SWR1 Sonntagmorgen

Reichtum und Elite - Aufstiegschancen in Deutschland

Jeder, der sich anstrengt, kann es ganz nach oben schaffen. Dieser Satz hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Seit 150 Jahren bleiben die Macht-Eliten in Deutschland unter sich.

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Stand

Der Darmstädter Soziologe und Elite-Forscher Michael Hartmann hat die deutsche Macht-Elite seit Jahrzehnten erforscht. Elite - das sind Personen, die qua Amt oder qua Eigentum - wie etwa die Unternehmer-Familien Quandt oder Porsche - gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen könnten, erklärt der frühere Soziologie-Professor im Interview mit SWR1 Sonntagmorgen. Einfluss nehmen könne die Elite beispielsweise durch Entscheidungen in der Wirtschaft, etwa wie viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Kaum Aufstiegschancen in der Wirtschaft

Bei der Macht-Elite handelt es sich laut Michael Hartmann um maximal 4.000 Personen in Deutschland. Insbesondere in der Wirtschaft sei die Elite geschlossen, da stammten über vier Fünftel aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung. In der Justiz und Verwaltung seien es um die 70 Prozent. Am offensten für Aufsteiger ist die politische Elite, erläutert der Soziologe, weil bei den Wahlen die Bevölkerung mitentscheiden könne.

Dieses unter-sich-bleiben in den Chef-Etagen der Wirtschaftsunternehmen sei kein bewusster Prozess, so der Elite-Forscher. Sondern die Rekrutierung funktioniere nach dem Prinzip der Ähnlichkeit.

Die suchen nach so etwas wie dem Alter Ego, sie selbst sind der Meinung, sie sind die richtigen Leute am richtigen Platz und haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie man da zu sein hat, wie man sich gibt, wie man auftritt, wie man redet.

Vieles funktioniere über Ähnlichkeiten, Sympathien, gemeinsame Hobbies. Und genau da sorge über lange Jahrzehnte dafür, dass immer wieder dieselben Muster greifen.

Frauenquote sorgt für Chancengleichheit

Besonders anschaulich werde das am Beispiel der Frauen, betont Michael Hartmann. Frauen hätten in den vergangenen Jahrzehnten keine Chance gehabt, weil in den Machtpositionen der Wirtschaft nur Männer saßen. „In dem Augenblick, wo die Frauenquote beschlossen worden ist, sind Frauen in nennenswertem Umfang in die Vorstandsetagen eingezogen.“ Allerdings seien diejenigen Frauen, die es bisher geschafft haben, sozial noch exklusiver in ihrer Herkunft als die Männer.

Um Menschen aus armen oder bildungsfernen Familien den Aufstieg zu ermöglichen, hält Soziologe Hartmann eine Arbeiterkinder-Quote für ein sinnvolles Instrument, sagte er im SWR-Interview. Andernfalls dauere es noch sehr lange, bis sich die Machtverhältnisse in Deutschland änderten.

Arbeiterkinder müssen viele Hürden bewältigen

Wie schwer der Aufstieg für Arbeiterkinder in Deutschland heute noch ist, zeigt das Beispiel von Sarah. Die 29-Jährige ist studierte Soziologin und arbeitet in der Erwachsenenbildung. Sarah ist sogenannte Erst-Akademikerin, also Bildungsaufsteigerin. Sie habe viel Mut gebraucht, erzählt Sarah, um als erste in der Familie zu studieren. So ganz ohne Vorbilder. Eine weitere große Hürde: Geld. Sarahs Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen. Sie hat deshalb vor und während des Studiums immer gearbeitet.

Diese Hürden erzeugen Stress, Druck - und kosten Zeit. Der Wendepunkt kam für sie, als sie Arbeiterkind.de kennen gelernt hat. Der Verein unterstützt Arbeiterkinder dabei, als erste in ihrer Familie zu studieren.

Es gibt viele Veranstaltungen, es gibt ein großes Netzwerk. Man lernt eben auch, dass es eben kein individuelles Thema ist, dass viele andere sehr ähnliche Hürden auch haben.

Inzwischen engagiert Sarah sich bei Arbeiterkind.de, ist selbst Mentorin und Botschafterin. Sie hofft, durch ihr Engagement auch Vorurteile abbauen zu können. Denn viele Menschen, die diesen Weg als erstes gehen, seien sehr diszipliniert, sehr motiviert. "Und das würde ich mir wünschen, dass dafür die Sichtbarkeit da ist."

Millionen-Erbin setzt sich für Steuergerechtigkeit ein

Stefanie Bremer musste sich nicht hoch kämpfen, sie ist qua Geburt reich. Die junge Millionen-Erbin, die eigentlich anders heißt, besitzt Anteile an einem schwäbischen Familienunternehmen. Das Pseudonym verwendet sie nach eigenen Angaben aus Rücksicht auf ihre Familie. Stefanie Bremer engagiert sich bei Tax me now, einer Initiative von Vermögenden, die sich für Steuer-Gerechtigkeit einsetzt. Die Initiative fordert unter anderem, die Vermögenssteuer wieder in Kraft zu setzen und weniger Steuer-Ausnahmen bei Erbschaften zu machen.

Stefanie Bremer ist das Thema sehr wichtig, erzählt sie im Interview mit SWR1 Sonntagmorgen, "weil wir in Deutschland eine massive Vermögens-Ungleichheit haben. Die reichsten zehn Prozent in Deutschland kontrollieren 67 Prozent des gesamten Vermögens in Deutschland." Sie besäßen Immobilien und Unternehmen und hätten so Einfluss auf den Alltag vieler Menschen.

Steuern sind ein bewährtes Mittel, um Ungleichheit zu bekämpfen.

Zurzeit werde Arbeit und Konsum extrem hoch besteuert, auch weil Vermögen so gering besteuert würden, so die Millionärin und Aktivistin. Dabei wäre das durchaus möglich, es gebe verschiedene funktionierende Konzepte der Vermögensbesteuerung. "Wenn wir Vermögen höher belasten, können wir Löhne und Konsum entlasten, und das würde einem Großteil der Bevölkerung zugute kommen." Die Lobby-Arbeit der Überreichen habe lange gut und unwidersprochen funktioniert, sagt Stefanie Bremer. Sie sehe aber Bewegung in der Diskussion und Interesse von der Politik und glaube fest daran, dass die Situation verändert werden könne.

Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Leonore Kratz
SWR-Redakteurin Leonore Kratz
Redakteur/in
Claudia Bathe