ARD Mitmachaktion #unsereFlüsse

Weltwassertag: „Auch die kleinsten Bäche sind betroffen“

2024 zog es bundesweit Menschen raus ins Grüne. 3.800 Gewässer-Checks zeigten: 3 von 4 Bächen geht es schlecht. Prof. Aletta Bonn erklärt, wie das UFZ weiterforscht.

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Von Autor/in Andrea Wieland

#unsereFlüsse: Prof. Aletta Bonn, wenn wir heute am Weltwassertag zurückschauen auf die ARD Mitmachaktion #unsereFlüsse: Damals wurde innerhalb von 6 Monaten der Bach-Check mehr als 3.800 Mal ausgefüllt – und gemeinsam mit Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ausgewertet. Haben Sie damit gerechnet?

Aletta Prof. Aletta Bonn: Nein, in dieser Größenordnung ganz sicher nicht. Wir haben Beobachtungen aus der ganzen Bundesrepublik bekommen – von kleinen Bächen zwischen einem und drei Metern Breite. Die Teilnehmenden haben jeweils 15 bis 30 Minuten an „ihrem“ Bach verbracht, Fragen beantwortet und Fotos geschickt. Dass sich so viele Menschen Zeit nehmen, zeigt: Das Interesse an unseren Gewässern ist riesig.

#unsereFlüsse: Was genau sollten die Bürgerinnen und Bürger beobachten?

Prof. Aletta Bonn: Neben offenen Fragen wie „Wie riecht der Bach?“ oder „Wie klingt er?“ gab es ein strukturiertes Protokoll. Dabei ging es um die Gewässerrandstreifen – also ob Bäume und Sträucher vorhanden sind – und um die Gewässersohle, also das Bachbett. Wir wollten wissen: Wie vielfältig ist die Struktur? Gibt es unterschiedliche Strömungen? Kies, Steine, Totholz? Diese Faktoren sind entscheidend für die Lebensraumqualität.

ARD-Mitmachaktion #unsereFlüsse
ARD-Mitmachaktion #unsereFlüsse

#unsereFlüsse: Und was haben die Auswertungen ergeben?

Prof. Aletta Bonn: Die Ergebnisse zeichnen ein trauriges Bild. Drei von vier untersuchten Bächen befinden sich nicht in einer guten Lebensraumqualität. Das ist dramatisch – und deckt sich mit offiziellen Angaben. Neu ist jedoch, dass auch die kleinsten Bäche, betroffen sind. Gerade sie galten als noch relativ intakt. Hinzu kommt: Etwa die Hälfte der beobachteten Bäche war zuvor noch nie von Behörden beprobt worden. Das zeigt, wie wichtig solche Bürgerdaten sein können.

Mehr als 15 Autoreifen liegen allein an dieser kleinen Stelle des Gaybachs im Wasser und am Ufer.
Mehr als 15 Autoreifen liegen allein an dieser kleinen Stelle des Gaybachs im Wasser und am Ufer. Anna-Carina Blessmann

#unsereFlüsse: Sie haben im Nachgang auch eine Umfrage unter den Teilnehmenden durchgeführt. Wer hat mitgemacht?

Prof. Aletta Bonn: Von rund 2.000 kontaktierten Personen hat etwa die Hälfte geantwortet - darunter waren viele Seniorinnen und Senioren. Gleichzeitig berichteten aber auch viele, dass sie die jüngeren Generationen – Kinder und Enkeln – mit an die Bäche genommen haben.

#unsereFlüsse: Warum diese Befragung – was wollten Sie wissen?

Prof. Aletta Bonn: Spannend für uns ist: Drei Viertel der Befragten gaben an, sie hätten aus Sorge um Natur und Umwelt teilgenommen. Und etwa die Hälfte sagte: „Ich möchte mich für die Wissenschaft einsetzen.“ Dieser Wunsch, aktiv etwas beizutragen, hat uns sehr beeindruckt.

„Viele fragen: Was passiert jetzt mit unserem Bach?“

#unsereFlüsse: Viele Teilnehmende haben offenbar auch gefragt, wie es weitergeht.

Prof. Aletta Bonn: Genau. Viele schrieben: „Unser Bach ist in keinem guten Zustand – was können wir tun?“ Dieses Interesse ist eine große Chance. Es gibt bereits Initiativen wie Bachpatenschaften, Angelvereine oder Projekte wie „Flow“, das Citizen-Science-Projekt vom Helmholtz-Institut. Dort können Bürgerinnen und Bürger Gewässer intensiver untersuchen.

Wichtig ist: Kleine Maßnahmen können viel bewirken. Gewässerrandstreifen mit Bäumen und Sträuchern helfen gegen Überhitzung und wirken als Puffer gegen Nährstoff- und Schadstoffeinträge – etwa nach Starkregen, wenn Dünger von Feldern in die Bäche gespült wird.

#unsereFlüsse: Warum werden solche Maßnahmen immer wichtiger?

Prof. Aletta Bonn: Wir haben es nicht nur mit häufigeren Starkregenereignissen, sondern auch mit steigenden Wassertemperaturen zu tun. Und wenn Bäche zudem stark begradigt sind, wird eine große Menge Wasser schnell weitergeleitet – das erhöht die Hochwassergefahr. Werden Auen renaturiert und Bäche dürfen wieder mäandrieren, also sich schlängeln, kann Wasser länger in der Landschaft gehalten werden. Das schützt auch Städte flussabwärts.

#unsereFlüsse: Warum ist das gemeinsame Engagement so wichtig?

Prof. Aletta Bonn: Unsere Forschung zeigt: Gemeinsames Tun führt zu einem viel besseren Lernerfolg als zum Beispiel ein Vortrag. Es stärkt die Selbstwirksamkeit – also das Gefühl, etwas bewirken zu können – und auch das Vertrauen in Wissenschaft und Naturschutz.

Wenn Menschen gemeinsam an „ihrem“ Bach arbeiten, kommen sie ins Gespräch – mit Landwirten, Kommunen, Behörden. Das kann Brücken schlagen. Am Ende geht es um unsere Lebensgrundlage: sauberes Wasser.

#unsereFlüsse: Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?

Prof. Aletta Bonn: Dass wir das vorhandene Engagement nutzen. Die Wiederherstellungsverordnung der EU gibt den Rahmen vor. Wenn wir Bürgerinnen und Bürger, Behörden, Verbände und Medien zusammenbringen, können wir viel bewegen – gerade bei kleinen Bächen.

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Autor/in
Andrea Wieland