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Wohnpsychologe: Warum der Platz der Couch mehr Einfluss hat, als wir denken

Wohnpsychologe Uwe Linke erklärt, warum es so wichtig ist, sich mehr mit den eigenen vier Wänden zu beschäftigen.

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Von Autor/in Andrea Wieland

Manchmal beginnt eine Veränderung im Leben mit einem Möbelstück. Ein Paar sucht jahrelang nach der perfekten Couch. Die beiden testen Modelle in Einrichtungshäusern, probieren unterschiedliche Materialien und Formen – doch keine Couch fühlt sich wirklich richtig an. 

Als Wohnpsychologe Uwe Linke zu dem Paar nach Hause kommt, stellt er fest: Das Problem ist nicht die Couch. „Die stand einfach an der falschen Stelle“, erzählt er und schmunzelt. Die Sitzfläche war mitten im Raum platziert, ohne Rückhalt, ohne Schutz – und mit Blick auf den Fernseher statt auf die große Fensterfront mit Blick ins Grüne. 

Die Lösung war einfach: Die Couch wurde gedreht. „Plötzlich war klar: Hier fühlt sich der Raum richtig an“, sagt Linke. Für den Experten für Wohn- und Raumpsychologie ist diese Geschichte typisch. Viele Menschen glauben, sie müssten neue Möbel kaufen, um sich wohler zu fühlen. Dabei liege der Schlüssel oft darin, sich die Räume mal genauer zu betrachten, in denen wir uns täglich viele Stunden aufhalten.  

Experte für Wohnpsychologie Uwe Linke
Wohnpsychologie Uwe Linke im Interview Franz Steiner

Deutsche Durchschnittswohnung ist über 90 Quadratmeter groß 

Linke schätzt, dass wir täglich 80 bis 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen – zu Hause, im Büro oder im Fitnessstudio verbringen. Diese Umgebung beeinflusse, wie wir uns fühlen, wie wir uns verhalten – und auch wie wir uns erholen. „Unsere Wohnung ist daher wie eine dritte Haut“, sagt Linke. 

Was wir heute unter „unserem Zuhause“ verstehen, hat sich seit den 1950er-Jahren verändert. Laut Statistischem Bundesamt beträgt die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf aktuell 49,2 Quadratmeter, damals waren es weniger als 20. Eine Durchschnittswohnung ist heute 94 Quadratmeter groß. Mehr Platz bedeute aber nicht automatisch mehr Zufriedenheit, erklärt der Wohnpsychologe. 

Was Küche, Couch & Co. über uns aussagen 

Für Linke ist eine Wohnung immer auch ein Spiegel der Persönlichkeit. „Ein Teil unserer Wohnung zeigt, wie wir wirklich sind“, sagt er. Ein anderer Teil zeige, wie wir gesehen werden wollen. Die Entscheidung für oder gegen die gemütliche Couch oder die schicken, hellen Küchenschränke stehe daher immer in einem Spannungsfeld aus eigenem Geschmack, gesellschaftlichen Erwartungen und dem Wunsch nach Anerkennung. 

Eine Frau und ein Mann stehen in der Küche und reden miteinander. "Sehnsuchtsbilder wie dieses vermitteln den Betrachter:innen: So könnte deine Küche aussehen", sagt der Wohnpsychologe Uwe Linke.
"Sehnsuchtsbilder wie dieses vermitteln den Betrachter:innen: So könnte deine Küche aussehen", sagt der Wohnpsychologe Uwe Linke. Monkey Business 2

Dabei würden auch Trends eine große Rolle spielen: Menschen orientieren sich an Einrichtungssendungen, sozialen Medien oder Wohnzeitschriften. „Trend ist etwas, womit wir uns auch profilieren“, sagt Linke. „Wir hoffen, dadurch Anerkennung zu bekommen.“ 

Und es gäbe noch einen Einfluss auf unser Wohnen: die Vergangenheit. „Wir übernehmen viele Wohnkonzepte von unseren Eltern“, erklärt Uwe Linke. „Selbst wenn wir das Gegenteil machen, reagieren wir immer noch auf das, was wir früher erlebt haben.“  

#besserwohnen Wohnpsychologe - Wie gestalten wir unser Zuhause?

Die Welt ist zuweilen beängstigend – umso wichtiger sind die eigenen vier Wände als Rückzugsort. Wie gestalten Sie Ihre Wohnung? Eine Diskussion mit Wohn- und Raumpsychologe Uwe Linke und Moderatorin Julia Schöning.

Den Wäscheständer im Schlafzimmer zeigt niemand gerne 

Warum wirken Bilder von perfekt eingerichteten Wohnungen so stark? Der Wohnpsychologe spricht von sogenannten Sehnsuchtsbildern. Ähnlich wie Reisebüros mit Strandbildern für Urlaubsziele werben, zeigen Wohnmagazine Räume, die bestimmte Gefühle auslösen sollen: Ruhe, Ordnung, Geborgenheit. 

„Ein Wohnzimmer mit einer riesigen Lümmelcouch, ein perfekt gedeckter Gartentisch oder ein Schlafzimmer wie im Hotel – das sind alles Sehnsuchtsbilder“, sagt Linke. Die Realität sieht meist anders aus. 

Wäscheständer im Schlafzimmer, Stapel auf dem Esstisch oder ein überfüllter Kleiderschrank tauchen in solchen Bildern selten auf. Trotzdem prägen diese Darstellungen unsere Vorstellung davon, wie ein schönes Zuhause aussehen sollte. 

Die Höhe des Budgets ist nicht das Entscheidende 

Viele Menschen glauben, "Wohlfühl-Wohnen" sei vor allem eine Frage des Budgets. Doch diese Vorstellung hält Linke für falsch. „Mehr Geld macht Wohnen einfacher“, sagt er. „Aber schöner wird es dadurch nicht automatisch.“ 

Zwar könnten sich wohlhabende Menschen komplexe Lichtsysteme, hochwertige Materialien oder maßgeschneiderte Möbel leisten. Doch für das Wohlbefinden spiele das oft eine geringere Rolle als gedacht. 

Viel entscheidender sei, ob eine Wohnung zum Leben der Menschen passe. Das könne auch mit einfachen Mitteln gelingen: gebrauchte Möbel, selbst umgestaltete Räume oder kleine Veränderungen in der Einrichtung. „Es gibt tonnenweise Möbel, die niemand mehr haben will“, sagt Linke. „Wir könnten viel mehr wiederverwenden oder umgestalten.“ 

Das Familienbild im Flur weckt täglich Emotionen  

Ein anderes Problem vieler Wohnungen ist das Gegenteil: zu viele Dinge. Fotos, Möbel oder Erinnerungsstücke sind oft emotional aufgeladen – und deshalb schwer loszulassen. „Die Gegenstände sprechen mit uns“, sagt der Münchner Wohnpsychologe. „Sie erinnern uns an Aufgaben, an Erlebnisse oder an Menschen.“ 

Das könne dazu führen, dass Wohnungen mit der Zeit immer voller werden. Beim Entrümpeln gehe es deshalb nicht nur um Ordnung, sondern auch um Abschied. Dabei trifft er eine wichtige Unterscheidung: „Ordnen heißt: Dinge integrieren. Wegwerfen heißt: Sich entscheiden, dass etwas nicht mehr zu meinem Leben gehört.“ 

Vater und Sohn in der Küche: Wie wir leben, wird oft von der aktuellen Lebensphase bestimmt.
Vater und Sohn in der Küche: Wie wir leben, wird oft von der aktuellen Lebensphase bestimmt. Picture Alliance

Wie sich Wohnen im Laufe des Lebens verändert 

Viele Wohnungen spiegeln noch Jahre später Situationen wider, die längst vorbei sind – etwa wenn Kinderzimmer unverändert bleiben, obwohl die Kinder längst ausgezogen sind. 

„Unsere Wohnung verändert sich oft viel langsamer als unser Leben“, sagt Uwe Linke. Dabei wäre es wichtig, Räume immer wieder anzupassen: an neue Gewohnheiten, Bedürfnisse oder Lebensabschnitte. 

 

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Andrea Wieland