Glauben | ARD-Reihe „Heilige Orte“ (4/6)

Bad Wilsnack – Wunder und Wellness

Wunder finden sich manchmal an Orten, an denen man sie nicht erwartet: Das brandenburgischen Städtchen Bad Wilsnack war im Mittelalter Pilgerziel für Menschen aus ganz Europa. Der wundertätige Leib Jesu, den sie verehrten, ist lange schon verschwunden. Aber der Ort hat seinen Zauber bewahrt.

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Von Autor/in Kirsten Dietrich

Die Kirche ist viel zu groß für den Ort. Hoch hinaus über die Dächer des Städtchens Bad Wilsnack im äußersten Nordwesten von Brandenburg ragt das Kirchenschiff der Kirche St. Nikolai. Besser bekannt ist die gotische Backsteinkirche unter einem anderen Namen: die Wunderblutkirche von Wilsnack. Denn im Mittelalter war dies ein Ort der Wunder und Sehnsuchtsziel von Pilgerscharen aus ganz Nord- und Mitteleuropa.

Wunderblutkirche
Wunderblutkirche @rbb/Kirsten Dietrich

Alles fing an im Sommer 1383. Ein regionaler Konflikt eskalierte. Ein erzürnter Ritter brannte das ganze Dorf Wilsnack ab, die Bewohner konnten nur ihr Leben retten. Der Dorfpfarrer durchsuchte wenige Tage nach dem Brand die Trümmer der Kirche – und fand Erstaunliches. Drei Hostien, dünne Brotscheiben fürs Abendmahl, hatten nicht nur das Feuer überstanden. Sie waren auch trocken, obwohl es auf die Trümmer geregnet hatte. Für den Pfarrer ein klarer Fall: Hier war ein Wunder geschehen.

Der wundertätige Leib Jesu Christi

Nicht alle waren vom Wunder überzeugt. Der Bischof von Havelberg, zuständig für Wilsnack, gehörte anfangs zu den Skeptikern. Aber als er die Hostien inspizierte, entdeckte er auf ihnen Blutstropfen – so erzählen es die Quellen im Nachhinein. Ein Zeichen für das wundergläubige Mittelalter: Was da in den Trümmern gefunden wurde, war nicht weniger als Teil des Leibes Jesu Christi. Das passte zur Theologie der Zeit und vor allem zu den frommen Sehnsüchten der Menschen.

Die Nachricht von der wundertätigen Kraft der drei Hostien verbreitete sich weit über Wilsnack hinaus. Die Kirche wurde neugebaut und dann vergrößert, bis zur heutigen gotischen Hallenkirche, breit und vor allem hoch. Sie wurde ein Pilgerziel für die Massen. Rund 150 Jahre blühte die fromme Betriebsamkeit. Dann kam die Reformation. Ein örtlicher Pfarrer verbrannte die Hostien. Gar nicht unbedingt ein demonstrativer Akt, mehr Zeichen für einen neuen Glauben.

Durchbetete Steine sind auch heute spürbar

"Das Wunderblut heißt ja nicht umsonst Wunderblut, sondern es war in der Lage Dinge zu tun, die kein Mensch tun konnte“, sagt Jochen Purps, mit einem Hauch Amusement über vergangene Zeiten. Als Dank für Heilungen und die Rettung aus Gefahren hatten Pilger die Kirche mit Kostbarkeiten gefüllt. Fast nichts davon ist erhalten geblieben – nur ein Straußenei und einige Walknochen. Jochen Purps ist Vorsitzender des Fördervereins, der sich seit gut zwanzig Jahren um den Erhalt und um neues Leben für die Wunderblutkirche kümmert. Denn auch ohne kostbaren Schmuck geht von dem hohen Kirchenschiff auch heute noch Kraft aus – das spüren nicht nur die Fledermäuse, die nachts unter den hohen Gewölben flattern.

Seit 2004 wird die Kirche saniert. Vor allem die Wunderblutkapelle, ein abgeschlossenes Gewölbe nahe beim Altar, in der früher die wundertätigen Hostien lagen. Das Gewölbe hat neue Glasfenster bekommen, gestaltet von der deutsch-japanischen Künstlerin Leiko Ikemura. Der Raum wirkt dadurch wärmer und hoffentlich auch spiritueller, sagt Pfarrerin Anna Trapp. "Hier haben schon so viele Menschen gebetet, das hat eine unglaubliche Stärke."

Wunderblutkapelle
Wunderblutkapelle rbb/Kirsten Dietrich

Heilung als neues Wunder

Als die Pilgerströme versiegten, musste der Ort sich neu erfinden. Man knüpfte dabei an Bewährtes an und setzte auf Heilung. Kurz nach 1900 bestätigte sich die heilende Kraft der örtlichen Moorerde. Bad Wilsnack ist inzwischen Kurort, setzt auf Thermalbad, Reha-Klinik und Rheumatherapie. Und auch in der Kirche ist inzwischen neues Leben eingezogen.

Auch wenn alles an der Wunderblutkirche unter Denkmalschutz steht – Pfarrerin Anna Trapp schätzt es sehr, dass ihre engagierte Gemeinde sehr offen und unbeschwert neue Ideen für die Kirche umsetzt. 119 km Pilgerweg ab Berlin wurden eingerichtet und eine Unterkunft für Pilger im Gemeindegarten. Und einmal im Jahr wummern die Bässe durch die Kirche, während die Gewölbe bunt erstrahlen: dann wird die Wunderblutkirche zum Rave-Tempel.

Wunder können Menschen auch heute gebrauchen

Die Kirche ist seit der Reformation evangelisch. Aber Pfarrerin Anna Trapp möchte die Tradition fruchtbar machen. Glaube muss konkret und spürbar sein, davon ist sie überzeugt. Und genau dafür ist die Wunderblutkirche von Bad Wilsnack der richtige Ort. "Natürlich ist das ein heiliger Ort. Weil Menschen hier eine Erfahrung machen, die ihnen heilig ist."

Teil 5: Lebendige Urzeit - Der Nationalpark Kellerwald, Sonntag, 23. August 2026, 12.04 Uhr

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Autor/in
Kirsten Dietrich
Redakteur/in
Liane Gruß (rbb)