UmweltMedienpreis 2025

Laudatio von Claudia Roth

Laudatio beim UmweltMedienpreis für den Sonderpreis an Jessy Wellmer, Melanie Stucke, Gesine Enwaldt und Thomas Reutter für die ARD-Mitmachaktion und Dokumentation #unsereFlüsse

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Liebe Margit Mönnecke, liebe Jury des UmweltMedienpreises, und vor allem: liebe Jessy Wellmer, liebe Melanie Stucke, liebe Gesine Enwaldt, lieber Thomas Reutter, liebe Demokrat*innen,

Wasser – der Ursprung allen Lebens. Für den Romantiker Novalis ist es das „erstgeborene Kind lustiger Verschmelzungen, das seinen Ursprung in der Liebe und in der Verbindung zwischen Himmel und Erde hat – Wasser als sensibles Chaos.“ Zitat Ende. Wasser ist Poesie und Politik, Schönheit und Streit.

Es kann Leben schenken und Leben nehmen.

Es kann uns tragen – und überfluten.

Ein Stoff so alltäglich und doch so kostbar, so mächtig wie verletzlich.

Und es ist oft das Wasser, das in den Bildern fließt, die bleiben – Bilder, die nicht nur auf Papier oder dem Bildschirm existieren, sondern in uns. Weil sie berühren, weil sie bewegen. Weil sie das Unsichtbare sichtbar machen und das Flüchtige festhalten. Bilder als Gedächtnis – Bilder als Mahnung – Bilder als Hoffnung. Und genau solche Bilder, genau solche Geschichten haben Sie, liebe Preisträger*innen, mit #unsereFlüsse geschaffen – Bilder, die nicht nur zeigen, sondern verändern oder auch bewahren wollen.

Es ist mir eine große Freude und Ehre, heute Abend bei Ihnen zu sein – und Ihr großartiges Projekt zu würdigen, das uns allen zeigt, was möglich wird, wenn Menschen hinschauen, zuhören und gemeinsam handeln. Denn das, was Sie mit #unsereFlüsse geschaffen haben, ist weit mehr als eine journalistische Aktion.

Es ist ein Weckruf und zugleich ein Zeichen der Hoffnung – ein Tropfen, der eine wellenartige Bewegung ausgelöst hat, die weit über das Fernsehformat hinausreicht. Im Mai 2024, liebe Jessy Wellmer, riefen Sie in den Tagesthemen Menschen in ganz Deutschland dazu auf, ihre Bäche und Flüsse aufzusuchen – die Lebensadern unseres Landes. Und Tausende folgten diesem Aufruf. Sie gingen hinaus, nahmen Proben, fotografierten, dokumentierten. Sie gaben dem Unsichtbaren ein Gesicht, der Stille eine Stimme.

Oder, um es mit einem Satz aus Ihrer Dokumentation zu sagen: „Tausende Menschen haben ihrem Bach oder ihrem Fluss eine Lobby gegeben.“ Eine Lobby nicht für Macht oder Einfluss, sondern für das Wasser – für das, was uns alle verbindet, was Leben ist. Und genau darin liegt die große Kraft dieses Projekts: Sie haben die Zivilgesellschaft mobilisiert.

Sie zeigen, dass Veränderung nicht irgendwo da draußen beginnt, sondern genau hier – in unseren Städten, an unseren Ufern, in unserem täglichen Handeln. Zivilgesellschaft, das sind Menschen, die nicht ohnmächtig sind, sondern extrem wirksam. Menschen, die Verantwortung übernehmen – für das Leben im und am Wasser, für Fische und Pflanzen, für ihren Fluss, ihren Bach, für uns alle.

Sebastião Salgado, der weltberühmte Fotokünstler und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels hat einmal gesagt: „Die moralische Frage kann nicht sein, ob man katastrophale Zustände zeigen darf oder nicht. Wir müssen sie zeigen. Die Menschen müssen begreifen, was passiert. Jeder muss betroffen sein und die Möglichkeit bekommen, etwas zu ändern – oder nicht.“

Genau das haben Sie getan – Sie haben sichtbar gemacht, was ist, und vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, zu handeln. Und viele haben sie angenommen.

Über 3.800 Fluss-Beobachtungen wurden eingereicht – 3.800 kleine Zeugnisse einer großen gemeinsamen Sorge und einer noch größeren Hoffnung. Denn in den ehrlichen, manchmal verstörenden Bildern – den trüben Wassern, den toten Fischen, den verschlammten Ufern – liegt eine Wahrheit: Nur wer hinschaut, kann verändern.

Liebe Melanie Stucke, liebe Gesine Enwaldt, Sie haben in Ihrer Dokumentation „Wie retten wir Deutschlands Lebensadern?“ das Schöne und das Zerstörte miteinander verwoben – zu einer Erzählung, die bewegt und ermutigt.

Lieber Thomas Reutter, Sie und Ihr Team haben gezeigt, dass Journalismus nicht nur erklärt, sondern verbindet – und dass Medien Menschen sehr wohl in Bewegung bringen können.

Mein Wahlkreis ist Augsburg, eine Stadt, die vom Wasser geprägt ist wie kaum eine andere. Die Flüsse Lech und Wertach fließen hier zusammen und der „Eiskanal“, die Kanu-Olympia Strecke von 1972 ist auch heute noch die Heimat der weltbesten Kanutinnen und Kanuten und somit ein Beweis für nachhaltige Sportstätten.

Das Augsburger Wassermanagement-System ist UNESCO-Weltkulturerbe, weil es zeigt wie nachhaltige Wasser-versorgung seit dem 13. Jhd. mit der modernsten Technik der damaligen Zeit bis heute mit Natur- und Umweltschutz verbunden werden können. Und doch weiß ich, wie zerbrechlich dieses Gleichgewicht ist. Der Lech, einst ein freier, wilder Gebirgsfluss, ist heute durch dutzende Staustufen gezähmt und verändert und das Wasser der Alpen wird durch die Klimakrise immer gefährdeter. Darum berührt mich Ihr Projekt auch persönlich so sehr: weil es den Wunsch weckt, dem Wasser, den Flüssen wieder mehr Freiheit zu geben.

Und weil es daran erinnert, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet – gegenüber der Natur, gegenüber unserer Gegenwart und den Menschen heute, und natürlich gegenüber den kommenden Generationen.

Liebe Preisträger*innen, Sie stiften Hoffnung in einer Zeit, in der viele glauben, es sei zu spät. Sie zeigen, dass wir gemeinsam etwas bewegen können – Wasser in Bewegung bringen, Menschen in Bewegung bringen, Gesellschaft in Bewegung bringen.

Und so steht dieser Abend, dieser Preis, für das, was möglich ist, wenn Medien Mut machen, wenn sie Teilhabe ermöglichen, wenn sie Geschichten erzählen, die verbinden statt spalten. Liebe Jessy Wellmer, liebe Melanie Stucke, liebe Gesine Enwaldt, lieber Thomas Reutter – Ihr Projekt ist ein Leuchtfeuer.

Es zeigt, wie eng Wissen, Verantwortung und Mitgefühl verbunden sind – zeigt, dass jeder Tropfen zählt – im Wasser wie im Engagement. Lassen Sie uns weiterfließen.

Lassen Sie uns eine Lobby bleiben – für unsere Flüsse un d Bäche, für unsere Zukunft, für unser gemeinsames Leben.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis. Und herzlichen Dank – für Ihren Mut, Ihr Herz und Ihre unerschütterliche Liebe zum Wasser.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR