Es war wie ein Rausch für den 1. FSV Mainz 05. Zu Beginn der Saison 2010/11 stellten die Rheinhessen den Bundesliga-Startrekord, der vom FC Bayern und vom Landesrivalen 1. FC Kaiserslautern gehalten worden war, ein und feierten sieben Siege in Serie.
Die Protagonisten des damaligen Erfolgs: Trainer Thomas Tuchel, ein funktionierendes Kollektiv und in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem ein furioses Trio auf dem Feld, das mit jugendlicher Leichtigkeit bundesweit für Begeisterung sorgte. Lewis Holtby, André Schürrle und Adam Szalai - die sogenannten "Bruchweg-Boys". Benannt nach dem altehrwürdigen Stadion, dass damals noch die Heimstätte des FSV Mainz 05 war.
Der legendäre "Band-Torjubel" der drei Freunde
Selbst beim FC Bayern triumphierte Mainz 05 damals. Am sechsten Spieltag bereitete Holtby den frühen Führungstreffer durch Sami Allagui vor, das späte 2:1 für die Gäste erzielte Szalai. Gefolgt natürlich vom legendären "Band-Torjubel" der drei Freunde, mit dem sie später sogar im ZDF-Sportstudio auftraten. Und in der die Rollen klar verteilt waren: Holtby war der Sänger mit dem imaginären Mikro, Schürrle spielte die Luftgitarre, Szalai triezte das vermeintliche Schlagzeug.
"Plötzlich kam der Flow"
"Wir haben in der Kabine ein bisschen rumgescherzt, beim nächsten Tor den 'Band-Torjubel' zu probieren. Plötzlich kam ein Flow - und mit ihm die Tore", erinnerte sich Holtby Jahre später im Gespräch mit der "Allgemeinen Zeitung". "Meist haben wir als Trio so gefeiert, es kamen aber auch andere Spieler zur Eckfahne, die mit eingestimmt haben. Es fühlte sich irgendwann an wie ein Mantra und passte auch gut zur Tormusik von Mainz 05. Der Jubel war cool, spontan - und wurde immer größer."
"Wir waren alle Anfang 20, jung und wild"
Es hätte einfach alles gestimmt damals 2010/2011, so Holtby weiter: "Der Jubel passte einfach. Fußball verbinde ich immer mit Spaß. Es war schön, dass wir den Leuten mit der Aktion eine Freude machen konnten. Wir waren alle Anfang 20, jung und wild."
Mainz 05 wird mit 58 Punkten Fünfter
Die Mainzer Siegesserie endete zwar mit einer 0:1-Heimpleite gegen den HSV am achten Spieltag, damit verpassten die Rheinhessen den alleinigen Rekord. Doch die Basis für eine erfolgreiche Saison war gelegt. Die 05er wurden schließlich sensationell Fünfter - mit überragenden 58 Punkten - und qualifizierten sich für das internationale Geschäft. Auch dank der Bruchweg-Boys.
Deren Zeit endete aber nach dieser so fabelhaften Spielzeit schon wieder. Schürrle war schlicht zu stark für Mainz 05 geworden, den Angreifer zog es zu Bayer 04 Leverkusen. Holtby, das war von vorneherein klar gewesen, war nur für ein Jahr ausgeliehen, der Mittelfeld-Mann musste zu seinem Stammverein Schalke 04 zurück. Nur Szalai blieb - auch, weil er seit Ende Januar 2011 schwer verletzt (Außenband- und Kreuzbandriss) gefehlt hatte.
"Das Jahr war brutal schön"
So viel Spaß wie in dieser einen Saison bei Mainz 05 hatte das Trio vielleicht nie mehr. "Das Jahr war brutal schön, ich verbinde nur positive Gedanken an die Stadt, die Menschen, die Saison", sagte Holtby vor einigen Jahren über seine Zeit in Mainz.
Schürrle, Weltmeister 2014, lief nach Leverkusen noch für Chelsea, den BVB und Wolfsburg auf. Insbesondere nach dem WM-Titel aber fehlte ihm meist die einstige Leichtigkeit. Er beendete seine Karriere bereits im Juli 2020. Szalai wechselte 2013 nach Schalke, später folgten Hoffenheim, Hannover 96, nochmal Mainz 05 und schließlich der FC Basel. Er hängte die Schuhe im Juni 2023 an den Nagel.
Und Holtby war so etwas wie ein "Wandervogel". Er war in Deutschland für Aachen, Schalke, Mainz, Bochum, den HSV und Kiel aktiv. In England spielte er für Tottenham, Fulham und Blackburn. Zuletzt lief der fast 36-Jährige für NAC Breda in den Niederlanden auf.
"Dem Fußball werde ich niemals den Rücken kehren. Dieses Spiel wird immer ein Teil von mir sein, und ich freue mich auf das, was als Nächstes kommt", schrieb er zu seinem Abschied. Vielleicht folgt ja in seiner "zweiten Karriere" noch einmal eine Station bei Mainz 05. Dort, wo einst (nicht nur) sein Stern aufging - mit den Bruchweg-Boys und dem "Band-Torjubel".