf Ebene der Kommunen
Dass auch seine Bürger so gut vorsorgen, will Christian Kromberg, Ordnungsdezernent von Essen. Er hat eine Broschüre mit Empfehlungen für Vorräte und Verhaltensweisen sowie Hinweisen auf lokale Anlaufstellen aufgelegt und will sie an alle Haushalte der Stadt per Post verteilen. Das sieht er als eine kommunale Pflicht.
„Wir haben diese Broschüre erstellt und gedruckt, weil es uns wichtig ist, dass die Bürgerinnen und Bürger direkt etwas in die Hand bekommen. Nicht nur im Internet selber nachschauen müssen, sondern etwas im Briefkasten finden, was neugierig macht und dass der Bürger dann die Gelegenheit nutzt, sich wirklich intensiv mit dieser Frage auch mal auseinanderzusetzen.“
Anlaufstellen für Bürger im Katastrophenfall
Die Stadt Essen will aber auch dann für die Bürger da sein, wenn der Krisenfall eingetreten ist. Dazu haben sie sich etwas ausgedacht. In der Feuerwehrzentrale lagern 20 Koffer. Mit denen sollen im Notfall ganz schnell Anlaufstellen für Bürger quer durch die Stadt aufgebaut werden.
„Diese Notfallkoffer sind einfach wichtig, weil wir bei einer langanhaltenden Krise, zum Beispiel einem flächendeckenden Stromausfall, ja keinen Notruf mehr absetzen können. Das bedeutet, ich habe das Handynetz, was funktioniert nicht mehr, das Festnetztelefon funktioniert nicht. Ich muss irgendwie aufmerksam machen, hier ich habe ein Problem, ich brauche Hilfe.“
Erkennbar sind diese Punkte an einer großen Flagge in Blau - der Farbe der Stadt. Alle drei Kilometer sollen die Bürger im Katastrophenfall einen dieser Leuchttürme finden. Ausgestattet mit Notstrom und mit Funkgeräten, die auch bei Stromausfall funktionieren. Hier können Menschen etwa einen medizinischen Notruf absetzen, wenn ihr Telefon nicht mehr geht. Die Verwaltungsmitarbeiter wurden dafür speziell geschult.
„Der Notfall-Informationspunkt 7 ist einsatzklar.”
Doch sind alle Kommunen so gut vorbereitet?
Unterschiede bundesweit sehr groß
Um das herauszufinden haben wir gemeinsam mit dem SWR Datalab alle 411 Landkreise und kreisfreien Städte bundesweit befragt. Rund 80 Prozent haben uns geantwortet.
Ergebnis: 14 Prozent antworten, dass sie gar keine solchen Anlaufstellen wie in Essen haben, die binnen weniger Stunden einsatzfähig wären. Gut ein Viertel hat keinen Einsatzplan für Stromausfälle. Und 47 Prozent - also knapp die Hälfte - haben nach eigenen Angaben kein sofort einsatzfähiges Konzept zur Notwasserversorgung.
Der Krisen- und Katastrophenforscher Martin Voss ist skeptisch, wie praxistauglich die Pläne der Kreise und Städte sind - und ob das Personal in den Kommunen überhaupt in der Lage ist, die Pläne im Ernstfall umzusetzen.
„Nur weil ein Plan da ist, heißt das ja auch noch nicht, dass auch tatsächlich jeder weiß, was er zu tun hätte. Und das kann ich als Bürger:in überhaupt nicht erkennen, wie weit meine Kommune vorbereitet ist. Insofern ist das Glückssache, wo ich gerade wohne. Wenn denn der Strom ausfällt. Und es gibt letztlich auch in der Kommune dann meistens niemanden, der ihnen da wirklich ganz robuste Antwort geben kann.“
Einige haben gar keine Pläne
Noch deutlicher wird der Leiter einer Katastrophenschutzbehörde aus einem Landkreis in Süddeutschland. Er möchte anonym bleiben, aus Angst vor Ärger mit seinen Vorgesetzten. Sein Landkreis sei für Katastrophenzeiten schlecht aufgestellt, sagt er:
„Wenn bei uns morgen der Strom ausfällt, stehen wir ziemlich planlos dar. Niemand wüsste genau, was zu tun ist. Einen Notruf absetzen könnte man theoretisch bei der Feuerwehr, aber wir haben das Szenario auch nie geübt. Ich habe das Gefühl, bei uns in Deutschland setzt immer so eine Katastrophendemenz ein. Da gibt es ein großes Schadensereignis, wie die Ahrtalflut. Und alle sind aufgeschreckt und ein halbes Jahr später ist alles wieder vergessen. Dann empfindet man Investitionen in den Katastrophenschutz, der ja eine Pflichtaufgabe ist, als viel zu teuer. Wenn man bedenkt, damit kann man im Zweifel Leben retten, halte ich das schon für sehr bedenklich.”
Viele Kommunen fordern klare Mindeststandards
Was er sich wünscht: bundesweite Mindeststandards für die Kommunen, vorgegeben von Bund und Ländern.
Bisher gibt es so etwas nicht.
Wir haben in einer weiteren Umfrage danach gefragt. 130 Städte und Kreise haben anonym geantwortet - 114 von ihnen fordern Mindeststandards.
„Wenn es keine Mindeststandards gibt, dann ist es letztendlich im Ermessen einer jeden Kommune darüber nachzudenken, welches Sicherheitsniveau sie selber erreichen möchte, welche Ressourcen investiert werden, welches Personal dafür bereitgestellt wird. Und das bedeutet, dass wir einen Flickenteppich haben, unterschiedlicher Sicherheitsniveaus was sehr bedauerlich ist.“
Doch die Bundesregierung und die meisten Länder verweisen darauf, dass die Zuständigkeit für den Katastrophenschutz bei den Kommunen liege. An dem Flickenteppich dürfte sich also vorläufig nichts ändern.