6., 7. und 8. Juni 2026

Digitales Programmheft zum Kammerkonzert

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KONZERTTERMINE

SA 6. JUNI 2026, 20 UHR
Baden-Baden, Museum Frieder Burda
SO 7. JUNI 2026, 16 UHR
Stuttgart, Neues Schloss
MO 8. JUNI 2026, 20 UHR
Freiburg, Konzerthaus

PROGRAMMFOLGE

ERNST VON DOHNÁNYI (1877-1960)
KLAVIERQUINTETT NR. 2 ES-MOLL OP. 26
Allegro non troppo
Intermezzo. Allegretto – Presto
Moderato – Tempo del primo pezzo
ca. 27’

MAURICE RAVEL (1875-1937)
KLAVIERTRIO A-MOLL
Modéré
Pantoum. Assez vif
Passacaille. Très large
Final. Animé
ca. 26'

Paul Rivinius, Klavier
Christian Ostertag und Michael Dinnebier, Violine
Raphael Sachs, Viola
Frank-Michael Guthmann, Violoncello

Pause

MAURICE RAVEL
„LE TOMBEAU DE COUPERIN“ (Bearbeitung für Holzbläserquintett von Mason Jones)
Prélude. Vif
Forlane. Allegretto
Menuet. Allegro moderato
Rigaudon. Assez vif
ca. 16'

PAQUITO D’RIVERA (*1948)
„AIRES TROPICALES“ FÜR HOLZBLÄSERQUINTETT
Alborada
Son
Habañera
Vals Venezolano
Dizzyness
Contradanza
Afro
ca. 18'

Matvey Demin, Flöte
Raquel Pérez-Juana, Oboe
Ivo Ruf, Klarinette
Nerea Saez Guijarro, Fagott
Jonas Gira, Horn

WERKEINFÜHRUNGSTEXT

Ruhige Antwort auf unruhige Zeiten: Ernst von Dohnányis zweites Klavierquintett

Ernst von Dohnányi ist umstritten. Auf der Schwelle vom 19. ins 20. Jahrhundert stehen in Ungarn sowohl die Suche nach nationaler Eigenständigkeit wie auch die Forderung nach Modernität auf der Agenda. Dohnányis Kollege und ehemaliger Kommilitone Belá Bartók erfüllt beides: Bartók sammelt und verarbeitet bekanntlich ungarische Melodien und Weisen. Zugleich erfüllt er die Forderungen der Budapester Fortschrittsparteien mit seinen rabiaten Rhythmen, oft auch mit reichlich Dissonanzen.

Bartók wird zum Nationalkomponisten, auch Zoltán Kodály ist geschätzt. Ernst von Dohnányi hingegen hat mit Vorwürfen zu kämpfen, und das lebenslang. Immer wieder taucht der Topos eines "verspäteten Brahms" oder eines "rückschrittlichen Schumanns" auf. Dies hat auch mit dem Lehrer Hans von Koessler zu tun. Mit dem deutschen Professor an der Budapester Franz Liszt Musikakademie pflegt Dohnányi einen engen Kontakt. Koessler wiederum kennt Johannes Brahms – und als er diesem das erste Klavierquintett op. 1 seines Schülers Dohnányi zeigt, da ist der europaweit anerkannte Komponist geradezu begeistert: "Ich hätte es selbst nicht besser schreiben können", soll Brahms gesagt haben.

Dohnányi ist sicherlich ein Frühreifer. Auffällig ist, dass er seinen Stil schon als junger Mann gefunden hat und im Grunde bis zum Ende seines Lebens beibehält. "Stil" heißt bei ihm: Kontrapunktisch enorm ausgebildetes Handwerk, eine Suche nach komprimiertem Ausdruck und durchaus auch eine Tendenz zur Mäßigung im Sinne einer Klassizität, die einer spätromantischen Affekt-Überladenheit kritisch gegenübersteht.

Das zweite Klavierquintett entsteht 1914. Es sind unruhige Zeiten. Aller Orten grassiert der Nationalismus, der Erste Weltkrieg hat gerade begonnen. Doch die Außenwelt scheint nicht einzudringen in die in sich ruhende Dreisätzigkeit. Das Intermezzo im zweiten Satz bringt nach einem nachdenklichen ersten Satz im düster-traurigen Marsch-Tonfall einen beschwingten Tonfall hinein, der fast an eine "Budapester Parkmusik" erinnert. Für konzentrierte Konzertsaal-Ohren ist wiederum die Fuge im letzten Satz gemacht. Ein langes, durchaus modern klingendes Thema entwickeln die Streicher in einem dichten Geflecht. Aus dem kontrapunktischen Gefüge schält sich zunehmend ein versöhnlicher Tonfall heraus. Die Arbeit ist getan. Der in der Grundtonart es-Moll begonnene Finalsatz schließt in Es-Dur.

Enorme stilistische Bandbreite: Maurice Ravels Klaviertrio

Auch Maurice Ravels schreibt sein Klaviertrio im Jahr 1914. Er lebt zu der Zeit in Saint-Jean-de-Luz, einem kleinen Ort im französischen Baskenland direkt an der spanischen Grenze. Vor allem im spritzigen zweiten Satz hört man deutlich spanische Einschläge – sowohl rhythmisch wie harmonisch. Der fremdartige Titel "Pantoum" bezieht sich auf eine malaiische Dichtungsform, die Ravel ganz eigensinnig anwendet, indem er ein hoch originelles Wechselspiel von drei Themen vor Ohren führt.

Das Klaviertrio ist eines der beliebtesten Kammermusiken Maurice Ravels. Es hat mit der Zugänglichkeit zu tun – und sicher auch damit, dass verschiedenste Einflusssphären für Kurzweil sorgen: Der Beginn der Passacaglia scheint geradezu ein Zitat aus Claude Debussys bekannter Klavierstück-Sammlung "Children‘s Corner" aus dem Jahr 1908 zu sein. Das Bassthema der linken Hand entwickelt Ravel – ganz im Sinne der barocken Passacaglia – erst über das Cello und dann über die Violine zu einem Höhepunkt. Langsam und gemächlich kehrt er wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Enorm ist die Spannbreite der stilistischen Einflüsse in diesem Klaviertrio: Die Musik Spaniens, die Exkursion nach Malaysia, die Nähe zur spielerischen Leichtigkeit Claude Debussys und schließlich der Rückblick in barocke Zeiten durch die Passacaglia-Form. Im letzten Satz kommt noch eine Prise französische Delikatesse ins Spiel. Klanglich reichhaltig, zugleich luftig elegant klingt dieses Klaviertrio aus. Bevor das Pariser Kulturleben wegen des Kriegs zum Erliegen kam, konnte das imposante Werk noch im Januar 1915 in der Salle Gaveau in Paris aufgeführt werden.

Ein modernes Grabmal: Maurice Ravels "Le tombeau de Couperin"

Bezüge zum Barock sind auch bezeichnend für Maurice Ravels "Le tombeau de Couperin". Es ist ein Art Hommage an den französischen Meister François Couperin, der in den Regierungsjahren König Ludwigs des XIV als Cembalist, Organist und Komponist hervortrat. Mit einem musikalischen "Tombeau" gedachten Couperin und andere barocke Komponisten verstorbenen Kollegen. Ravel nimmt die Thematik in "Le tombeau de Couperin" auf, schafft jedoch eine überpersönliche Huldigung an den Barock. In der sechssätzigen Klavierfassung mit den Satzbezeichnungen Prélude, Fugue, Forlane, Rigaudon, Menuet und Toccata erweist er der Formenvielfalt der Barockzeit seine Referenz.

Die Entstehungsgeschichte des Werks ist verworren. 1914 beginnt Ravel die Arbeit, meldet sich dann aber freiwillig als Lastwagenfahrer zum Dienst im Ersten Weltkrieg. Nachdem er 1917 vom Fronteinsatz entlassen wird, vollendet er die erste, sechssätzige Klavierfassung. Ravel widmete jeden der sechs Sätze einem gefallenen Kriegskameraden aus seinem Freundeskreis. Auch seiner baskischen Mutter, die 1917 gestorben war, gedenkt er mit "Tombeau".

Wohl auch wegen des großen Erfolgs nach der Uraufführung im Jahr 1919 bearbeitet Ravel vier Sätze für Orchester. Auf dieser Fassung wiederum beruht die Version für Bläserquintett, die der amerikanische Hornist und Musikpädagoge Mason Jones im Jahr 1970 erstellte. Die vier Sätze sind nicht im Trauerton gehalten, wie man angesichts des Titels "Tombeau" und der Umstände der Entstehungszeit vermuten könnte. Ravel bietet eine moderne, französisch delikate Klangwelt ganz im Sinne eines farbigen Impressionismus. Dabei ist erstaunlich, wie aus an sich "gelehrten" und ganz einfachen Formen, wie aus einer Fuge oder einem Menuett im ¾-Takt ein ganz eigener persönlicher Flair entsteht. Ravel äußerte sich nur sehr zurückhaltend über seine Werke. Als er die ursprüngliche Klavierfassung in Angriff nahm, schrieb er jedoch an einen Freund, dass er eine "französische Suite" beginnen wolle, jedoch ohne die "Marseillaise" und ohne einen Tango, der damals aller Orten en vogue war. Das leicht Augenzwinkernde äußert sich bei Ravel zuweilen auch in seiner Musik. Der letzte Satz "Rigaudon" nimmt den Ausdruck des französischen Barocktanzes auf – aber es ist ganz offenbar auch Spaß und distanziertes Amüsement dabei.

Freundlich-melancholische Rückblicke: Paquito D´Riveras "Aires Tropicales"

Zeitlich sind die 1994 entstandenen "Aires Tropicales" von Ravels "Le Tombeau de Couperin" zwar weit entfernt – doch inhaltlich gibt es Ähnlichkeiten. Der 1948 in Havanna geborene Komponist, Saxophonist und Klarinettist Paquito D´Rivera bezieht sich auf Tänze, die in seiner südamerikanischen Heimat gepflegt wurden und werden. Zudem widmet er einzelne Sätze bestimmten Musikern und nimmt deren ästhetische Eigenheiten auf.

Im vierten Satz "Vals Venezolano" ist es der venezolanische Gitarrist und Komponist Antonio Lauro, dem Rivera seine Referenz erweist; im vorletzten Satz "Contradanza" steht der Komponist Ernesto Lecuona im Hintergrund, der so genannte "kubanische Gershwin". Die "Aires Tropicales" sind freundlich der Welt zugewandte Stücke, die den Holzbläsern auf den Leib geschrieben sind. Eine Nähe zum Jazz ist dabei stets spürbar. Über wiederholten, rhythmisch akzentuierten Begleitfiguren wechseln sich die melodieführenden Soloinstrumente ab. Vor allem im Dizzy Gillespie gewidmeten fünften Satz "Dizzyness" ist die Jazz-Harmonik offenkundig. Gillespie, der Trompeter und Mitbegründer des Bebop, unterstützte Rivera in den Vereinigten Staaten, nachdem dieser dort im Jahr 1981 im Rahmen der "Mariel Bootskrise" und wegen der wirtschaftlichen Not Kubas um Asyl gebeten hatte. Mit seinen "Aires Tropicales" blickt Rivera vielleicht auch ein wenig nostalgisch zurück auf bessere Zeiten: auf seine Zeit als Kind und junger Mann in Havanna.

Torsten Möller ∙ studierte an der Berliner Humboldt-Universität Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie. Mit dem Schwerpunkt auf der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist er freiberuflich tätig für Radio (SWR Kultur, Deutschlandfunk) und Print (Schweizer Musikzeitung, MusikTexte). In Essen unterrichtet Torsten Möller das Fach Musikjournalismus an der dortigen Folkwang Universität der Künste.

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Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Séverine Peter, Künstlerische Planung (interimistisch)
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft

Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft.