Sonntag, Punkt 13 Uhr: Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (EVA) öffnet ihre Türen. Die langen Tische sind gedeckt, Kaffee und Kuchen stehen bereit. Birgit Auer, Leiterin der Stadtmission der EVA, begrüßt ihre Gäste. Der Sonntag ist ihr wichtig. Und gerade deshalb arbeitet sie auch an dem Tag, sagt Auer: Damit ihre Gäste auch sonntags Gemeinschaft erleben. „Oft sind es Menschen, die prekär wohnen, kleine oder gar keine eigene Wohnung haben und dann ist das ihr Wohnzimmer, wo sie sich treffen können.“
Kirchliche Begegnungsangebote gibt es viele – meist unter der Woche. Die EVA schafft mit ihrem zweiwöchigen Angebot auch sonntags einen Ort für Begegnungen, den „Offenen Sonntag“. Der Sonntag sei für die meisten der Gäste, egal ob gläubig oder nicht, ein besonderer Tag, meint Auer.
Die 86-jährige Lena, die ihren Nachnamen nicht nennen will, kommt regelmäßig, seit sie vor mehr als 20 Jahren in Rente gegangen ist. Sonst sei sie sonntags oft alleine: Viele Weggefährten seien inzwischen gestorben oder nicht mehr mobil. Hier trifft sie Menschen, unterhält sich, rätselt, freut sich an der Musik – und schwingt manchmal sogar das Tanzbein.
Der Sonntag strukturiert die Woche
Als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ ist der Sonntag durch das Grundgesetz geschützt. Geschäfte bleiben weitgehend geschlossen, Lastwagen dürfen nicht fahren, störende Arbeiten sind untersagt. Die Idee dieser gemeinsamen Pause reicht weit zurück. Bereits die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt vom siebten Tag, den Gott segnete, weil er an diesem Tag ruhte.
Über Jahrhunderte strukturierte der Sonntag das gesellschaftliche Leben. Man zog die gute Kleidung an, ging in die Kirche und traf sich anschließend zum gemeinsamen Mittagessen. Heute verschwimmt diese Grenze. Knapp zehn Prozent der Erwerbstätigen arbeiten inzwischen auch sonntags.
Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Religion ab: Nur noch rund die Hälfte der Bevölkerung gehört einer der beiden großen Kirchen an, regelmäßige Gottesdienstbesuche sind selten. In unserer zunehmend säkularen Gesellschaft verliert der Sonntag seine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Religion ab: Nur noch rund die Hälfte der Bevölkerung gehört einer der beiden großen Kirchen an, regelmäßige Gottesdienstbesuche sind selten. In unserer zunehmend säkularen Gesellschaft verliert der Sonntag seine Selbstverständlichkeit.
Debatte um Ladenöffnungen am Sonntag
Und so häufen sich die Forderungen, den Schutz des Sonntags – dieses in religiösen Traditionen wurzelnden Ruhetags – zu lockern. Soll doch jeder für sich entscheiden, ob und wann er oder sie Pause machen will! Erst vor Kurzem ist die Debatte neu entbrannt. Auslöser ist ein Vorstoß der Bundesregierung, Bäckereien und Konditoreien sonntags längere Öffnungszeiten zu ermöglichen. Handelsvertreter fordern weitergehende Lockerungen, um Innenstädte und Handel zu stärken.
Kirchen und Gewerkschaften halten dagegen. Schon seit 20 Jahren setzten sie sich gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in der „Allianz für den freien Sonntag“ gegen eine weitere Ausweitung der Sonntagsarbeit ein. Die Allianz gibt beispielsweise Stellungnahmen ab, wenn wie derzeit über Ladenöffnungszeiten diskutiert wird.
Geschichte des arbeitsfreien Sonntags
„Der Mensch ist nicht nur zum Arbeiten da“, sagt Gudrun Nolte, Vorsitzende des Evangelischen Verbands Kirche, Wirtschaft und Arbeitswelt und Mitglied der Allianz für den freien Sonntag. Der Sonntag sei eine sozialpolitische Errungenschaft – und ein notwendiges Gegengewicht zu einer Gesellschaft, in der ständige Aktivität zur Norm geworden sei. „Es ist ja heute fast verpönt zu sagen: Ich tue nichts.“
Entschleunigung und Erholung
Dabei haben fehlende Erholungszeiten Folgen, wie Studien belegen. Forschende der Universität Bern haben im Jahr 2025 von einem erhöhten Risiko für Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und emotionale Erschöpfung bei regelmäßiger Sonntagsarbeit berichtet. Betroffen seien nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch ihr familiäres Umfeld.
Viele – vor allem Selbstständige – arbeiten auch am Wochenende. Den Sonntag aber halten sich viele nach wie vor frei. So arbeitet fast jeder zweite Selbstständige am Samstag. Sonntags hingegen sind es lediglich 16 Prozent
Und dennoch: Praktisch wär’s schon manchmal, meint die junge Frau, die Anfang Mai zum verkaufsoffenen Sonntag ins baden-württembergische Fellbach gekommen ist. Die Straßen der Kleinstadt sind gut besucht, es wird musiziert, gebastelt, gegessen. „Ich bräucht’s nicht“, sagt die Verkäuferin, die an diesem Tag im Supermarkt steht. Doch mittlerweile seien sie es fast schon gewohnt.
Sonntagsschutz im säkularen Staat
Gudrun Nolte vom Verband Kirche, Wirtschaft und Arbeitswelt betont auch wirtschaftliche Risiken. Würde der Sonntag zum normalen Arbeitstag, würden finanzielle Zuschläge entfallen. Natürlich brauche es Ausnahmen – etwa in Krankenhäusern oder im Kulturbereich. Entscheidend sei der Zweck: Begegnung und gesellschaftliches Leben ja, grenzenloser Konsum nein.
2009 stärkte das Bundesverfassungsgericht den Sonntag in einem Grundsatzurteil. Mit der Säkularisierung habe sich die Bedeutung des Sonntags verschoben, sagt Nothelle-Wildfeuer. „Dieses Urteil hat klar gesagt: Der Sonntagsschutz ist nicht mehr nur ein religiöses Sonderrecht.“ Sondern ein gemeinwohlrelevantes Gut, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Der Sonntag gibt der Woche einen gemeinsamen, für alle verbindlichen Rhythmus.
Ist der Sonntag Einstellungssache?
Letztlich, sagt die Freiburger Theologin Ursula Nothelle-Wildfeuer, komme es ohnehin auf die innere Einstellung an: Weder Staat noch Kirche können Ruhe verordnen und vor Freizeitstress schützen: „Ich glaube, der Sonntag ist ein Tag, den man mit einer anderen Haltung begehen sollte. Man kann sonntags alles tun, aber mit einer anderen Einstellung.“