In wenigen Stunden ist die Radsport-Karriere von Max Walscheid beendet. Der 33-Jährige tritt nach dem Münsterland-Giro am Tag der deutschen Einheit ab. Walscheid hört "mit einem wirklich extrem guten Gefühl" auf, "weil ich von mir sagen kann, dass ich das Maximum aus mir heraus geholt habe". Aufhören, "wenn es am schönsten ist". Vielleicht ist er aber auch "so ein bisschen gesättigt von allem".
Dennoch: Dass es jetzt so langsam aufs Ende zugeht, "klingt schon irgendwie verrückt", erzählte der gebürtige Neuwieder im Interview mit SWR Sport. "Aber das Gefühl ist ehrlich gesagt auch relativ normal". Das letzte Rennen ändere nichts an seinen Routinen. Die Saison sei danach ohnehin vorbei. "Es ist so, dass viele Fahrer morgen ihr letztes Rennen des Jahres bestreiten, während ich das letzte Rennen meiner Karriere fahre". Ganz nüchtern. Ganz normal. Aber schon auch irgendwie verrückt.
Max Walscheid bleibt dem Radsport erhalten
Anschließend geht es für Walscheid ins "Performance Center" seines aktuellen Rennstalls in Bad Wimpfen. Dort soll er einerseits seine geballte Erfahrung aus mehr als einem Jahrzehnt als Radsport-Profi, anderseits sein Wissen aus dem Medizinstudium einbringen. Inhaltlich gehe es dabei um Training, Leistungsanalyse und Regeneration. "Wie sich das dann genau in meiner Nine-to-five-Tätigkeit äußern wird, kann ich ehrlich gesagt auch noch nicht sagen."
Den Münsterland-Giro hat er 2018 schon einmal gewonnen. Das wird dieses mal eng, weil sein Rennstall ihm im letzten Rennen noch Kapitän Mads Pedersen vor die Nase gesetzt hat. "Und da muss man auch ganz klar sagen, und das ist jetzt auch keine Sportromantik oder sowas, es ist eben knallharter Leistungssport und es wird für den Besten gefahren." Und das ist nunmal der Kapitän Eine klitzekleine Chance sieht Max Walscheid aber doch: "Ich erhoffe mir trotzdem, dass ich, sollte es zu einem Massensprint kommen, am Ende vorne landen kann."
Für Max Walscheid sind Pokale nicht das Wichtigste
Mit einem Triumph am Samstag kann sich Walscheid einen weiteren Erfolg in die Vita schreiben. Dort sind schon Weltmeister im Mixed-Staffel-Zeitfahren (2021), Sieg beim Grand Prix de Denain (2022) und zweimal Sieg beim Omloop van het Houtland (2019 & 2024) aufgelistet. Die wirklich wichtigen Erfolge seien aber weniger die Pokale: "Ich habe sehr hart gearbeitet und musste mich auch wirklich extrem anstrengen, um den ersten Profi-Vertrag zu bekommen", sagte Walscheid.
Dann ging es für den Profi ähnlich "erfolglos" weiter: "Als ich Neoprofi war, also in meinem allerersten Profi-Jahr, habe ich mich von einem gebrochenen Bein und einer gebrochenen Hand im Frühjahr erholt. Dann bin ich Mitte des Jahres bei den Deutschen Meisterschaften aufs Podium gesprintet. Ich stand da zwischen meinen absoluten Vorbildern und Idolen: Andre Greipel, der das Rennen gewonnen hat, und Marcel Kittel, der Dritter geworden ist. Das war ein schöner Moment für mich", sagt Wahlscheid. "Wo ich wenige Monate vorher noch im Krankenhaus gelegen und gedacht habe: Die Karriere ist eigentlich vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen." Das war im Juni 2016 in Erfurt. In diesem Rennen steckte "extrem viel Arbeit drin. Und es ist - in Anführungsstrichen - noch nicht einmal ein Sieg dabei herausgesprungen".
Im April 2023 war er "nur" Achter beim Radsport-Klassiker Paris-Roubaix, "was für mich sagenhaft war, weil ich mir immer gewünscht habe, bei einem Monument mal unter die besten zehn zu fahren. Und dass das dann auch in Erfüllung geht und tatsächlich klappt - das waren dann schon Karriere-Ziele."
Max Walscheid war auch immer wieder in heftige Unfälle verwickelt
Doch es lief nicht immer so rund. Oder wie Max Walscheid sagt: "Ich hatte innerhalb meiner Karriere meinen fair Share an unglücklichen Situationen mit Unfällen, an denen ich beteiligt war." Zum Beispiel der Crash in Calpe (Januar 2016), bei dem Walscheid einen Schienbein-Trümmerbruch und eine zweifach gebrochene Hand davontrug. Im März 2022 stieß er frontal mit einem Auto zusammen - ein Crash, der ihn mental sehr belastete. Bei der Tour de France 2025 hatte sich Walscheid den Ellenbogen gebrochen. "Das sind natürlich heftige Einschnitte, die über das normale Profigeschäft hinausgehen."
Darum habe er bereits während seiner Karriere immer wieder überlegt: "Was ist das, was mich zum Profisport hinzieht? Oder warum macht wir das Fahrradfahren insgesamt so viel Spaß? Aber was spricht auch für mich dagegen?" Die Antworten auf die letzte Frage wurden 2026 offenbar immer gewichtiger. "Und jetzt ist der Moment gekommen, wo ich wirklich guten Gewissens sagen kann: Ich habe sehr viel gesehen - nahezu alles. Und dann war das dieses Jahr auch ein Peak, auf dem ich versuche, zu gehen, wenn es am schönsten ist."