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KONZERTTERMIN
So 12. Juli 2026
Beginn Wanderkonzert: 17 Uhr
Einlass 16 Uhr
Beginn Finale (Station 4 bei der Grabkapelle): 20.30 Uhr
Einlass Gelände Grabkapelle: 19 Uhr
Veranstaltungsende: gegen 21.15 Uhr
PROGRAMM
Gustav Mahler
(1860-1911)
„Das Lied von der Erde“ für Soli und Kammerorchester. Eine Sinfonie
Bearbeitung: Rainer Riehn, Arnold Schönberg
Mitwirkende
Isabelle Druet, Mezzosopran
Maximilian Schmitt, Tenor
Mitglieder des SWR Symphonieorchesters:
Jermolaj Albiker und Michael Dinnebier, Violine
Raphael Sachs, Viola
Frank-Michael Guthmann, Violoncello
Philipp Paireder, Kontrabass
Christina Singer, Flöte
Joaquin Sanz, Oboe
Dirk Altmann, Klarinette
Hanno Dönneweg, Fagott
Thierry Lentz, Horn
Teodoro Anzellotti, Akkordeon
Markus Maier, Schlagzeug
Alfonso Gómez, Klavier
François-Xavier Roth, Dirigent
KONZERTABFOLGE
ERSTE STATION
(Mit herzlichem Dank an unseren Kooperationspartner „Weingut Wöhrwag“)
„Das Trinklied vom Jammer der Erde“ (Allegro pesante)
„Der Einsame im Herbst“ (Etwas schleichend. Ermüdet)
Gemeinsamer Fußweg zur zweiten Station
ZWEITE STATION
(Mit herzlichem Dank an unseren Kooperationspartner „Weinmanufaktur Stuttgart eG“)
„Von der Jugend“ (Behaglich heiter)
„Von der Schönheit“ (Comodo. Dolcissimo)
Gemeinsamer Fußweg zur dritten Station
DRITTE STATION
„Der Trunkene im Frühling“ (Allegro. Keck aber nicht zu schnell)
Gemeinsamer Fußweg zur vierten Station
VIERTE STATION – FINALE
(Mit herzlichem Dank an unsere Kooperationspartner „Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg – Grabkapelle auf dem Württemberg“ und „1819 Bistro am Wirtemberg“)
„Der Abschied“ (Schwer)
Kooperationspartner:
Weingut Wöhrwag
Weinmanufaktur Stuttgart eG
Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg – Grabkapelle auf dem Württemberg
1819 Bistro am Wirtemberg
GESANGSTEXTE
Textvorlage: Hans Bethges, „Die chinesische Flöte“, Nachdichtungen chinesischer Lyrik
Textbearbeitung: Gustav Mahler
Das Trinklied vom Jammer der Erde (nach Li Bai)
Schon winkt der Wein im gold’nen Pokale,
Doch trinkt noch nicht, erst sing’ ich euch ein Lied!
Das Lied vom Kummer
Soll auflachend in die Seele euch klingen.
Wenn der Kummer naht,
Liegen wüst die Gärten der Seele,
Welkt hin und stirbt die Freude, der Gesang.
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.
Herr dieses Hauses!
Dein Keller birgt die Fülle des goldenen Weins!
Hier, diese Laute nenn’ ich mein!
Die Laute schlagen und die Gläser leeren,
Das sind die Dinge, die zusammenpassen.
Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit
Ist mehr wert, als alle Reiche dieser Erde!
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.
Das Firmament blaut ewig, und die Erde
Wird lange fest steh’n und aufblüh’n im Lenz.
Du aber, Mensch, wie lang lebst denn du?
Nicht hundert Jahre darfst du dich ergötzen
An all dem morschen Tande dieser Erde!
Seht dort hinab! Im Mondschein auf den Gräbern
Hockt eine wild-gespenstische Gestalt.
Ein Aff’ ist’s! Hört ihr, wie sein Heulen
Hinausgellt in den süßen Duft des Lebens!
Jetzt nehmt den Wein! Jetzt ist es Zeit, Genossen!
Leert eure gold’nen Becher zu Grund!
Dunkel ist das Leben, ist der Tod!
Der Einsame im Herbst (nach Qjan Qi)
Herbstnebel wallen bläulich überm See,
Vom Reif bezogen stehen alle Gräser;
Man meint, ein Künstler habe Staub von Jade
Über die feinen Blüten ausgestreut.
Der süße Duft der Blumen ist verflogen;
Ein kalter Wind beugt ihre Stengel nieder.
Bald werden die verwelkten, gold’nen Blätter
Der Lotosblüten auf dem Wasser zieh’n.
Mein Herz ist müde. Meine kleine Lampe
Erlosch mit Knistern, es gemahnt mich an den Schlaf.
Ich komm’ zu dir, traute Ruhestätte!
Ja, gib mir Ruh’, ich hab’ Erquickung not!
Ich weine viel in meinen Einsamkeiten.
Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange.
Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen,
Um meine bittern Tränen mild aufzutrocknen?
Von der Jugend (nach Li Bai)
Mitten in dem kleinen Teiche
Steht ein Pavillon aus grünem
Und aus weißem Porzellan.
Wie der Rücken eines Tigers
Wölbt die Brücke sich aus Jade
Zu dem Pavillon hinüber.
In dem Häuschen sitzen Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern,
Manche schreiben Verse nieder.
Ihre seidnen Ärmel gleiten
Rückwärts, ihre seidnen Mützen
Hocken lustig tief im Nacken.
Auf des kleinen Teiches stiller
Wasserfläche zeigt sich alles
Wunderlich im Spiegelbilde.
Alles auf dem Kopfe stehend
In dem Pavillon aus grünem
Und aus weißem Porzellan;
Wie ein Halbmond scheint die Brücke,
Umgekehrt der Bogen. Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern.
Von der Schönheit (nach Li Bai)
Junge Mädchen pflücken Blumen,
Pflücken Lotosblumen an dem Uferrande.
Zwischen Büschen und Blättern sitzen sie,
Sammeln Blüten in den Schoß und rufen
Sich einander Neckereien zu.
Gold’ne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Sonne spiegelt ihre schlanken Glieder,
Ihre süßen Augen wider,
Und der Zephir hebt mit Schmeichelkosen
Das Gewebe ihrer Ärmel auf,
Führt den Zauber
Ihrer Wohlgerüche durch die Luft.
O sieh, was tummeln sich für schöne Knaben
Dort an dem Uferrand auf mut’gen Rossen,
Weithin glänzend wie die Sonnenstrahlen;
Schon zwischen dem Geäst der grünen Weiden
Trabt das jungfrische Volk einher!
Das Ross des einen wiehert fröhlich auf,
Und scheut, und saust dahin,
Über Blumen, Gräser wanken hin die Hufe,
Sie zerstampfen jäh im Sturm
Die hingesunk’nen Blüten,
Hei! Wie flattern im Taumel seine Mähnen,
Dampfen heiß die Nüstern!
Gold’ne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Und die schönste von den Jungfrau’n sendet
Lange Blicke ihm der Sehnsucht nach.
Ihre stolze Haltung ist nur Verstellung.
In dem Funkeln ihrer großen Augen,
In dem Dunkel ihres heißen Blicks
Schwingt klagend noch die Erregung
Ihres Herzens nach.
Der Trunkene im Frühling (nach Li Bai)
Wenn nur ein Traum das Leben ist,
Warum denn Muh’ und Plag’!?
Ich trinke, bis ich nicht mehr kann,
Den ganzen lieben Tag!
Und wenn ich nicht mehr trinken kann,
Weil Kehl’ und Seele voll,
So tauml’ ich bis zu meiner Tür
Und schlafe wundervoll!
Was hör’ ich beim Erwachen? Horch!
Ein Vogel singt im Baum.
Ich frag’ ihn, ob schon Frühling sei.
Mir ist als wie im Traum.
Der Vogel zwitschert: Ja! Ja! Der Lenz,
Der Lenz ist da, sei kommen über Nacht!
Aus tiefstem Schauen lauscht’ ich auf,
Der Vogel singt und lacht! Und lacht!
Ich fülle mir den Becher neu
Und leer’ ihn bis zum Grund
Und singe, bis der Mond erglänzt
Am schwarzen Firmament!
Und wenn ich nicht mehr singen kann,
So schlaf’ ich wieder ein.
Was geht mich denn der Frühling an!?
Lasst mich betrunken sein!
Der Abschied (nach Meng Haoran und Wang Wei)
Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.
In alle Täler steigt der Abend nieder
Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.
O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt
Der Mond am blauen Himmelssee herauf.
Ich spüre eines feinen Windes Weh’n
Hinter den dunklen Fichten!
Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel.
Die Blumen blassen im Dämmerschein.
Die Erde atmet voll von Ruh’ und Schlaf.
Alle Sehnsucht will nun träumen,
Die müden Menschen geh’n heimwärts,
Um im Schlaf vergess’nes Glück
Und Jugend neu zu lernen!
Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.
Die Welt schlaft ein!
Es wehet kühl im Schatten meiner Fichten.
Ich stehe hier und harre meines Freundes.
Ich harre sein zum letzten Lebewohl.
Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite
Die Schönheit dieses Abends zu genießen.
Wo bleibst du? Du lässt mich lang allein!
Ich wandle auf und nieder mit meiner Laute
Auf Wegen, die vom weichen Grase schwellen.
O Schönheit, o ewigen Liebens, Lebens trunk’ne Welt!
Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin
Er führe und auch warum, warum es müsste sein.
Er sprach, seine Stimme war umflort: Du, mein Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!
Wohin ich geh’? Ich geh’, ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe, Ruhe für mein einsam Herz!
Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte!
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!
Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig, ewig blauen licht die Fernen,
Ewig, ewig ...
ZUM WERK
„Der Tod, zu dessen Geheimnis seine Gedanken und Empfindungen so oft ihren Flug genommen hatten, war plötzlich in Sicht gekommen – Welt und Leben lagen nun im düsteren Schatten seiner Nähe.” So interpretierte Bruno Walter im Herbst 1907 die Missgeschicke, die Mahler kurz zuvor ereilt hatten. Bekanntlich wurde dieser in der ersten Jahreshälfte mit drei Krisensituationen konfrontiert, die sein Leben grundlegend verändern sollten. Im Frühling demissionierte er nach zehn außergewöhnlichen Jahren als Direktor der K. und k. Hofoper Wien, „weil ich das Gesindel nicht mehr aushalten kann”. Am 21. Juni 1907 unterzeichnete er den Vertrag für seinen Posten in der Neuen Welt, an der Metropolitan Opera in New York. Neun Tage darauf zog sich „der Sommerkomponist” wie gewohnt in sein Feriendomizil in Maiernigg am Wörthersee zurück. Innerhalb von weniger als zwei Wochen jedoch erlag seine geliebte ältere Tochter einem heftigen Ausbruch von Scharlach und Diphtherie. Kurz darauf erlitt Alma Mahler einen Zusammenbruch aus Kummer und Schwäche, worauf der örtliche Arzt zu Hilfe gerufen wurde. Er untersuchte auch Mahler und stellte einen Herzklappenfehler fest, den ein Spezialist in Wien später bestätigte. Dieser Umstand war an sich noch nicht lebensbedrohlich, es war jedoch hinlänglich bekannt, dass ein enger Zusammenhang zwischen Herzklappenfehler und bakteriell bedingter Endokarditis (Herzinnenhautinfektion) bestand – einer Krankheit, die vor der Entdeckung von Antibiotika ausnahmslos letal verlief und die vier Jahre später zu Mahlers Tod führen sollte. Die Familie Mahler verließ Maiernigg fluchtartig und verbrachte den Rest des Sommers 1907 in dem abgelegenen Weiler Schluderbach (nahe Toblach in Südtirol).
Laut Alma Mahlers Erinnerungen hatte ein alter Freund der Familie (Dr. Theobald Pollak) Mahler „vor Jahren […] die neu übersetzte ‚Chinesische Flöte‘ gebracht (Hans Bethge). Diese Gedichte gefielen Mahler außerordentlich und er hatte sie sich für später zurechtgelegt. […] jetzt überfielen ihn diese maßlos traurigen Gedichte, und er skizzierte schon in Schluderbach, auf weiten einsamen Wegen, die Orchesterlieder, aus denen ein Jahr später Das Lied der Erde werden sollte!” Almas Aufzeichnungen entsprechen jedoch – zuweilen bewusst – nicht immer den Tatsachen. Alfred Roller, Mahlers bevorzugter Regisseur an der Hofoper, berichtet anlässlich eines Besuchs in Schluderbach über den Komponisten: „Dieser Sommer blieb ohne künstlerische Frucht.” Außerdem war im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die Veröffentlichung von Bethges Die chinesische Flöte erst am 5. Oktober 1907 angezeigt, als Mahler bereits längst aus Tirol nach Wien zurückgekehrt war. Selbst wenn er einen Vorabdruck erhalten haben sollte (was eher unwahrscheinlich ist), legen sowohl Mahlers spätere briefliche Mitteilungen als auch die datierten Manuskripte seines zunächst noch unbetitelten neuen Werks nahe, dass es großteils oder zur Gänze im Sommer 1908 entstanden ist. Seltsamerweise hat Mahler die Texte, die so gut für sein Werk geeignet waren, ausgerechnet in Gedichten aus der T’ang-Dynastie des 8. Jahrhunderts gefunden. Diese Verse sind jedoch nicht „neu übersetzt”, sondern vielmehr Bearbeitungen bereits existierender deutscher bzw. französischer Übersetzungen, und daher vom originalen Chinesisch zwei- bis dreimal weiter entfernt. Bethge nennt sie denn auch zutreffend „Nachdichtungen”. Er war kein Sinologe, sondern ein so genannter „Einfühlungsaesthetiker”, der seine Intention so beschrieb: „Es kommt nicht darauf an, ein Gedicht wörtlich zu übertragen, es kommt vielmehr darauf an, den Geist, den Stil, die Melodie eines Gedichtes in der fremden Sprache einigermaßen neu erstehen zu lassen.” Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht der Lyrik des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwandt, angereichert mit orientalischen Anklängen. Aus der Sammlung von 83 Nachdichtungen aus der Feder von ursprünglich 38 Dichtern wählte Mahler schließlich sieben aus und formte daraus eine Allegorie über die Flüchtigkeit des Lebens und das Eingehen in die Unendlichkeit. Wie schon bei den Wunderhorn- und den Rückert-Liedern griff er auch hier gestaltend in die Textvorlagen ein, um ihnen den entsprechenden Ausdrucksgehalt zu verleihen (so sind die bemerkenswerten Schlussverse von Der Abschied, beginnend mit „Still ist mein Herz, und harret seiner Stunde” fast zur Gänze seine eigenen Worte). Dennoch durchzieht ein orientalisches Grundprinzip Das Lied von der Erde mittels seiner Yin-Yang-Polarität mit den Gegensatzpaaren von Nacht / Tag, Herbst / Frühling, Jugend / Tod, Rausch /Meditation, sowie musikalisch in der Aufspaltung der Stimmlagen in hoch / tief (üblicherweise Tenor / Alt; s. u.). Dazu kommt die in allen sechs Sätzen vorherrschende halbtonlose Pentatonik, das in Asien am weitesten verbreitete Tonalitätssystem, und außerdem macht sich Mahler hier die Technik der Heterophonie (Adorno nennt sie „unscharfes Unisono”) zunutze.
Zwei ergreifende Briefe an Bruno Walter bezeugen, wie schwer es Mahler im Sommer des Jahres1908 gefallen ist, das Komponieren wieder aufzunehmen. Am 18. Juli schreibt er: „Aber, ohne daß ich Ihnen hier etwas zu erklären oder zu schildern versuche, wofür es vielleicht überhaupt keine Worte gibt, will ich Ihnen nur sagen, daß ich einfach mit einem Schlage alles an Klarheit und Beruhigung verloren habe, was ich mir je errungen; und daß ich vis à vis de rien stand und nun am Ende eines Lebens als Anfänger wieder gehen und stehen lernen muß.” Besonders, dass er von nun an auf ärztliche Anordnung jegliche körperlicher Ertüchtigung (also auch seine gewohnten anstrengenden Fußmärsche) unterlassen sollte, machte ihm zu schaffen: „Am Schreibtisch kann ich nicht arbeiten. Ich brauche für meine innere Bewegung die äußere. […] Ich gestehe, dies ist – so äußerlich es scheint – die größte Kalamität, die ich mich getroffen. Ich muß eben ein neues Leben beginnen – bin auch da völliger Anfänger.” Dennoch bewältigte er die Umstellung. Anfang September, nur sechs Wochen später, konnte er Walter berichten: „Ich war sehr fleißig (woraus Sie ersehen, daß ich mich so ziemlich ‚akklimatisiert‘ habe). Ich weiß es selbst nicht zu sagen, wie das Ganze benamst werden könnte. Mir war eine schöne Zeit beschieden und ich glaube, daß es wohl das Persönlichste ist, was ich bis jetzt gemacht habe.”
Mahlers Scheu davor, dieser seiner neuesten Komposition einen Titel zu geben, gründet sich laut Berichten einiger seiner Zeitgenossen auf einer abergläubischen Angst vor einer „Neunten” – die für Beethoven und Bruckner ja die letzte ihrer Gattung gewesen war.
Im Winter 1909/1910 gab Mahler dem Werk dann schließlich den Titel „Das Lied von der Erde”, und zwar auf demselben Blatt Papier, auf dem er die so sehr gefürchtete Nummer „9” einer im Sommer zuvor vollendeten Symphonie zuteilte.
Stephen E. Hefling
(Universal Edition; deutsche Übersetzung von Renate Stark-Voit)
Für die von Arnold Schönberg initiierten Konzerte des „Vereins für musikalische Privataufführungen“ bearbeitete Schönberg selbst neben Strauß-Walzern seine eigenen Orchesterstücke op. 16 sowie die „Lieder eines fahrenden Gesellen" von Gustav Mahler. Sämtliche weiteren Bearbeitungen wurden Schülern Schönbergs übertragen, so etwa das von Schönberg begonnene Arrangement von Mahlers „Lied von der Erde“. Mit der Komplettierung, die schließlich aufgrund der finanziellen Situation des „Vereins“ nicht mehr unternommen werden konnte, wurde ursprünglich Anton Webern beauftragt. Erst Anfang der achtziger Jahre setzte Rainer Riehn für ein Toblacher Mahler-Festival Schönbergs Arbeit am „Lied von der Erde“ fort. An der vorgegebenen Besetzung änderte Riehn mit Ausnahme der – fakultativen – Hinzufügung einer Celesta für den Schluss des „Abschieds“ sowie des Verzichtes auf eine dritte Violine nichts. Die Uraufführung des Mahler-Schönberg-Riehn-Projektes fand im Juli 1983 statt
Rainer Riehn merkt dazu an: „Schönbergs Ambition [...] zielte vorab nicht auf eine ‚neue Deutung‘, sondern auf den demütig respektvollen, jedoch überaus schwierigen technischen Versuch, den Originalklang mit unvergleichlich ökonomischeren, ja drastisch reduzierten Mitteln ohne Verlust zu retten. Daß ihm dies in geradezu unglaublichem Maße gelang, macht seine Bearbeitung zu einem Meisterwerk eigener Art, das gerade wegen seiner Pietät dem Original gegenüber in eine neue Qualität umschlägt: die kompositorische Struktur und Melodieführung insgesamt, wie auch viele instrumentale Details, die im weicheren Orchesterklang aufgesogen werden, dazu bestimmte Charakteristika [...] treten deutlicher zu Tage; die einzelne Linienführung wird durchgehend schärfer, holzschnittartiger – ja, es werden größtenteils erst wieder Teillinien, die im großen Orchester durchbrochen, von Instrument zu Instrument springend gesetzt sind, zu einer gemeinsamen Linie zusammengefügt.“
KÜNSTLERBIOGRAFIEN
Isabelle Druet, Mezzosopran
Isabelle Druet gilt als eine der renommiertesten französischen Mezzosopranistinnen ihrer Generation. Sie ist auf der Opernbühne ebenso zu Hause wie bei Liederabenden. Sie bewegt sich mühelos und mit bemerkenswerter Vielseitigkeit und Anmut durch Jahrhunderte der Musik, von Monteverdi bis Britten.
Isabelle Druet ist eine Musikerin mit einem unkonventionellen Hintergrund. Sie absolvierte zunächst eine Tanz- und Theaterausbildung, bevor sie sich dem Gesang zuwandte und ihre Reise in der zeitgenössischen und traditionellen Musik begann. Später studierte sie Gesang am renommierten Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris. Ihr Talent wurde schnell anerkannt und brachte ihr zahlreiche Auszeichnungen ein, darunter „Promising Lyrical Artist 2007“ im Rahmen von ADAMI, einen Preis beim renommierten „Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2008“, den Titel „Most Promising Lyrical Artist“ bei den Victoires de la Musique Classique 2010 und die Ernennung zum „Rising Star“ im Jahr 2013. Diese Erfolge ebneten den Weg für Engagements an den führenden Opernhäusern der Welt und die Zusammenarbeit mit renommierten Ensembles.
Zu den Höhepunkten in der Karriere von Isabelle Druet gehören die Aufführung von „Carmen“ an der Deutschen Oper am Rhein und der Opéra national de Lorraine, die Rolle der Baba the Turk in „The Rake’s Progress“ am Grand Théâtre de Luxembourg, die Rolle der Melanto in „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ am Théâtre des Champs-Élysées, Concepción in „L’Heure espagnole“ im Auditorium Lyon, in der Salle Pleyel und am Barbican Centre sowie die Titelrollen in „La Périchole“ und „La Grande-Duchesse de Gérolstein“.
Druet hat mit angesehenen Dirigenten wie François-Xavier Roth, René Jacobs, Leonard Slatkin, Emmanuelle Haïm und William Christie zusammengearbeitet. Sie ist mit weltbekannten Ensembles und Orchestern aufgetreten, darunter das London Symphony Orchestra, das Gürzenich Orchester, das Tonhalle Orchester Zürich, das Detroit Symphony Orchestra, das BBC National Orchestra of Wales, das Orchestre National de Lyon, das Orchestre National de Liège, das Belgian National Orchestra, das Orchestre philharmonique du Luxembour, das Ensemble Pygmalion, Les Arts Florissants, die Berliner Barocksolisten und das Insula Orchestra.
Isabelle Druet hat eine umfangreiche Diskografie, die ihre Kunstfertigkeit durch zahlreiche Aufnahmen mit renommierten Ensembles wie Le Poème Harmonique, dem Orchestre National de Lyon und Les Siècles unter Beweis stellt. Ihre Arbeit umfasst eine Vielzahl von Stilen und Repertoires, darunter Liederabende, Opernrollen und Orchesterzusammenarbeiten, was ihre bemerkenswerte Vielseitigkeit und tiefe Musikalität unterstreicht.
Maximilian Schmitt, Tenor
Maximilian Schmitt entdeckte seine musikalische Leidenschaft als Mitglied der Regensburger Domspatzen. Sein Gesangsstudium absolvierte er bei Prof. Anke Eggers an der Universität der Künste Berlin, ergänzt durch private Studien bei Roland Hermann; aktuell arbeitet er mit Tobias Truniger. Erste Bühnenerfahrung sammelte er im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und war anschließend vier Jahre Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim, wo er sich ein breites Repertoire erarbeitete. Internationale Aufmerksamkeit erregte er 2012 mit seinem Debüt als Tamino an der Oper Amsterdam unter Marc Albrecht. Es folgten Rollen wie Idomeneo (Opéra du Rhin), Don Ottavio (Wiener Staatsoper) sowie Pedrillo in Mozarts Entführung aus dem Serail an der Mailänder Scala unter Zubin Mehta. Als Max in Webers „Freischütz“ war er u. a. am Aalto Theater Essen und als Erik in Wagners „Der fliegende Holländer“ an den Opernhäusern in Graz, Köln und am Théâtre des Champs-Élysées zu erleben. In der Spielzeit 2023/2024 debütierte er als Siegmund in „Die Walküre“ mit Concerto Köln unter Kent Nagano. In der Saison 2025/2026 folgten konzertante Aufführungen dieser Partie in Wuppertal sowie mit dem 1. Akt der „Walküre“ gemeinsam mit dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth.
Auf den internationalen Konzertpodien ist Maximilian Schmitt regelmäßig zu Gast. Er arbeitete mit Orchestern wie dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Cleveland Orchestra, dem Tokyo Symphony Orchestra, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Concertgebouworkest Amsterdam, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Philharmonikern. Zu den Dirigenten, mit denen ihn eine enge Zusammenarbeit verbindet, zählen u. a. Franz Welser-Möst, Kirill Petrenko, Teodor Currentzis, Daniel Harding, Manfred Honeck, Fabio Luisi, Philippe Herreweghe, Thomas Hengelbrock und René Jacobs. Die Saison 2025/2026 eröffnete Maximilian Schmitt mit seinem Rollendebüt als „Lohengrin“ an der Staatsoper Hannover, wo er in einer umfangreichen Serie als Titelheld zu erleben ist. Es folgten Konzerte mit Beethovens neunter Sinfonie in Bukarest und Madrid sowie Haydns „Schöpfung“ in Trondheim und Gateshead. In Wien war er im vergangenen September mit Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“ unter der Leitung von Fabio Luisi im Konzerthaus zu hören.
Ein besonderer Akzent liegt in dieser Saison auf großen Oratorien und sakralen Werken: In Amsterdam und Baden-Baden übernimmt er die Evangelistenpartie in Bachs „Matthäus-Passion“ mit dem Concertgebouworkest. Es folgen Mendelssohns „Elias“ in Lissabon, Mozarts „Requiem“ in Monte Carlo sowie eine konzertante Aufführung von Beethovens „Fidelio“ beim Beethoven Festival in Warschau. Zudem interpretiert er erneut „Das Buch mit sieben Siegeln“ mit dem NDR Elbphilharmonieorchester unter der Leitung von Manfred Honeck.
Liederabende bleiben ein zentrales Element seines künstlerischen Schaffens. In Hannover interpretiert er Schuberts „Winterreise“, begleitet von Gerold Huber. Gemeinsam gastierte das Duo u. a. beim Heidelberger Frühling, der Schubertiade Schwarzenberg, im Concertgebouw Amsterdam, in der Wigmore Hall London und der Kölner Philharmonie. Maximilian Schmitts umfangreiche Diskografie umfasst u. a. die Soloalben „Träumend wandle ich bei Tag“, „Die schöne Müllerin“ sowie „Wie freundlich strahlt der Tag“. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin nahm er Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ unter René Jacobs (harmonia mundi) auf. Eine aktuelle Aufnahme als Siegmund in „Die Walküre“ mit Concerto Köln unter Kent Nagano erscheint demnächst.
François-Xavier Roth, Dirigent
François-Xavier Roth ist ein musikalischer Visionär und ungemein vielseitiger Dirigent. So paradox es klingen mag: François-Xavier Roth hat sich auf das Universelle spezialisiert. Sein Repertoire reicht von frühem Barock über das sinfonische Kernrepertoire und Klassiker der Moderne bis hin zur Musik der Gegenwart. Seit September 2025 ist François-Xavier Roth Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des SWR Symphonieorchesters. In seiner Antrittssaison stellt er seine stilistische Vielseitigkeit mit der Aufführung von Werken von Jean-Féry Rebel, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Richard Wagner, Anton Bruckner, Richard Strauss, Maurice Ravel, Claude Debussy, Luciano Berio, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm und Philippe Manoury unter Beweis – im Sendegebiet des SWR wie auch bei nationalen und internationalen Gastkonzerten.
Roth, 1971 in Paris geboren, absolvierte zunächst am Pariser Konservatorium eine Ausbildung als Flötist, bevor er ins Dirigierfach wechselte. Von 2011 bis 2016 war er Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg und von 2015 bis 2024 Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Gürzenich-Kapellmeister. Das von ihm gegründete Originalklangensemble Les Siècles hat Roth innerhalb kürzester Zeit zu internationalem Erfolg geführt. Je nach Werk, und oftmals während eines Konzerts, passen die Mitglieder von Les Siècles ihr Instrumentarium dem jeweiligen Repertoire an und lassen so Altbekanntes mit geschärften Farben in neuem Licht erscheinen. Roth ist seit 2017 Principal Guest Conductor des London Symphony. Darüber hinaus steht er als Gastdirigent seit vielen Jahren regelmäßig am Pult von internationalen Spitzenorchestern wie den Berliner und Münchner Philharmonikern, der Staatskapelle Berlin, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Concertgebouw Orkest Amsterdam sowie den Orchestern von San Francisco, Cleveland und Boston.
Ein besonderes Anliegen von François-Xavier Roth ist es, neue Publikumsschichten für klassische Musik zu begeistern und ambitionierte Laienmusiker:innen zu fördern. Roths Diskografie ist umfangreich und preisgekrönt. Sie umfasst u. a. sämtliche Tondichtungen von Richard Strauss, die Ballette von Igor Strawinsky, die Orchesterwerke von Ravel und Berlioz, sämtliche Sinfonien von Bruckner, Mahler und Schumann sowie Alben zum 100. Geburtstag Debussys. 2020 wurde Roth als bis dahin jüngster Dirigent mit dem Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. 2017 wurde er in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.
SWR Symphonieorchester
Das SWR Symphonieorchester hat in der Liederhalle Stuttgart und im Konzerthaus Freiburg sein künstlerisches Zuhause. Im September 2016 aus der Zusammenführung des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR und des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg hervorgegangen, zählen Interpretationsansätze aus der historisch informierten Aufführungspraxis, das klassisch-romantische Kernrepertoire sowie Musik der Gegenwart gleichermaßen zu seinem künstlerischen Profil.
Seit September 2025 ist François-Xavier Roth Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des SWR Symphonieorchesters. Er folgt damit auf Teodor Currentzis, der von 2018 bis 2024 an der Spitze des Orchesters stand.
Zu den jährlichen Fixpunkten im Konzertkalender des SWR Symphonieorchesters zählen die SWR eigenen Konzertreihen in Stuttgart, Freiburg und Mannheim sowie Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen und den Schwetzinger SWR Festspielen. Seit 2020 ist das SWR Symphonieorchester das Residenzorchester der Pfingstfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden. Einladungen führen das Orchester regelmäßig zu den Salzburger Festspielen, in die Elbphilharmonie Hamburg, nach Berlin, Köln, Frankfurt, Dortmund, Essen, Wien, Edinburgh, London, Barcelona, Madrid und Warschau.
International gefragte Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Peter Eötvös, Christoph Eschenbach, Pablo Heras-Casado, Manfred Honeck, Jakub Hrůša, Eliahu Inbal, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Sir Roger Norrington, Jonathan Nott, Andrés Orozco-Estrada, Petr Popelka, Michael Sanderling und Giedrė Šlekytė haben mit dem SWR Symphonieorchester zusammengearbeitet. Unter den hochkarätigen Solisten finden sich Leif Ove Andsnes, Yulianna Avdeeva, Renaud Capuçon, Sol Gabetta, Martin Grubinger, Isabelle Faust, Vilde Frang, Hilary Hahn, Janine Jansen, Alexandre Kantorow, Sabine Meyer, Emmanuel Pahud, Fazil Say, Gil Shaham, Antoine Tamestit und Christian Tetzlaff. Seit September 2024 steht die Geigerin Patricia Kopatchinskaja dem SWR Symphonieorchester als Artistic Partner für zwei Spielzeiten zur Seite.
Mit seinem umfangreichen Musikvermittlungsangebot erreicht das Orchester jährlich etwa 15.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Sendegebiet des SWR. Zahlreiche Live-Übertragungen auf SWR Kultur und Konzertstreams auf SWR.de/so ermöglichen vielen Musikfreunden in der ganzen Welt, an den Konzerten des Symphonieorchesters teilzuhaben.
Seit 2024 ist das SWR Symphonieorchester offizieller Partner von „La Maestra“, dem international bedeutendsten Wettbewerb für Nachwuchsdirigentinnen.
KONZERTVORSCHAU
SWR Symphonieorchester | Stuttgart François-Xavier Roth dirigiert Werke von Rameau, Verunelli und Haydn
Werke von Rameau, Verunelli und Haydn. Mit Nicolas Altstaedt (Violoncello), Gesangssolisten, dem MDR-Rundfunkchor und dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth
SWR Symphonieorchester | Stuttgart François-Xavier Roth dirigiert Werke von Rameau, Verunelli und Haydn
Werke von Rameau, Verunelli und Haydn. Mit Nicolas Altstaedt (Violoncello), Gesangssolisten, dem MDR-Rundfunkchor und dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth
SWR Symphonieorchester | Mannheim François-Xavier Roth dirigiert Werke von Rameau, Verunelli und Haydn
Werke von Rameau, Verunelli und Haydn. Mit Nicolas Altstaedt (Violoncello), Gesangssolisten, dem MDR-Rundfunkchor und dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth
SWR Symphonieorchester | Freiburg François-Xavier Roth dirigiert Werke von Rameau, Verunelli und Haydn
Werke von Rameau, Verunelli und Haydn. Mit Nicolas Altstaedt (Violoncello), Gesangssolisten, dem MDR-Rundfunkchor und dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth
Alle weiteren Konzerte finden Sie auch in unserem Konzertkalender.
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Wir weisen freundlich darauf hin, dass unautorisierte Bild- und Tonaufnahmen jeglicher Art bei dieser Veranstaltung untersagt sind.
Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft
Matthias Claudi, Leitung Kommunikation SWR Ensembles und Festivals
Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft.