INHALT
Konzerttermine
Programm
Kurzinfos zum Konzert
Werkeinführungstext
Künstlerbiografien
Orchesterbesetzung
Konzertvorschau
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Service
KONZERTTERMINE
Do 30.Oktober 2025, 20 Uhr
Fr 31.Oktober 2025, 20 Uhr
Stuttgart, Liederhalle
Sa 1. November 2025, 20 Uhr
Freiburg, Konzerthaus
Kostenlose Einführungen jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn
PROGRAMM
Francesca Verunelli
(*1979)
"Tune and retune II" für Orchester
ca. 17’
Édouard Lalo
(1823 – 1892)
Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll
Prélude. Lento – Allegro maestoso
Intermezzo. Andantino con moto
Introduction. Andante – Allegro vivace
ca. 28’
Pause
Hector Berlioz
(1803 – 1869)
Symphonie fantastique, Épisode de la vie d’un artiste
(Episode aus dem Leben eines Künstlers) op. 14
Rêveries, Passions (Träumereien, Leidenschaften)
Un Bal (Ein Ball)
Scène aux champs (Szene auf dem Lande)
Marche au supplice (Der Gang zum Richtplatz)
Songe d’une nuit de Sabbat (Hexensabbat)
ca. 57‘
Mitwirkende
Sol Gabetta, Violoncello
SWR Symphonieorchester
Pierre Bleuse, Dirigent
Live-Videostream · Freitag, 31. Oktober 2025 ab 20.03 Uhr auf SWR.de/so
Live-Radiosendung · Freitag, 31. Oktober 2025 ab 20.03 Uhr in SWR Kultur
Konzerteinführungen · Tabea Dupree
KURZINFOS ZUM KONZERT
Francesca Verunelli · in der Toskana geboren · Studien in Florenz und Rom sowie am IRCAM in Paris · 2010 "Silberner Löwe" bei der Biennale Venedig · 2020 "Förderpreis Komposition" der Ernst von Siemens Musikstiftung · 2022 "Premio Abbiati" der italienischen Musikkritik · 2023 Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters für "Tune and retune II" für Orchester (Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen) · zentrales Reflexions- und Schaffensprinzip der Komponistin ist die Zeit als eigentliches Wesen der Musik · "Zeit in der Musik unterscheidet sich fundamental von jeder anderen Manifestation von Zeit" · "Tune and retune II" für Orchester, das als preisgekröntes Werk jetzt zur Wiederaufführung gelangt, ist ein sinnliches Nachsinnen über tiefere Fragen der musikalischen Zeit · Wie verhält sich die "mikroskopische Zeit", die als Klangfarbe beschrieben werden kann, zur "makroskopischen Zeit", zur Zeit als Form? · "Die vielleicht eindrucksvollste Hörerfahrung besteht darin, sich genau an dem Punkt des Übergangs vom Mikroskopischen zum Makroskopischen zu befinden."
Édouard Lalo · 1823 in Lille als Sohn eines altgedienten Napoleon-Kämpfers geboren · erhält Unterricht in Violine und Violoncello am Konservatorium Lille · stößt auf massiven Widerstand seines Vaters, als er Musiker werden will, und geht mit 16 Jahren auf eigene Faust nach Paris · studiert hier am Konservatorium · beginnt eine Laufbahn als Musiker, vor allem als Geiger und Bratschist · Gründungsmitglied des musikhistorisch bedeutsamen Armingaud-Streichquartetts · vielfältige Kompositionstätigkeit nebenbei · Durchbruch als Komponist in den 1870er-Jahren, vor allem durch die Verbindung mit dem Geiger Pablo de Sarasate · 1875 entsteht für Sarasate die "Symphonie espagnole" · 1877 komponiert er ein Violoncellokonzert, das von dem belgischen Virtuosen Adolphe Fischer erfolgreich uraufgeführt wird · 1878 folgen Aufführungen des Cellokonzerts in Wien und Leipzig · vier Jahre vor seinem Tod gelingt Lalo 1888 mit "Le roi d’Ys" auch auf dem Gebiet der Oper ein später großer Erfolg.
Hector Berlioz · 1803 in La Côte-Saint-André (Isère) geboren · soll auf Wunsch seines Vaters, eines Arztes, auch Mediziner werden · bricht sein Medizinstudium in Paris zugunsten der Musik ab · wagemutige Versuche als Komponist im Clinch mit der akademischen Welt des Konservatoriums · mehrfache Anläufe, mit dem Rom-Preis ein Stipendium zu gewinnen, was schließlich 1830 gelingt · im selben Jahr Uraufführung der "Symphonie fantastique" · der Italien-Aufenthalt, nun nicht mehr in Berlioz’ Sinn, wird 1832 vorzeitig beendet · musikalischer Nachklang in "Harold en Italie" (1834), geschrieben für Paganini, der ihn verehrt und fördert · als Fortsetzung der "Symphonie fantastique" entsteht das Monodram "Lélio", das 1832 gemeinsam mit der Symphonie aufgeführt wird · der autobiografische Hintergrund, die Liebe zur Schauspielerin Harriet Smithson, wird hier in unerhörter Weise offengelegt und programmatisch formuliert · 1833 Heirat mit Harriet Smithson · Berlioz’ poetische Begabung zeigt sich auch in seinen schriftstellerischen Arbeiten · sein bahnbrechendes Œuvre wird in Deutschland vor allem von Liszt und Wagner anerkannt, aufgegriffen und weitergeführt.
WERKEINFÜHRUNGSTEXT
Zeit, Leben und Musik
Werke von Verunelli, Lalo und Berlioz
Was ist Musik? In jedem Fall: gestaltete Zeit. Oder auch: Klang im Fluss der Zeit. Dabei ist der Klang nie etwas Festes, das Tonmaterial nie etwas Starres und fix Gegebenes. Sondern: Alles fließt. Alles ist Zeit in dieser immateriellsten aller Künste. Alles ein Entstehen und Vergehen, jeder Ton, jede Phrase trägt im Beginnen schon das Enden in sich. Auch was wir Farbe nennen in der Musik, ist ein Kind der Zeit.
Das heutige Konzertprogramm des SWR Symphonieorchesters lädt dazu ein, diesem innersten Wesen nachzuspüren: der Musik als gestalteter Zeit. Scheinbar unbefangen kann sie sich entfalten, die Zeit, im Hin und Her zwischen Solo und Tutti, im dialogischen Wechselspiel eines Konzerts wie dem d-Moll-Violoncellokonzert von Édouard Lalo. Oder: Die musikalisch gestaltete Zeit setzt sich kühn in Bezug zu real erlebter, erlittener Lebenszeit – so wie in Hector Berlioz’ "Symphonie fantastique". Als "Épisode de la vie d’un artiste" macht sie das Leben des Komponisten selbst zum Thema und erhebt das Ego zum Programm. Wunden, erlitten in der Zeit, verwandeln sich in wundersame Klänge im Fluss der musikalischen Zeit. Doch kann das überhaupt gelingen? Was hat die eine mit der anderen Zeit gemeinsam? "Zeit in der Musik unterscheidet sich fundamental von jeder anderen Manifestation von Zeit", findet die Komponistin Francesca Verunelli, deren "Tune and retune II" den Beginn des Programms bildet. "Zeit in der Musik", so Verunelli in einem Interview, "ist etwas sehr Spezielles. Das kann man überhaupt nicht mit einer Geschichte vergleichen …"
Musik als Schrift der Zeit
Francesca Verunelli: Tune and retune II für Orchester
"Komponieren heißt, Zeit zu schreiben. 'L’écriture du temps' – Musik ist die Schrift der Zeit", so Francesca Verunelli. In der zeitgenössischen Musikszene gibt es kaum jemanden, der intensiver über die fundamentale Kategorie der Zeit in der Musik nachdenkt als Verunelli – und kaum jemand, der aus diesem Nachsinnen sinnlichere Kunst schöpft als sie. In Pietrasanta in der Toskana geboren, studierte sie in Italien und am IRCAM in Paris, dem von Pierre Boulez geprägten "Institut de recherche et coordination acoustique/musique". Nach zahlreichen Auszeichnungen – darunter dem "Premio Abbiati" der italienischen Musikkritik 2022 – gewann sie 2023 mit ihrem Orchesterwerk "Tune and retune II" den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters. Ingo Metzmacher dirigierte die Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen. Teil des Preises ist die Zusage, das prämierte Werk zur Wiederaufführung zu bringen. Diese Zusage wird im heutigen Konzert vom SWR Symphonieorchester eingelöst.
"L’écriture du temps" – die Schrift der Zeit: Francesca Verunelli lässt ihre Musik auch in diesem neuen Orchesterwerk von der Zeit tragen. Philosophisch tief reflektiert, gedanklich durchdrungen in ihrer ontologischen Vielschichtigkeit, ist die Zeit hier mehr als nur "Thema", sondern schöpferisches Prinzip. Wie korrespondiert die "innere Zeit des Klangs" mit der "semantischen Zeit des Hörens"? Wie verhält sich die "mikroskopische Zeit", die als Klangfarbe beschrieben werden kann, zur "makroskopischen Zeit", der Zeit als Form? In einem Text, den Francesca Verunelli zur Uraufführung ihres Werks geschrieben hat, erläutert sie den Hintergrund von "Tune and retune II":
"Eine wichtige Frage, aus der dieses Werk entstanden ist, lautet: Können die innere Zeit des Klangs und die semantische Zeit des Hörens durch die jeweils andere gehört werden? Es interessierte mich, einen transparenten Übergang von einer eher mikroskopischen Zeit – der Zeit des Klangs an sich, die sehr eng mit dem verbunden ist, was wir Klangfarbe nennen – zu einer eher makroskopischen Zeit – der Zeit, die wir als Form betrachten, der Zeit des Hörens – zu schaffen.
Die vielleicht eindrucksvollste Hörerfahrung besteht darin, sich genau an dem Punkt des Übergangs vom Mikroskopischen zum Makroskopischen zu befinden. Das heißt: Kann es passieren, dass das Mikroskopische fortbesteht und das Makroskopische bildet, und dass das Makroskopische ein Ort der Entfaltung des Mikroskopischen ist? Kann unser Hören im Moment des Übergangs leben und die Spuren dieser unsichtbaren "Bewegung" "sehen"? Also das Fortbestehen und die Verschiebung der Erinnerung von der physischen Wahrnehmung zum bewussten Hören.
Auch die Klangfarbe hat damit viel zu tun. Aus dieser Perspektive ist sie ein harmonisches Potenzial, das sich im Laufe der Zeit entfaltet und offenbart mit seiner eigenen Art, Zeit zu sein und zu formen. So gesehen existiert die Klangfarbe nicht außerhalb der Zeit, genauso wenig wie es eine harmonische Syntax außerhalb der Zeit gibt."
Im gleichmäßigen Puls hebt sich "Tune and retune II" aus der Stille, organisch wie der Schlag des Herzens und die Züge des Atems entfaltet sich im lebensnahen Auf und Ab und Hin und Her ein meditativer Sog. Klänge tun sich auf, entfalten sich aus den vielfältigsten Varianten von Instrumenten und Spielweisen, schweifend, sich aneinander reibend, frei flutend – und lange noch spürt man diesen Puls, auch wenn ihn schon andere rhythmische Strukturen überlagern und ablösen. Das Geschehen verdichtet sich: Ballung, Bedrängung, Massierung und Rasanz, vernehmbar auch in nahezu klassischen Tonkaskaden, treiben es furios dem Schluss zu.
Was sich Francesca Verunelli als Hörhaltung wünscht, hat sie im bereits zitierten Interview einst so beschrieben: "Ich finde die Idee des involvierten Zuhörers faszinierend – die Idee, dass der Zuhörer mittels seiner ganz persönlichen Erwartungen die Entwicklung der Zeit in der Musik erleben kann."
Warten, bis die Zeit kommt
Édouard Lalo: Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll
"Nichts hat das freudige und warme Herzklopfen verringert, das mich überkommt, wenn ich gelegentlich dem Namen Lalo begegne." Claude Debussy schrieb das in seiner Eigenschaft als scharfzüngiger, spitzfedriger Musikkritiker. Gern gab er als "Monsieur Croche" auch kund, dass er in jugendlichem Alter vom Pariser Operndirektor persönlich aus dem Theater geworfen wurde, weil er dem Ballett "Namouna" von Édouard Lalo eine "geräuschvolle, aber verzeihliche Begeisterung" gezollt hatte. Sein lautstarker Enthusiasmus stand damals krass im Gegensatz zur öffentlichen Meinung. Lalo freilich war Zurückweisungen gewöhnt. Hindernisse und Widerstände ließen in ihm reifen, was man heute Resilienz nennt. 1823 in Lille geboren, wuchs Lalo als Sohn eines Soldaten auf, der stolz an Napoleons Seite gekämpft hatte. Geige und Cello durfte er lernen – doch als Édouard Neigung zeigte, Musiker zu werden, schlug ihm der volle militärische Widerstand seines Vaters entgegen. Lalo verließ mit 16 sein Elternhaus und ging nach Paris, absolvierte das Konservatorium und begann im Stillen seine Laufbahn als Musiker. Er verdingte sich als Geiger und Bratschist, spielte in Konzerten unter Berlioz und wurde 1855 Gründungsmitglied des Armingaud-Streichquartetts. Kammermusik interessierte ihn auch als Komponist, doch auch in größeren Genres versuchte er sich, 1866 erstmals auch mit einer Oper. "Fiesque" nach Schillers "Fiesco", eingereicht bei einem Kompositionswettbewerb, wurde nicht gerade ein Fiasko – aber die Partitur blieb ungedruckt.
Lalos große Zeit kam, als er schon um die fünfzig Jahre alt war. Nicht nur namhafte Pariser Orchesterleiter fanden Gefallen an ihm, sondern auch einer der berühmtesten Violinvirtuosen aller Zeiten, Pablo de Sarasate. Auf Lalos Erstes Violinkonzert, 1874 von Sarasate aus der Taufe gehoben, folgte ein Jahr später gleich das Zweite, das als "Symphonie espagnole" weltberühmt wurde. "Ihre Ankunft in meinem Leben eröffnete mir die größten künstlerischen Möglichkeiten", schrieb Lalo an Sarasate, ohne ihn hätte er "weiter unbedeutenden Kram geschrieben". Einmal im Schwung, beglückte Lalo 1877 auch die Cellisten mit einem Konzert. Vermutlich hatte er auch hier schon den Klang des Künstlers im Sinn, der es zur Uraufführung brachte: Adolphe Fischer. Die Premiere, die im Dezember 1877 in Paris stattfand, war von so großem Erfolg gekrönt, dass spontan eine Wiederholung angesetzt wurde. Und bald machte das Konzert auch international die Runde. Fischer spielte es Anfang 1878 in Wien und Leipzig – in Wien stand Hans Richter, 1876 Uraufführungsdirigent des "Ring" in Bayreuth, am Pult der Wiener Philharmoniker. Zeitungsschreiber in der Kaiserstadt hielten es freilich für geboten, chauvinistisch über "dieses musikalische Nichts" hinwegzugehen: "Dudelsack-Musik", die es nicht verdiene, gedruckt zu werden. Lalo war derlei gewohnt. Auf lange Sicht sollte er Recht behalten. Sein Cellokonzert fand rasch Eingang ins Repertoire und erfreut seither Cellistinnen und Cellisten vieler Generationen.
Herausfordernd ist der Solopart angelegt, virtuos und farbenreich, rhapsodisch fließend in fast unablässiger Bewegung. Dem setzt Lalo im dunklen d-Moll des Eröffnungssatzes einen herben symphonischen Orchesterklang entgegen, wuchtige Passagen mit knallharten Tuttischlägen. Die instrumentale Lyrik entfaltete sich so vor gewittriger Kulisse, freie Poesie trifft auf harsche Prosa und Dramentöne wie aus Verdis "La forza del destino". Der wohl originellste Satz steht inmitten des Werks – "Intermezzo" nennt ihn Lalo. Dreiteilige Lied- und Scherzo-Form werden hier kunstvoll verknüpft, und herrlich tanzt das Cello mit kecken Akzenten gegen den 6/8-Puls des Orchesters. Im taumelnden Entzücken treffen da zwei Zeitstrukturen aufeinander. Was übrigens das Opernhafte bei Lalo angeht, sollte auch hier seine Zeit noch kommen. Vier Jahre vor seinem Lebensende glückte ihm mit "Le roi d’Ys" (1888) ein großer Bühnenerfolg. Spät, aber doch. Das war das Muster seines Lebens.
Der Zeit weit voraus
Hector Berlioz: Symphonie fantastique
Hector Berlioz hingegen war früh dran. Jugendlicher Aufbruch, Aufbegehren. Revoluzzertum, das war seine Signatur. Erst 27 Jahre zählte er, als er 1830 seine "Symphonie fantastique" herausbrachte: ein wahrhaft unerhörtes Werk, das die Tür zu einer neuen Dimension von Instrumentalmusik aufstieß. "Dass unser Zeitalter so ganz der Poesie entbehrt", regte ihn auf und spornte ihn an. Berlioz war zwölf, als sich die alten Mächte nach dem Sieg über Napoleon zu strenger Zucht und Ordnung zusammenschlossen. Dem muffig-restaurativen Geist setzte er seine Poesie entgegen: mit aller Leidenschaft – und durch die Leidenschaft. Zugleich mit der Liebe, der glühenden Passion für eine unerreichbare Frau, habe er die Liebe zur Musik entdeckt, erzählt Berlioz in seinen köstlichen Memoiren. Aus diesem Leidenschaftskraftwerk schuf er dann auch die "Symphonie fantastique". Passion, potenziert durch Obsession: Das war das Triebwerk hinter der Komposition, und Berlioz bekannte es vor aller Welt. "Das Thema dieses musikalischen Dramas ist, wie man weiß, kein anderes als die Geschichte meiner Liebe zu Miss Smithson, meiner Qualen, meiner schmerzlichen Träume …"
Von dieser Miss Smithson muss noch die Rede sein. Aber wichtiger ist, sich erst einmal das unerhört Neue des schöpferischen Ansatzes klarzumachen: dass da einer ganz unverhohlen seine eigene, höchst persönliche Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte zum Beweggrund seiner Kunst erklärt und, mehr noch, ein Programm daraus macht! Mit so entblößter Brust hatte zuvor noch kein Komponist Musik in die Welt gesetzt – auch Beethoven nicht, der im Zeitalter des Idealismus weit vorangegangen war in der Freisetzung des Subjekts. Robert Schumann, der 1835 eine rundweg positive Kritik der "Symphonie fantastique" veröffentlichte, fühlte sich davon peinlich berührt. In zarter Scheu, fand er, wolle man doch bitte "gar nichts von den Ursachen, Werkzeugen und Geheimnissen des Schaffens wissen". Denn: "Wir würden schreckliche Dinge erfahren, wenn wir bei allen Werken bis auf den Grund ihrer Entstehung sehen könnten."
Die schrecklichen Dinge aber legte Berlioz offen, und er erzählte jedem davon in einem Programm, das er seiner „Symphonie fantastique“ mitgab. "Die Verteilung dieses Programms", erklärte er einmal, sei bei Konzerten, in denen diese Symphonie aufgeführt wird, "zum völligen Verständnis des dramatischen Planes dieses Werkes unerlässlich".
"Rêveries – Passions", "Träumereien – Leidenschaften" – so ist der erste Satz überschrieben. "Ein junger Musiker sieht zum ersten Mal eine Frau, die all den Zauber des Idealwesens vereinigt, von dem seine Fantasie geträumt hat, und verliebt sich in sie. Infolge einer eigentümlichen Bizarrerie erscheint dem Künstler das geliebte Bild stets nur in Verbindung mit einem musikalischen Gedanken", so Berlioz in diesem Programmtext (Partitur, 1. Auflage). "Als "idée fixe" taucht dieser Gedanke in allen Sätzen der Symphonie auf. Gegenstand des ersten Satzes ist laut Berlioz "der Übergang aus jenem Zustand melancholischer Träumerei, unterbrochen durch Anwandlungen grundloser Freude, zu jenem einer wahnsinnigen Leidenschaft mit ihren Regungen von Raserei und Eifersucht, ihrer zurückkehrenden Zärtlichkeit, ihren Tränen, ihren religiösen Tröstungen".
Ein Wechselbad der Gefühle prägt dann auch den zweiten Satz, "Un bal". Festlicher Tumult, friedvolle Betrachtungen der schönen Natur – "aber überall, in der Stadt wie auf dem Lande, erscheint dem Künstler das geliebte Bild und versetzt seine Seele in Unruhe". Eine "Szene auf dem Lande" beschwört der dritte Satz herauf. In der Ferne spielen zwei Hirten einen Kuhreigen – "ein ungewohnter Friede senkt sich da ins Herz des Künstlers und verleiht seinen Gedanken eine heitere Färbung. Er sinnt über seine Einsamkeit nach: er hofft, bald nicht mehr allein zu sein … Doch wenn sie ihn täuschte!“ Am Schluss dann wieder der Kuhreigen, doch "der andere antwortet nicht mehr … Fernes Donnergrollen … Einsamkeit … Stille …"
In die tiefsten Seelenschluchten, alptraumhaft und wild, führt der vierte Satz: "Marche au Supplice" – "Der Gang zum Richtplatz". "In der sicheren Erkenntnis, dass seine Liebe missachtet werde, vergiftet sich der Künstler mit Opium. Die Dosis des Gifts, zu schwach, um ihm den Tod zu geben, versenkt ihn in einen von den schauerlichsten Visionen begleiteten Schlaf. Er träumt, er habe die Geliebte getötet, sei zum Tod verurteilt, werde zum Richtplatz geführt und nehme an seiner eigenen Hinrichtung teil." Und noch weiter treibt das spukhafte Psychodrama im "Traum einer Walpurgisnacht", dem fünften und finalen Satz: "Ein Hexensabbat". Geister, Hexen, Ungeheuer aller Art haben sich zur Totenfeier des Künstlers versammelt. "Seltsame Geräusche, Stöhnen, Ausbrüche von Gelächter, ferne Schreie, auf die andere Schreie zu antworten scheinen. Die geliebte Melodie erscheint noch einmal – jetzt aber als gemeine Tanzweise, trivial und grotesk"; die geliebte Frau zeigt sich in verzerrter Gestalt, "Freudengebrüll bei ihrer Ankunft … Sie mischt sich unter die teuflische Orgie … Totenglocken, burleske Parodie des Dies irae, Sabbat-Rundtanz."
Voll Sprachlust formuliert Berlioz dieses Programm seiner "Symphonie fantastique" – das Feuer der Poesie entzündete ihn auch übers Wort, und Shakespeare stand Pate dafür. "Shakespeare", schreibt Berlioz in seinen Memoiren, "der so unerwartet über mich kam, zermalmte mich gleich einem gewaltigen Blitzschlag, dessen Strahl mir mit überirdischem Getöse den Kunsthimmel eröffnete und mich bis in die weitesten Fernen blicken ließ. Ich erkannte die echte dramatische Größe, Schönheit und Wahrheit. … Ich sah … verstand … und fühlte, dass ich lebte …" Eine englische Theatertruppe hatte diesen Shakespeare im Original nach Paris gebracht, Harriet Smithson spielte die Ophelia, sie war der Star des englischen Theaters in Paris – und Berlioz verfiel ihr. Passion, potenziert durch Obsession: Seine Leidenschaft für Shakespeare verschmolz mit seiner Verliebtheit in Harriet, unglücklich liebte er sie bis zur Raserei, unerhört blieb er fürs erste, nicht beachtet, obwohl er alles daransetzte, sich mit seiner Musik vor ihr in Szene zu setzen. Die Premiere der "Symphonie fanstastique" 1830, angekündigt als "Épisode de la vie d’un artiste", erreichte sie noch nicht. 1832, bei einem weiteren Konzert mit dem kühnen Werk, aber hörte sie ihn – und erhörte ihn. Die beiden wurden ein Paar. 1833 heirateten sie, doch die Prosa des Lebens ließ nicht auf sich warten. Seit 1844 lebte das Ehepaar getrennt, 1854 starb Harriet Smithson – unsterblich geworden durch die „Symphonie fantastique" und ihren so offen dargelegten leidenschaftlichen Hintergrund.
Musik als Autobiografie: Das war umwälzend neu, und fraglos hatte Berlioz mit diesem Werk zugleich die Gattung der "Programmmusik" erfunden. Sie war umstritten, von Anfang an. "Solche Wegweiser haben immer etwas Unwürdiges und Scharlatanmäßiges", fand schon Schumann, als er sich mit dem Programm der "Symphonie fantastique" auseinandersetzte. "Jedenfalls hätten die fünf Hauptüberschriften genügt …" Auch Hector Belioz war schließlich klar, dass er mit seiner verbalen Lust womöglich übertrieben hatte. Denn eines wollte er ganz sicher nicht: dass seine Musik bloß als Illustration eines Texts verstanden würde. Seine Kunst klebt nicht am Wort, sie drängt – ganz im Gegenteil – auf neue, unerhörte Freiheiten, beflügelt von einer kühnen poetischen Vision. Um diese Poesie ging es ihm. Und so meinte schließlich auch Berlioz, der das Programm seiner Symphonie in nicht weniger als 14 Versionen beschrieben hat, im Vorspann zur letzten Fassung, "dass die Symphonie an und für sich und abgesehen von aller dramatischen Absicht ein musikalisches Interesse beanspruchen darf." Wer wollte das je bezweifeln?
Joachim Reiber ∙ in Stuttgart geboren, studierte in Tübingen Germanistik und Geschichte und promovierte in Wien mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Operntexte. Von 1993 bis 2023 leitete er die Redaktion der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und war als Chefredakteur für das mehrfach ausgezeichnete Magazin des Wiener Musikvereins zuständig. Zu seinen Buchpublikationen zählen "Duett zu dritt. Komponisten im Beziehungsdreieck", "Gottfried von Einem. Komponist der Stunde null" und "Ein Haus für die Musik. Der Musikverein in Wien".
KÜNSTLERBIOGRAFIEN
Pierre Bleuse, Dirigent
Seit der Saison 2023/2024 ist der Franzose Pierre Bleuse Chefdirigent beim Pariser Ensemble intercontemporain. Als Nachfolger großer Musiker wie Pierre Boulez, Peter Eötvös und Matthias Pintscher ist er damit hauptamtlicher Gralshüter der Moderne. Außerdem ist er seit 2021 Chefdirigent des dänischen Odense Symfoniorkesters und Künstlerischer Leiter des "Pablo Casals Festivals" im südfranzösischen Prades.
Die Saison 2025/2026 eröffnete er mit dem Ensemble intercontemporain bei den BBC Proms, gefolgt vom Ravel-Festival im baskischen Saint-Jean-de-Luz sowie dem Saisonauftakt an der Philharmonie de Paris. In dieser Spielzeit gibt Bleuse sein Debüt beim Schwedischen Radiosinfonieorchester, beim Finnischen Radiosinfonieorchester, beim NDR Elbphilharmonie Orchester, beim SWR Symphonieorchester – letzteres gemeinsam mit seiner langjährigen musikalischen Partnerin Sol Gabetta – sowie beim Auckland Philharmonia Orchestra. Wiederbegegnungen führen ihn zum São Paulo Symphony Orchestra sowie zum City of Birmingham Symphony Orchestra, zum Singapore Symphony Orchestra und ins Concertgebouw Amsterdam, wo er erstmals das Nederlands Philharmonisch Orkest dirigieren wird.
Pierre Bleuse arbeitet regelmäßig mit international führenden Klangkörpern zusammen – darunter das Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam, die BBC Symphony, das Orchestre de Paris, das Orchestre National de France, die Symphonieorchester von Tokio und Singapur sowie die Rundfunksinfonieorchester von Hannover (NDR), Leipzig (MDR) und Frankfurt (HR). Weitere Engagements führten ihn unter anderem zum Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, zum Orchestre de la Suisse Romande, zum Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, zum Spanischen Nationalorchester, zum Sinfonieorchester Castilla y León in Valladolid, zum Polnischen Nationalen Radiosinfonieorchester in Kattowitz, zum Orchestre National du Capitole de Toulouse, zum Orchestre National de Lyon, zu den Sinfonieorchestern von Bern und Basel, zur Brussels Philharmonic, zum Belgischen Nationalorchester, zum Royal Philharmonic Orchestra von Lüttich und zu zahlreichen weiteren europäischen Ensembles.
Als profilierter Vertreter der zeitgenössischen Musik dirigierte Bleuse 2024 Hèctor Parras Oper "Orgia" am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, gefolgt von einem Auftritt mit dem Ensemble intercontemporain beim Festival d’Aix-en-Provence. Im Jahr 2025 eröffnet er die Boulez-Jubiläumsfeierlichkeiten an der Philharmonie de Paris mit einer herausragenden Aufführung von Pierre Boulez’ Meisterwerk "Répons".
Pierre Bleuse arbeitet regelmäßig mit international führenden Solist:innen wie Joyce DiDonato, Karita Mattila, Patricia Kopatchinskaja, Pierre-Laurent Aimard, Sol Gabetta, Bertrand Chamayou, Emmanuel Pahud sowie Renaud und Gautier Capuçon zusammen. Seine Diskografie umfasst zahlreiche Einspielungen, darunter ein vielbeachtetes Ligeti-Album mit dem Ensemble intercontemporain, das 2025 mit dem "Diapason d’Or de l’année" ausgezeichnet wurde.
Seine Dirigierausbildung erhielt Pierre Bleuse bei Jorma Panula in Finnland sowie bei Laurent Gay an der Haute École de Musique de Genève.
Sol Gabetta, Violoncello
Nach ihrer jüngsten Zusammenarbeit mit dem Wiener Konzerthaus und mit Orchestern wie der Staatskapelle Dresden, den Bamberger Symphonikern und dem Orchestre Philharmonique de Radio France steht die Saison 2025/2026 von Sol Gabetta ganz im Zeichen von drei bedeutenden Residenzen: Als „Focus Artist“ des Tonhalle- Orchesters Zürich kehrt sie zu einem Ensemble zurück, mit dem sie vor genau zwanzig Jahren ihr Debüt feierte. Außerdem kuratiert sie Residenzen im Konzerthaus Dortmund sowie im BOZAR Brüssel, wo sie mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Martinůs Cellokonzert zu hören sein wird.
Im Mittelpunkt ihrer Saison 2025/2026 steht außerdem ein persönliches und historisch inspiriertes Projekt: eine Hommage an eine vergessene Pionierin – Lise Cristiani, eine der ersten Cellistinnen, die die Konzertbühnen weltweit eroberte. Mit Werken von Schubert, Mendelssohn, Offenbach, Donizetti und Servais lässt Sol Gabetta den Geist von Lise Cristianis legendären Konzerten wieder aufleben und gastiert an bedeutenden europäischen Veranstaltungsorten, darunter das Konzerthaus Berlin, die Elbphilharmonie Hamburg, das BOZAR Brüssel, die Isarphilharmonie München, das KKL Luzern und das Konzerthaus Dortmund.
Sol Gabetta ist eine gefragte Gastkünstlerin bei führenden Festivals und war "Artiste étoile" beim Lucerne Festival, wo sie mit den Wiener Philharmonikern und Franz Welser-Möst, dem Mahler Chamber Orchestra und François-Xavier Roth sowie dem London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Marin Alsop auftrat. Inspiration schöpft sie weiterhin aus dem "Solsberg Festival", das unter ihrer engagierten künstlerischen Leitung floriert.
Kammermusik ist nach wie vor ein zentraler Punkt ihres Schaffens. Sie tritt regelmäßig mit Isabelle Faust, Bertrand Chamayou, Kristian Bezuidenhout, Alexander Melnikov und Francesco Piemontesi auf. Für ihre außergewöhnliche künstlerische Leistung, Vision und Kreativität erhielt sie 2022 den Europäischen Kulturpreis sowie 2018 den Herbert-von-Karajan- Preis bei den Salzburger Osterfestspielen, wo sie als Solistin mit der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann auftrat, sowie zahlreiche weitere Preise, wie z. B. den OPUS Klassik als Instrumentalistin des Jahres 2019.
Sol Gabetta spielt auf mehreren italienischen Meisterinstrumenten aus dem frühen 18. Jahrhundert, darunter ein Cello von Matteo Goffriller, das ihr vom Atelier Cels Paris zur Verfügung gestellt wurde, und seit 2020 die berühmte "Bonamy Dobrée-Suggia" von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1717, eine großzügige Leihgabe der Stradivari-Stiftung Habisreutinger. Seit 2005 unterrichtet sie an der Musikakademie Basel.
SWR Symphonieorchester
Das SWR Symphonieorchester hat in der Liederhalle Stuttgart und im Konzerthaus Freiburg sein künstlerisches Zuhause. Im September 2016 aus der Zusammenführung des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR und des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg hervorgegangen, zählen Interpretationsansätze aus der historisch informierten Aufführungspraxis, das klassisch-romantische Kernrepertoire sowie Musik der Gegenwart gleichermaßen zu seinem künstlerischen Profil. Seit September 2025 ist François-Xavier Roth Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des SWR Symphonieorchesters. Roth folgt auf Teodor Currentzis, der von 2018 bis 2024 an der Spitze des Orchesters stand.
Zu den jährlichen Fixpunkten im Konzertkalender des SWR Symphonieorchesters zählen die SWR eigenen Konzertreihen in Stuttgart, Freiburg und Mannheim sowie Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen und den Schwetzinger SWR Festspielen. Seit 2020 ist das SWR Symphonieorchester das Residenzorchester der Pfingstfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden. Einladungen führen das Orchester regelmäßig zu den Salzburger Festspielen, in die Elbphilharmonie Hamburg, nach Berlin, Köln, Frankfurt, Dortmund, Essen, Wien, Edinburgh, London, Barcelona, Madrid und Warschau.
International gefragte Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Peter Eötvös, Christoph Eschenbach, Pablo Heras-Casado, Manfred Honeck, Jakub Hrůša, Eliahu Inbal, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Sir Roger Norrington, Jonathan Nott, Andrés Orozco-Estrada, Petr Popelka, Michael Sanderling und Giedrė Šlekytė haben mit dem SWR Symphonieorchester zusammengearbeitet. Unter den hochkarätigen Solisten finden sich Leif Ove Andsnes, Yulianna Avdeeva, Renaud Capuçon, Sol Gabetta, Martin Grubinger, Isabelle Faust, Vilde Frang, Hilary Hahn, Janine Jansen, Alexandre Kantorow, Sabine Meyer, Emmanuel Pahud, Fazil Say, Gil Shaham, Antoine Tamestit und Christian Tetzlaff. Seit September 2024 steht die Geigerin Patricia Kopatchinskaja dem SWR Symphonieorchester als Artistic Partner für zwei Spielzeiten zur Seite.
Mit seinem umfangreichen Musikvermittlungsangebot erreicht das Orchester jährlich etwa 15.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Sendegebiet des SWR. Zahlreiche Live-Übertragungen auf SWR Kultur und Konzertstreams auf SWR.de/so ermöglichen vielen Musikfreunden in der ganzen Welt, an den Konzerten des Symphonieorchesters teilzuhaben.
Seit 2024 ist das SWR Symphonieorchester offizieller Partner von "La Maestra", dem international bedeutendsten Wettbewerb für Nachwuchsdirigentinnen.
ORCHESTERBESETZUNG
KONZERTVORSCHAU
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Sonstige Informationen
Wir weisen freundlich darauf hin, dass unautorisierte Bild- und Tonaufnahmen jeglicher Art bei dieser Veranstaltung untersagt sind.
Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Dr. Henning Bey, Künstlerische Planung
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft
Matthias Claudi, Leitung Kommunikation SWR Ensembles und Festivals
Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft