Der lang ersehnte Titel
Am 7. September standen die Stuttgart Surge am Gipfel eines langen Weges: Nach zwei bitteren Jahren, in denen das Team erst im Halbfinale und dann im Finale gescheitert war, gelang ihm der Gewinn der Meisterschaft. Mit drei gefangenen Touchdowns hatte Louis Geyer maßgeblichen Anteil am Sieg seiner Mannschaft, die im Finale die Vienna Vikings mit 24:17 schlug.
Über 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das ELF-Finale in der Stuttgarter MHP-Arena. Damals war Geyer überzeugt: "Dieser Abend kann ein Startpunkt für etwas Großes sein!" Doch die große Strahlkraft, auf die viele gehofft hatten, blieb aus.
Der erste Niederschlag
Für die Stuttgart Surge und die European League of Football (ELF) verlief die Zeit nach dem Titelgewinn ganz anders als erhofft. Zwar herrschte unmittelbar nach dem Finale große Begeisterung, doch zugleich war unklar, ob die Liga in ihrer bisherigen Form weiter bestehen würde.
Schon während der insgesamt fünf gespielten Saisons wurde immer wieder Kritik zu mangelnder Transparenz und unprofessioneller Strukturen des Verbandes von den Vereinen geäußert. Wenige Tage nach dem Meisterschaftsspiel dann der erste große Knall: Stuttgart Surge und zehn weitere Teams ziehen sich aus der ELF zurück und wollen versuchen eine eigene Liga aufzubauen.
Höhenflug und finanzielle Probleme
Der Meistertitel mit den Stuttgart Surge war für Louis Geyer der bisherige Höhepunkt seiner Karriere - ein Moment, von dem er mit leuchtenden Augen erzählt. Doch im Gespräch mit SWR Sport beschreibt er, wie schnell die Euphorie der vergangenen Monate einer wachsenden Unruhe wich.
"Man hat in den letzten Jahren immer wieder ein bisschen was mitbekommen", räumte Geyer ein. Gemeint sind die finanziellen Probleme des Vereins. "Als Spieler versucht man, sich nicht damit zu befassen. Wir konzentrieren uns auf jedes einzelne Spiel." Rund drei Wochen nach dem Finale kam der erste konkrete Hinweis, dass es dem Verein finanziell nicht besonders gut gehe.
Die Mannschaft wurde zu einem Meeting einberufen. Dort sprachen die Verantwortlichen erstmals offen über die angespannte finanzielle Lage. In weiteren Gesprächen wurde den Spielern und Trainern klar, wie ernst die Situation tatsächlich war.
Stuttgart Surge muss Insolvenz anmelden
Am 21. November folgte schließlich der Schritt, den niemand hatte kommen sehen wollen: Der frischgebackene Meister stellte einen Insolvenzantrag. "Uns war klar, dass das nichts Gutes bedeutet", erzählt Geyer. "Aber wir dachten immer noch, dass wir irgendwie wieder rauskommen. Dass die nächste Saison ohne uns als Champion stattfinden würde, war für uns unvorstellbar."
American Football ELF-Champion Stuttgart stellt Insolvenzantrag: "Keine Basis"
Vor zweieinhalb Monate hatte Stuttgart im eigenen Stadion den Titel geholt. Jetzt hat Stuttgart Surge einen Insolvenzantrag gestellt.
Wie geht es weiter für Geyer
Louis Geyer bereitet sich derzeit selbstständig auf die kommende Saison vor - auch wenn noch völlig offen ist, wohin sein Weg führen wird. Nach der Insolvenz ist er vertraglich nicht mehr am die Stuttgart Surge gebunden und kann sich frei nach einen neuen Team umsehen. Ein Verein aus der Region wäre für ihn besonders attraktiv, da er für seine Bachelorarbeit regelmäßig nach Tübingen pendeln muss. Der 24-Jährige absolviert an der dortigen Universität einen Doppel-Bachelor in Lehramt und Sportmanagement.
Sollte jedoch ein bestimmtes Angebot eintreffen, würde er sein Studium hinten anstellen. „Wenn die NFL anrufen würde, wäre das für mich natürlich keine Frage – dann würde ich dem Ruf auch folgen. Doch im Moment ist das nicht der Fall, deshalb will ich jetzt erstmal die Uni fertig machen.“
Ein emotionaler Abschied
Die Fassungslosigkeit und Trauer bei den Spielern war groß nach der Bekanntgabe der Insolvenz. Geyer beschreibt im Gespräch immer wieder ein Familiengefühl in der Mannschaft. Jetzt stehen die Spieler und Trainer als amtierender Meister ohne Verein da. Wie und ob es weiter geht, ist für viele ungewiss.
Besonders schwer fiel Louis Geyer und seinen Mitspielern der Abschied von Cheftrainer Jordan Neumann, der die Mannschaft seit 2022 führte. "Ich habe Coach Neumann so viel zu verdanken, auf und neben dem Platz. Egal wie es für mich weitergeht, ich werde immer mit ihm in Kontakt bleiben", ist sich Geyer sicher. Neumann, der seinen Lebensunterhalt mit seiner Arbeit im Football verdient, fand nach Bekanntwerden der Insolvenz schnell eine neue Aufgabe: Er wird Offensive Coordinator bei den Vienna Vikings.
Neue Chance für den Football in Europa
Mittlerweile haben sich die zunächst ausgetretenen Vereine und die ELF auf neue Rahmenbedingungen geeinigt. Ein neues, von den Teams geführtes Governance-Modell soll für klare Regeln, bessere Spieltagserlebnisse und gezielte Talentförderung sorgen. Die Mannschaften erhoffen sich dadurch künftig mehr Transparenz, stabile Strukturen und langfristiges Wachstum. Die Stuttgart Surge wird an diesem Prozess nicht beteiligt sein, da die finanziellen Mittel fehlen. Nun kümmert sich ein Insolvenzverwalter um die Abwicklung des Frenchise.
Wie es mit Louis Geyer weiter geht, weiß er selbst noch nicht genau. Momentan geht er einen Schritt nach dem anderen und pendelt zwischen Studium und Training. Wo er die kommende Saison spielen wird, ist aber noch nicht entschieden.