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KONZERTTERMINE
SA 18. APRIL 2026, 20 UHR
Baden-Baden, Museum Frieder Burda
SO 19. APRIL 2026, 16 UHR
Stuttgart, Neues Schloss
MO 20. APRIL 2026, 20 UHR
Freiburg, Konzerthaus
PROGRAMMFOLGE
ANTONIO VIVALDI (1678-1741)
SONATA D-MOLL OP. 1 NR. 12 RV 63 („LA FOLLIA“)
(BEARBEITUNG FÜR VIER VIOLONCELLI VON WILLEM POOT)
ca. 10’
ARVO PÄRT (*1935)
„DA PACEM DOMINE“ FÜR VIER VIOLONCELLI
ca. 5'
ALFRDEO PIATTI (1822-1901)
„IN VACANZA“ („IM URLAUB“), QUARTETTINO FÜR VIER VIOLONCELLI
Partenza (Abfahrt)
Arrivo (Ankunft)
Danza Rustica (Ländlicher Tanz)
ca. 10'
EMÁNUEL MOÓR (1863-1921)
SUITE FÜR VIER VIOLONCELLI OP. 95
Andante sostenuto
Molto allegro
Adagio
Allegro con brio
ca. 10'
Fionn Bockemühl, Wolfgang Düthorn, Alexandru Richtberg und Markus Tillier, Violoncello
Pause
SAMUEL COLERIDGE-TAYLOR (1875-1912)
NONETT F-MOLL OP. 2
Allegro moderato
Andante con moto
Scherzo. Allegro vivace
Finale. Allegro vivace
ca. 27'
Harald Paul, Violine
Esther Przybylski, Viola
Alexandru Richtberg, Violoncello
Valentin Vacariu, Kontrabass
Ute Taxhet, Oboe
Anton Hollich, Klarinette
Angela Bergmann, Fagott
Thierry Lentz, Horn
Eva Paul, Klavier
Sendetermin: Sonntag, 21. Juni 2026 im Mittagskonzert in SWR Kultur ab 12.30 Uhr
WERKEINFÜHRUNGSTEXT
"Rasend und wild"
Antonio Vivaldis Sonata d-Moll (La Follia)
Viele Ohrwürmer gibt es in der Musik. Es sind Melodien oder Themen, die sich deshalb in Gehörgängen einnisten, weil sie einprägsam sind, weil man sie mitsingen oder mitpfeifen kann. Sicher spielt die Wiederholung bei der Ohrwurm-Bildung eine Rolle. Immer wieder kommen die "Hits" im Radio vor, im Kino, in der Werbung, und früher im Konzert oder auf der Straße. Ein beliebter barocker Ohrwurm ist das Thema von "La Follia". Ursprünglich ist es ein Volkstanz portugiesischer Provenienz, schon Hirten und Bauern tanzten und sangen zur Melodie im 15. Jahrhundert. In einem Lexikonartikel von 1611 beschreibt der Spanier Sebastián de Covarrubias den wilden, ungestümen und durchaus extravaganten Tanz so: "Es handelt sich um einen bestimmten Tanz, an dem viele Personen mit Rasseln und anderen Instrumenten teilnehmen, außerdem einige maskierte Rüpel, die auf ihren Schultern als Mädchen verkleidete Jungen tragen. Sie bilden mit ausgestreckten Armen manchmal einen Kreis und tanzen und spielen die Schellentrommeln. Der Lärm ist so groß und die Musik so schnell, dass alle von Sinnen zu sein scheinen. So wurde der Tanz Follia benannt nach dem toskanischen Wort folle, das eitel, töricht, von Sinnen, kopflos bedeutet."
Meist virtuos, ja rasend wild variieren Komponisten das im kollektiv Unbewussten gespeicherte Thema. In Spanien nimmt Gaspar Sanz das einfache, aber doch so aparte Thema auf, in Frankreich variieren Jean Baptiste Lully und Marin Marais das Thema, in Deutschland kommt die "Follia-Melodie" bei Carl Philip Emanuel Bach vor und sogar bei seinem Vater, der das Thema in seiner Bauernkantate zitiert. Auch Antonio Vivaldi kommt an "La Follia" offenbar nicht vorbei. Es gibt Stimmen, die sehen seine Sonata d-Moll op. 1 Nr. 12 als Antwort mit Übertrumpfungswillen auf die bekannte "La Follia"-Adaption seines Landsmanns Arcangelo Corelli, die fünf Jahre zuvor erschien. In den üblichen Variationen kann Vivaldi jedenfalls seine virtuosen Geigenkünste ausspielen und manche seiner kapriziösen Ideen verwirklichen. Zu bestaunen gibt es rasant vorwärts eilende Triolenketten, virtuose kurzteilige Dialoge zwischen den Instrumenten – und manch springend-punktierte Rhythmik, die den einstigen Tanzcharakter unterstreicht.
Ursprünglich entstand Vivaldis Sonata d-moll Nummer 1 für zwei Violinen und Basso Continuo. Die Bearbeitung für vier Celli stammt vom niederländerländischen Cellisten Willem Poot, der zahlreiche weitere barocke Werke und sogar die bekannte "Moldau" von Bedřich Smetana für sein Instrument arrangierte. Poot nahm sich die Freiheit, nicht alle Variationen Vivaldis zu berücksichtigen. Manche Höhenlagen der Geigen kann das so vielseitige und im Tonumfang beachtliche Cello dann doch nicht erreichen.
"Flächen mit Sogeffekt"
Arvo Pärts "Da Pacem Domine"
Arvo Pärt ist eine Ausnahmeerscheinung. Sein sogenannter "Tintinnabuli-Stil" ist von Askese geprägt, von einer Konzentration auf nur sehr wenig Material. "Ich habe entdeckt" sagt Pärt, "dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich." Im Gegensatz zu zeitgenössischen Kollegen bezieht sich Pärt ganz unverblümt und unverstellt auf die Tradition der abendländischen Musik. Seit dem 16. Jahrhundert bekannte Proportionskanons spielen eine Rolle, auch auf bloßen Dreiklängen basierende Harmonik. Hinter der besonderen Ästhetik steht das Streben nach einer spirituell-religiösen, gewissermaßen überpersönlichen Musik, die auch in "Da Pacem Domine" ("Gib Frieden, Herr") erfahrbar ist. Trotz oder gerade wegen der äußersten Reduktion ist es eine empfindlich-zerbrechliche Musik, die keine Ornamente, kein Zierrat oder ein gefühliges Vibrato verträgt. Der Ton muss gerade sein, schwebend und zugleich streng objektiv.
Pärt komponiert das Stück im Jahr 2004 ursprünglich für vier Gesangsstimmen und den bekannten katalanischen Gambisten und Musikwissenschaftler Jordi Savall. Anlass waren die von islamistischen Terroristen verübten Zuganschläge in Madrid, bei denen 193 Menschen zu Tode kamen. Das Stück wird in Spanien jährlich zum Gedenken an die Opfer immer wieder aufgeführt.
"Elegante und virtuose Klangfülle"
Alfredo Piattis "In Vacanza"
Alfredo Piatti ist kein Unbekannter, insbesondere nicht unter Cellisten. Seine 12 Capricci für Cello solo gelten als Standardliteratur, die jeder Cellist im Lauf seines Studiums mal gespielt haben muss. Piatti ist vor allem als Cellist aktiv, 1843 tritt er sogar mit Franz Liszt konzertierend auf. Sein kompositorisches Schaffen umfasst nur wenige Werke, die vor allem in seinen späten Lebensjahren entstehen, als Piatti auf ausgedehntere Konzerttourneen verzichtet.
Zehn Jahre vor seinem Tod schreibt Piatti seine festliche Musik "In Vacanca" ("Im Urlaub"). In drei Sätzen ("Abfahrt", "Ankunft" und "Ländlicher Tanz") schildert er Eindrücke und Stimmungen einer offenbar weitestgehend angenehmen Urlaubsreise, die den Cellisten entspannt "auf den Leib" geschrieben ist. Ausgelassen und reich an gesanglichen Melodien beginnt es in klassisch-romantischem Tonfall. Doch plötzlich kommt im zweiten Satz wie aus dem Nichts ein an Beethovens Spätwerk erinnerndes Fugato ins Spiel, wo Piatti seine kompositorischen Finessen demonstriert. Im abschließenden "Danza Rustica" ist die ganze füllige und vielfältige Klangpracht zu hören, die in einem Cello-Quartett steckt. Am Ende steht ein virtuoses Zusammenspiel, das an manche seiner "Capricci" erinnert.
"Überwältigende Dichte"
Emánuel Moórs Suite
Ein Komponist, der das Cello aus dem ff kennt, ist neben Alfredo Piatti auch der Ungar Emánuel Moór. Durch die Vermittlung des russischen Cellisten Anatoly Brandukov lernt Moór den bekannten Cellisten Pablo Casals kennen, mit dem er sich schließlich befreundet. Casals hält die Musik des Ungarn für „überwältigend“ und schätzt Moór als Komponisten "höchsten Ranges". Für Casals entstehen viele Werke, unter anderem auch die Suite für vier Celli op. 95.
Diese um 1909 entstandene Suite zeigt Einflüsse von Franz Schubert und von Johannes Brahms, den Moór auch persönlich kannte. Auffallend ist eine ungeheure Dichte der Musik, an der die ganz demokratische Gleichberechtigung der vier Stimmen beteiligt ist. Wenig scheint in dieser ebenso intensiven wie ausdrucksstarken Suite Nebensache. Selbst wenn Moór eine melodiöse Oberstimme schreibt, passiert in den anderen Stimmen sehr viel. Es mag das Erbe von Brahms sein, das durch viel kontrapunktische Kunst weitergegeben wird. Mit Brahms verbindet Moór auch eine sehr farbige Harmonik. Innerhalb nur weniger Takte moduliert er geradezu abenteuerlich durch entfernte Regionen des Quintenzirkels.
Es ist interessant, dass bei der Erstveröffentlichung der Suite – ganz im Gegensatz zu spätromantischen oder modernen Konventionen – kaum Aufführungshinweise oder genauere Spielanweisungen zu finden waren. Vermutlich hat Moór sich ganz bewusst auf die Fachleute um Pablo Casals herum verlassen. Die Premiere dieser besonderen und beeindruckenden Suite spielten im Pleyel-Saal in Paris neben Casals die Cellisten Joseph Salmon, André Hekking und Diran Alexanian.
"Direttissima-Musik"
Samuel Coleridge-Taylors Nonett
Was Brahms für Emánuel Moór war, war Antonín Dvořák für den jungen Samuel Coleridge-Taylor. Dvořak ist für seine farbenfrohe, spritzige, an Melodien reiche Musik bekannt – und diese Charakteristiken prägen auch das Nonett des erst 19-jährigen Briten Coleridge-Taylor. Er zeigt sich in der Tat als frühreifer Komponist, der schon auf einige Erfahrungen zurückgreifen kann. Schon mit acht Jahren tritt Coleridge-Taylor als Geiger auf, mit 15 beginnt er bei Charles Villiers Stanford ein Kompositionsstudium. Auch als Dirigent ist er ausgebildet.
Im Nonett spiegeln sich Sicherheit und Fantasie im Umgang mit Klangfarben und einzelnen Instrumenten. Formal gesehen ist es eher konventionell angelegt. Es folgt den üblichen Konventionen der klassisch-romantischen Tradition. Vier Sätze sind also auch für Coleridge-Taylor Standard, wobei er sich im ersten und letzten Satz an die Sonatenhauptsatzform hält. Durchführungsteile mit großen Modulationskünsten sind eher knapp gehalten – zum einen, weil schon in den Expositionen harmonische Farbigkeit angestrebt wird, zum anderen, da es dem jungen Komponisten – ganz à la Dvořák – um eine spritzige "Direttissima-Musik" geht. Besonders auffallend ist dies im Scherzo mit seinen leichtfüßigen Pizzicati unter einer lyrischen, recht sentimentalen Melodie. Offenbar war die erste Aufführung des eingängigen, auf eine Art auch typisch amerikanischen Nonetts am 5. Juli 1894 am Royal College of Music in London ein voller Erfolg. Dennoch verschwand das Werk für mehr als 100 Jahre von der Bildfläche. Erst 1999 wurde wieder entdeckt – und endlich herausgegeben.
Torsten Möller ∙ studierte an der Berliner Humboldt-Universität Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie. Mit dem Schwerpunkt auf der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist er freiberuflich tätig für Radio (SWR Kultur, Deutschlandfunk) und Print (Schweizer Musikzeitung, MusikTexte). In Essen unterrichtet Torsten Möller das Fach Musikjournalismus an der dortigen Folkwang Universität der Künste.
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Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Séverine Peter, Künstlerische Planung (interimistisch)
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft
Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft.