Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Terroranschlag auf den CSD – Islamistenhass gegen Queere
Pressemitteilung zum Beitrag:
Anschlag auf CSD: Mann war „nicht fassbar“ und „undurchschaubar“
Text des Beitrags:
Wir treffen Tugay Sarac - am Gedenkort vor dem Brandenburger Tor. Am Samstag hatte er beim CSD noch mitgefeiert, bis es zu dem terroristischen Anschlag kam. Der Schock sitzt bei ihm noch tief.
„Bedrückend. Ich bin gerne hier, aber es tut doch auch wieder weh.“
Tugay Sarac ist Muslim, engagiert sich in der queeren Community. Am Samstag war er mit seinem Ehemann unterwegs. Nach der Evakuierung habe er erst langsam realisiert, was passiert war.
„Der Moment, wo es eingeschlagen ist, dass eine Katastrophe passiert ist, war, als ich weiter Richtung Charité ging und ein Krankenwagen und ein Polizeiwagen nach dem anderen mit Martinshorn an uns vorbeigefahren ist. Ich bin jetzt niemand, der oft heult eigentlich. Aber da konnte ich nicht anders.“
Dabei hatte es so fröhlich begonnen. Den ganzen Tag ausgelassene Stimmung.
Abends, gegen 22 Uhr dann das abrupte Ende. Kurz zuvor ist ein Fahrzeug in die Menge gefahren. Eine Frau stirbt. Es gibt viele Verletzte.
Abdul B.: Seit langem als Islamist bekannt
Das Tatfahrzeug, diesen weißen Transporter, soll er angemietet haben: Der mutmaßliche Täter Abdul B., ein seit langem behördenbekannter Islamist.
Hatte er es gezielt auf queere Menschen abgesehen?
Tugay Sarac, der in seiner Jugend selbst radikalisiert war, engagiert sich inzwischen in einer Moschee für einen Islam, der offen ist für Schwule, für queere Menschen. Er kennt den Hass von Islamisten gegen Schwule. Islamisten diffamierten ihn deshalb als Ungläubigen.
„Ich kann damit leben, dass Menschen glauben, ich sei kein Muslim. Das ist für mich kein Problem. Wo es problematisch wird, ist, wenn ich Beleidigungen und Morddrohungen kriege.“
Homosexuellen- und Queerfeindlichkeit im Netz
Schon vor drei Jahren berichtet REPORT MAINZ über die LGBTQ-Community. Und die islamistische Propaganda dagegen. Hetze gegen Schwule und Lesben im Netz.
„LGBTQ - eine der schlimmsten Anti-islamischen Ideologien, die man sich nur denken kann.“
Eine sexuelle Orientierung, die Terrorgruppen wie der IS auch mit Gewalt bekämpfen, sagt der Sicherheitsexperte Hans-Jakob Schindler.
„Der IS hat es ja auch mit Videos während seinem Kalifat mehrfach belegt, indem er Schwule von den Häuserdächern geworfen hat, nach einem Scharia-Gerichtsbeschluss. Also die Queerfeindlichkeit, die Homophobie aller Islamisten ist absolut mehrfach belegt.“
Islamistische Angriffe auf Schwule: Der Fall Dresden
Oktober 2020 in Dresden: Ein schwules Paar wird von einem Islamisten mit zwei Messern angegriffen. Einer der Männer stirbt. Der Attentäter, ein damals 21-jähriger Syrer, wird später zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Thomas Mücke ist Geschäftsführer der De-Radikalisierungsstelle VPN. Seine Mitarbeiter haben den Syrer damals betreut. Er erkennt in dem Fall mehr als nur Schwulenhass.
„Der Hass ist gegen alle Menschen, die sich in einer Demokratie freiheitlich bewegen wollen, die vielfältig sein wollen. In dieser Szene ist die Feindesliste extrem groß. Es werden Events, Orte gezeigt, zum Beispiel Musikfestivals, Oktoberfest. Alles das ist Zielpunkt von terroristischen Gruppierungen.“
Der Angriff auf den CSD in Berlin: Für Abdul B. ein bewusstes Ziel? Welche Ideologie teilt er?
Abdul B.: Hetze gegen die Demokratie auf Telegram
Es gelingt uns, seinen mutmaßlichen Telegram-Kanal ausfindig zu machen. Hier gibt es Dutzende Videos und Audiodateien - offenbar von Abdul B. selbst aufgenommen. Schwulenhass finden wir hier nicht. Eher eine Welt religiöser Botschaften, etwa aus dem Koran.
Im Juli 2025 äußert er sich allerdings klar zum Thema Demokratie:
„Das Urteil gehört nur Allah. So diese Leute, die im Parlament sind, und das sind die Herrscher, die später Herrschern werden [...] machen sie sich zu Rivalen neben Allah und derjenige der sie wählt und sie unterstützt, begeht den großen Kufr.“
Kufr- Also großen Unglauben begehen.
Hier am Amtsgericht Tiergarten wird Abdul B. im Mai verurteilt. Auch hier spielte Schwulenhass keine Rolle.
Ausreiseversuch zum IS
Abdul B. wollte zur Terrormiliz IS ausreisen. Dafür bekam er eine Jugendstrafe, also eigentlich Haft. Doch er kam vorerst auf freien Fuß. Die Auflage: Er musste an einem De-Radikalisierungsprogramm teilnehmen.
Auch dafür zuständig: Thomas Mücke und seine Mitarbeiter. Das Ergebnis nach zwei Vorgesprächen mit Abdul B.:
„Die Person war sehr zurückhaltend, sehr ausweichend, sehr kontrolliert in den Antwortgebungen. Es waren auch Zweckantworten dabei gewesen. Und damit war sie für uns nicht durchschaubar.“
Noch vor dem dritten Gespräch verübt Abdul B. mutmaßlich dann das Attentat. Inzwischen ist ein Video aufgetaucht, in dem er sich zum IS bekennt.
Der Bundesinnenminister thematisiert das Vorgehen des Amtsgerichts Tiergarten.
„In der Tat wird zurzeit sehr die Frage danach gestellt, wie kann eigentlich bei jemanden, den man als Gefährder identifiziert, eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Auch dem wird detailliert nachgegangen.“
De-Radikalisierung bereits in Untersuchungshaft?
Diskutiert wird auch über ein härteres Vorgehen gegen Gefährder. Einsatz von Fußfesseln, Anwendung des strengeren Erwachsenenstrafrechts für gewaltbereite Jugendliche.
Auch Lamya Kaddor, Innenpolitikern der Grünen, spricht sich für ein hartes Vorgehen aus, plädiert auch noch für etwas anderes: De-Radikalisierungsmaßnahmen sollten bei Islamisten wie Abdul B. schon früher beginnen, schon während der Untersuchungshaft.
"Bei vorbestraften jugendlichen Straftätern, die auch noch unter Jugendstrafe und Jugendstrafrecht laufen, ist es unbedingt angezeigt, noch in der U-Haft solche Maßnahmen durchzuführen. Also gerade dann, wenn es schon den Versuch der Ausreise gab, um sich dem IS anzuschließen."
Wir fragen bei allen Justizministerien nach.
Ergebnis: In neun von 16 Bundesländern werden in der Untersuchungshaft zumindest Erstgespräche angeboten - solange der Inhaftierte dies ausdrücklich wünscht. Auch in Berlin. Allerdings nur „nach besonders gründlicher Prüfung im Einzelfall“.
Im Fall von Abdul B. gab es solche Erstgespräche in der U-Haft offenbar nicht. Ob sie an seinen mutmaßlichen Anschlagsplänen etwas geändert hätten?
Am Sonntag wird er in dieser Kleingartenanlage von der Polizei erschossen.
Tugay Sarac will sich weiter engagieren. Damit junge Muslime nicht so einen Weg einschlagen.