Alphabetisierungs-Tag: So herausfordernd ist der Alltag für Analphabeten

Erwachsene, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Allein in Baden-Württemberg soll es bis zu 750.000 funktionale Analphabeten geben. Also, Menschen, die zwar einzelne Wörter oder Sätze lesen und schreiben können, aber keine längeren, zusammenhängenden Texte verstehen.

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Etwa zwölf Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland kann nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben. Um den Alltag zu bewältigen, müssen die Betroffenen improvisieren. Oft seien es ganz banale Situationen, sagt Knut Becker von der Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung in Baden-Württemberg. Beispielsweise bei einem Arzttermin: "Stellen Sie sich vor, Sie warten vor der Praxistür, dass Sie hereingelassen werden. Sie warten und warten - weil Sie nicht lesen können, dass da ein Schild steht: Bitte klingeln."

"Sie erkennen nicht, warum das Fleisch an der Theke so günstig ist"

Oder im Supermarkt: "Sie laufen herum, Zahlen können Sie gut erkennen. Sie sehen, Fleisch ist wahnsinnig teuer. Dann kommen Sie an eine Theke, an der das Fleisch wahnsinnig billig ist. Sie freuen sich. Was Sie nicht lesen können, ist, dass es sich hier um Tierfutter handelt", beschreibt Becker eine weitere typische Situation von Analphabeten.

Bildung Millionen Analphabeten – Wie Erwachsene richtig lesen und schreiben lernen

Rund sechs Millionen Erwachsene können, trotz Schulabschluss und Job, nur einzelne Sätze lesen oder schreiben. Schon einfache Texte werden zum Problem. Die wenigsten suchen Hilfe.

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Fehlende Kommunikation im Elternhaus spielt eine wichtige Rolle

Dabei sei funktionaler Analphabetismus nicht nur ein individuelles Problem. Nach Beckers Worten sind immer auch schulische und gesellschaftliche Faktoren verantwortlich, dass eine Person nicht ausreichend Kompetenzen aufbauen kann. "Ein ganz zentraler Punkt ist, dass die häusliche Kommunikation eingeschränkt war." Kurz gesagt: Im Elternhaus wurde einem nicht vorgelesen oder man wurde nicht angeregt, selbst zu lesen. Kommen dann noch negative Lernerfahrungen in der Schule und später in der Ausbildung dazu, seien Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben vorprogrammiert.

Wie können Familien von Analphabeten helfen?

Die Familienmitglieder müssten das Problem erkennen und die Situation verändern wollen. Hilfsangebote, um als Erwachsener Lesen und Schreiben zu lernen gebe es. "In Baden-Württemberg gibt es ein relativ flächendeckendes Netz an Möglichkeiten. Wir haben an acht Standorten im Land Grundbildungsstellen, die eine Anlaufstelle sein können. Wir haben aber auch an vielen Orten Volkshochschulen, die ein entsprechendes Programm anbieten", so Becker im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex.

Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Ulrike Alex
Porträtfoto von Ulrike Alex
Onlinefassung
Michael Paufler