20., 21. und 22. Juni 2025

Digitales Programmheft zum Kammerkonzert

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KONZERTTERMINE

FR 20. JUNI 2025, 20 UHR
Freiburg, Konzerthaus, Runder Saal
SA 21. JUNI 2025, 20 UHR
Baden-Baden, Museum Frieder Burda
SO 22. JUNI 2025, 16 UHR
Stuttgart, Neues Schloss, Weißer Saal

PROGRAMMFOLGE

JEAN CRAS (1879-1932)
STREICHTRIO (1926)
Premier Mouvement [ohne Tempobezeichnung]
Lent
Animé
Très animé

ca. 25’

KRZYSZTOF PENDERECKI (1933-2020)
QUARTETT FÜR KLARINETTE UND STREICHTRIO (1993)
Notturno. Adagio
Scherzo. Vivacissimo
Serenade. Tempo di Valse
Abschied. Larghetto

ca. 15'

Ivo Ruf, Klarinette
Anna Breidenstein, Violine
Barbara Weiske, Viola
Alexandru Richtberg, Violoncello

Pause

DMITRIJ SCHOSTAKOWITSCH (1906-1975)
STREICHQUARTETT NR. 7 FIS-MOLL OP. 108 (1960) 
Allegretto
Lento 
Allegro – Allegretto 

ca. 12'

CHARLES KOECHLIN (1867-1950)
STREICHQUARTETT NR. 1 OP. 51 (1911-13)
Allegro moderato
Scherzo. Allegro scherzando non troppo vivace
Andante quasi adagio
Finale. Allegro con moto

ca. 21'

Anna Breidenstein und Stefan Knote, Violine
Dora Scheili, Viola
Panu Sundqvist, Violoncello

Sendung des Mitschnitts aus dem Konzerthaus Freiburg am 20. Juli 2025 ab 12.30 Uhr im Mittagskonzert auf SWR Kultur

WERKEINFÜHRUNGSTEXTE

"Kein Quartett für Arme"
Das Streichtrio von Jean Cras

Jede Komponistin oder jeder Komponist ist (zum Glück) kein klassischer Dienstleister. Andererseits ist pure Arbeit schon eine Voraussetzung, um im schwierigen Musik-Gewerbe überleben zu können. Jean Cras weiß dies: Künstlerische Inspiration ist wichtig, aber eben nicht alles. In den 1910er- und 1920er-Jahren ist er im Hauptberuf viel auf dem Wasser unterwegs. Erst ist er Kapitän eines Torpedoboots. Später macht er weiter Karriere bei der Marine und erwirbt sogar den Dienstgrad eines Konteradmirals. In einem Brief entschuldigt sich Cras bei seiner Frau für die vielen Abwesenheiten. Und auch für eine, wie er schreibt, "andere mysteriöse, aber ebenso obligatorische Mission, die zu einer Arbeit gehört, die ich nicht gewählt habe, sondern die mir auferlegt wurde: die Tätigkeit als Komponist. Ich gehöre nicht zu diesen jungen Männern, die von frühester Kindheit an zur Musik bestimmt waren, die an Konservatorien studiert haben und die, frisch von der Schule, spielen oder komponieren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe das Komponieren auch nicht zu einem angenehmen Hobby gemacht. Die Vorsehung, wie auch immer man sie nennen mag, hat mir diese Aufgabe auferlegt, und ich kann sie keinesfalls ablehnen."

Das Streichtrio von Jean Cras trägt sicher die frischen Spuren eines Autodidakten (obwohl Cras kurz Unterricht vom Komponisten Henri Duparc erhielt). Sehr unkonventionell sind verschiedene Einfluss-Sphären verbunden. Da wären Spätfolgen des französischen Impressionismus mit klar erkennbaren Spuren zu Claude Debussy. Da wären aber auch: viele exotische Melodien, die im zweiten Satz an den zwei Jahre später von Maurice Ravel komponierten Boléro (1928) erinnern. Cras ist ja viel unterwegs – und saugt offenbar Vieles auf. In den letzten beiden Sätzen "Animé" und "Très animé" geht es teils wild zur Sache. Diverse Tanzformen verquickt Cras mit damals modernen Swing- und Jazz-Einflüssen, die er wohl in vielen Hafenstädten vernahm. Oft setzt er einzelne Instrumente mehrstimmig ein. Die daraus resultierende Klangfülle unterstreicht: Dieses zu Recht bei Musikern und bei Hörern beliebte Streichtrio ist ganz gewiss kein "Quartett für Arme"!

"Zutiefst persönlich"
Das Quartett für Klarinette und Streichtrio von Krzysztof Penderecki

Krzysztof Penderecki ist ein umstrittener Komponist. Ende der 1950er-Jahre macht er Furore mit seinem Orchesterwerk "Anaklasis", einem Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, in dem geräuschhafte Elemente mit dichten Klangflächen kombiniert sind. Schon kurz danach läutet der Pole eine Wende ein, die als Traditionalismus empfunden wurde – und ihm viel harsche Kritik aus dem Lager der Avantgarde einbrachte. Der noch jungforsche Helmut Lachenmann sprach nicht zimperlich von einem "Penderadecky", der "tonale Paarhufer" anführe. Ulrich Dibelius wiederum kritisierte aus Sicht eines Musiktheoretikers eine "klangschwelgerische Breitspurigkeit". Penderecki nimmt solche Töne gelassen hin – und sagt: "In Fragen der Musik bin ich gegen jede Orthodoxie. Ich bin weder ein Feind der Tradition noch ein kritikloser Enthusiast der Avantgarde. Überhaupt liebe ich das Theoretische nicht. Nach meiner Meinung ist in unserem Jahrhundert genug experimentiert worden: mit atonalen Mitteln, mit aleatorischer Technik, mit Elektronik. Musik muss einfach Ausdruck haben, nicht in irgendwelchen experimentellen Richtungen herumgeistern, am Publikum vorbei."

Das Klarinettenquartett kommt gut an. Bei der Uraufführung im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals wurde es auf Wunsch des Publikums gleich zwei Mal gespielt. Penderecki setzt die Instrumente auffallend solistisch ein. Dies trägt bei zum zutiefst persönlichen Ton, der wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass sich der Pole für einen "introvertierten Menschen" hält. Franz Schuberts letztes, kurz vor seinem Tod komponiertes Streichquintett C-Dur (1828) steht als Inspirationsquelle im Hintergrund. Doch gäbe es laut Penderecki keine Bezüge im Sinne von Zitaten oder übernommenen Themen. Einzig die Atmosphäre stehe im Hintergrund, und dies ist der Ausdruck von Melancholie. Besonders sind in diesem Klarinettenquartett die Verschmelzungen von Klarinette und Streichern. Tonformung und Tongebung der Klarinette sind hier besonders wichtig. Am Ende relativiert dies die Aussage Pendereckis, dass dieses Quartett auch von Laien gespielt werden könne.

"Pure Essenz"
Das siebte Streichquartett von Dmitrij Schostakowitsch

In der Gattung des klassischen Streichquartetts sind die Ansprüche hoch. Schon zu Joseph Haydns Zeiten hatten Komponisten Respekt, ja fast ein wenig Ehrfurcht vor der Quartettkomposition, in der eben nicht mit "Pauken und Trompeten" oder großen Orchestereffekten über die Runden zu kommen ist. Dmitrij Schostakowitsch komponiert seine erste Sinfonie schon 1925, sein erstes Streichquartett hingegen veröffentlicht er erst dreizehn Jahre später. Für Schostakowitsch hat der – dem Streichquartett eingeschriebene – intime Charakter besondere Bedeutung. Als "Staatskomponist" musste er vorsichtig sein in seinen Sinfonien, oft auch sein eigenes Ich mäßigen. Im Streichquartett hingegen widmet er sich wie Penderecki dem Privaten. Im achten Quartett setzt er mit der Tonfolge D-Es-C-H seine eigene Signatur. Und das heute erklingende siebte Quartett widmet Schostakowitsch seiner Frau Nina, die 1954 einem Krebsleiden erlag.

Nur 12 Minuten dauert dieses dreisätzige Werk. Der Beginn wirkt optimistisch – ganz so, als genieße Dmitrij Schostakowitsch die Post-Stalin-Zeit in der "Tauwetter-Periode". Doch dann bricht das schöne rhythmische Spiel mit der Dreiton-Figur im zweiten Satz einfach ab. Schmerzhaft wirken die von Halbtönigkeit geprägten hohen Linien der Geige. Die eingesetzten Dämpfer unterstützen den fahlen, geisterhaften Klang dieses zweiten Satzes, der unter die Haut geht. Eine sich in brodelnde Expressivität steigernde Fuge geht dann im dritten Satz über in einen Walzer nahen Allegretto-Abschnitt. Natürlich im ¾-Takt. Dieses siebte Streichquartett gilt als das konzentrierteste Quartett Schostakowitschs. Es liegt nicht nur an der Kürze, sondern auch daran, dass es hier nichts Überflüssiges gibt. Klassizistisch klar liegen die Karten hier auf dem Tisch. Da wird nichts gedehnt, nichts wiederholt. Alles ist Essenz – ganz so, wie es sich für ein Streichquartett gehört.

"In der Schwebe"
Das erste Streichquartett von Charles Koechlin

Charles Koechlin ist ein Zeitgenosse von Jean Cras. Wie der etwas jüngere Kollege ist er begeistert von den neuen impressionistischen Tönen, die Claude Debussy im späten 19. Jahrhundert anschlägt. Koechlin schreibt rückblickend: "Es gab da ganz ungewöhnliche Einblicke, ähnlich einem sich öffnenden Fenster zu der geheimnisvollen Welt der Töne oder den Entdeckungsreisen in einen unerforschten Urwald vergleichbar. Genau so stellte sich für uns die Musik der Zukunft dar. Diese Einsichten, diesen Wunsch nach Übertretung der alten Regeln, diese neuen Klangentdeckungen fanden wir schon bei Franck, Chabrier und bei Fauré, vor allem aber bei einem merkwürdig-mysteriösen Kollegen, den Florent Schmitt und Ernest La Grand in den Himmel hoben: Claude Debussy."

Gerade in der Nachbarschaft zu Schostakowitschs siebtem Streichquartett macht sich ein ganz anderer Ton Koechlins bemerkbar. In Koechlins Quartett gibt es keine stringente Rhythmik, der Schwerpunkt liegt auf französischer Eleganz. Die Partitur ist übersäht von Aufführungsvorschriften: "Très simplement, avec charme et souplesse" steht gleich zu Beginn, also "sehr einfach, mit Charme und Flexibilität". Ein "très très ralenti" ("sehr sehr in Zeitlupe") über den letzten Takten des dritten Satzes führt zum freudigen Allegro con moto, das wie ein Rückblick wirkt auf die Anfänge der Streichquartett-Komposition bei Joseph Haydn. Koechlins Stärken liegen darin, dass er ein geschickter Harmoniker ist. Er versteht es, die Dinge in der Schwebe zu lassen. Wie bei Franz Schubert (und zum Teil auch in Pendereckis Quartett) werden gleiche Motive oder Themen wiederholt, aber immer wieder anders beleuchtet. Eine besondere Rolle spielen bei den Belichtungen eine große Palette verschiedener Spieltechniken: Flageoletts tauchen auf, gezupfte Pizzicati, auch das Streichen nah am Steg. Ständig gibt es neue Klangbilder, ständig etwas Neues zu entdecken in diesem Quartett.

Torsten Möller ∙ studierte an der Berliner Humboldt-Universität Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie. Mit dem Schwerpunkt auf der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist er freiberuflich tätig für Radio (SWR Kultur, Deutschlandfunk) und Print (Schweizer Musikzeitung, MusikTexte). In Essen unterrichtet Torsten Möller das Fach Musikjournalismus an der dortigen Folkwang Universität der Künste.

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Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Dr. Henning Bey, Künstlerische Planung
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft

Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft.