Initiative "Zeit zu bleiben"

Nachbarn in Düsseldorf halten zusammen und wehren sich

Als die Bewohner eines Hauses in Düsseldorf erfuhren, dass ihre Wohnungen verkauft wurden, ahnten sie nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern würde.

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Von Autor/in Andrea Wieland

Auf das frisch gestartete Jahr blicken Andrea und ihr Mann Wolfgang (rechts im Bild, links Nachbarin Daniela) mit Bauchschmerzen. Denn möglicherweise steht ihnen eine monatelange Bauphase ins Haus – während sie weiterhin darin leben und Andrea im Homeoffice arbeitet. Wie konnte es so weit kommen?

Wohnung wurde verkauft – „Wir möchten, dass Sie so schnell wie möglich gehen.“

Vor fast einem Jahr bekam sie Besuch. Das Haus, in dem sie lebt, war zuvor verkauft worden. Die Vertreterin des neuen Eigentümers saß an ihrem Küchentisch. Die Botschaft war eindeutig: Man wolle, dass sie ausziehe – möglichst bald. Spätestens in zwei Jahren, hieß es.

Für Andrea - zu deren Schutz wir nur den Vornamen nennen - war das ein Schock. „Wir haben unsere Miete immer pünktlich bezahlt, wir haben ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, wir haben dieses Haus gepflegt wie unser Zuhause – und dann sitzt jemand an unserem Tisch und sagt, wir sollen gehen.“

Was folgte, war ein Gefühl, das viele Betroffene kennen: Angst, Unsicherheit, Ohnmacht. Denn schnell wurde ihr klar, dass hinter dem neuen Eigentümer ein Investor stehe, der Häuser aufkaufe, schrieb sie an die #besserwohnen-Redaktion. „Leere Wohnungen bringen 150.000 bis 250.000 Euro mehr ein“, berichtet die Düsseldorferin. „Da versteht man plötzlich, warum man uns loswerden will.“

Wohin ausziehen, wenn man bleiben möchte?

Wer von außen auf die Situation schaut, denkt vielleicht: Dann sucht man sich eben etwas Neues. Doch so einfach ist das nicht. „Vergleichbare Wohnungen sind massiv teurer, kleiner – oder schlicht nicht zu finden“, sagt Andrea. „Selbst in Randlagen von Düsseldorf ist Wohnen nicht mehr bezahlbar.“

Was kaum jemand weiß: Es gibt Schutzfristen

Andrea und ihr Mann stießen auf das "Bündnis für bezahlbaren Wohnraum" und erfuhren: Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. „Sehr viele ziehen allein wegen dieser Ankündigung aus – aus Angst, ohne ihre Rechte zu kennen.“

Das Thema Entmietung passiert im Verborgenen. Es gibt unendlich viele Leute, die einfach gehen und nichts sagen. Das bleibt verborgen. Das darf nicht sein.

In Düsseldorf gilt beispielsweise eine achtjährige Schutzfrist, wenn ein Mietshaus in Eigentum umgewandelt wird. „Das wissen viele nicht“, sagt die Mieterin. „Und hätten vieles anders entschieden, wenn sie informiert gewesen wären.“ Genau diese Erfahrung wurde für sie zum Wendepunkt: Aus Passivität wurde Aktivität.

Aus Angst wird Widerstand: Wie eine Mieterin ihre Stimme erhebt

Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründeten Andrea und Wolfgang den Instagram-Kanal „Zeit zu bleiben“. Dort teilen sie Wissen, führen Interviews mit Politikern, geben anderen Mieter:innen Raum für ihre Geschichten. Heute erreichen sie Nachrichten von Verzweifelten, von Mutlosen, von Menschen, die zum ersten Mal merken: Ich bin nicht allein. Bei einer Mieterversammlung standen plötzlich 50 Menschen im Raum – einige kamen aus über 30 Kilometern Entfernung. „Der Bedarf ist riesig“, sagt sie.

Key Visual des Instagram-Kanals zeit_zu_bleiben
Key Visual des Instagram-Kanals zeit_zu_bleiben Initiative Zeit zu bleiben

Beim gemeinsamen Essen ist das Thema Tabu

Andrea spricht offen darüber, was der Druck mit ihr gemacht hat: Panikattacken, Schlaflosigkeit, Herzrasen. Ihr Mann konnte nachts kaum abschalten. „Es vergeht kein Tag, an dem dieses Thema nicht da ist. Es ist wie ein Damoklesschwert über unserem Alltag.“ Trotz allem haben sie und ihr Mann Wege gefunden, sich zu schützen: Beim Essen und beim Spaziergang im Wald ist das Thema Tabu. Sie sagt: „Wir müssen Orte haben, an denen wir einfach nur wir sein dürfen – ohne Angst.“

Woher sie die Kraft nehme für ihr Engagement? Sie sagt, sie bekomme viel Zuspruch. Sie machen anderen Betroffenen Mut, nehmen an Veranstaltungen teil, sprechen mit Politiker:innen. Und das gibt ihnen das Gefühl, das Richtige zu tun.

Wohnen ist ein Grundrecht und wenn Wohnraum wie Ware behandelt wird, dann gibt das für die Gesellschaft nichts Gutes.

Berlin

Eine Betroffene berichtet anonym Eigenbedarfskündigung - „Die Angst immer im Hinterkopf“

Eine Berlinerin verliert nach 25 Jahren ihr Zuhause: Die Eigenbedarfskündigung trifft sie wie ein Schock – und im überhitzten Markt gibt es für sie keinen bezahlbaren Ausweg.

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Autor/in
Andrea Wieland