Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2026

Noriko Baba: Bestiarium Musicale VI

für Orchester. Deutsche Erstaufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2026.

Werkkommentar

Teilen

Stand

Beim Blättern in einem mittelalterlichen Bestiarium beobachtet man, wie reale Kreaturen und imaginäre Ungeheuer Seite für Seite zum Leben erweckt werden und alle ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Werk versucht, den Geist dieser illuminierten Handschriften in einen zeitgenössischen Klangraum zu übertragen, in dem das Ohr den Platz des Auges einnimmt und Klang akustische Fabeln entstehen lässt. Der Anstoß für diesen Zyklus kam jedoch durch eine weitaus alltäglichere Erfahrung: der Adoption eines Hundes. Das gemeinsame tägliche Leben mit einem anderen Lebewesen veränderte nach und nach meine Wahrnehmung der Welt um mich herum. Ich hatte immer weniger das Bedürfnis, das äußere Erscheinungsbild eines Tieres darzustellen, sondern vielmehr, seine bloße Präsenz durch Klang einzufangen. Diese Neugier führte mich schließlich zurück zur mittelalterlichen Tradition. Dieses sechste Werk folgt den Schicksalen von vier Kreaturen.

"Pholidota" (Schuppentier) Ich begegnete dem Schuppentier zum ersten Mal im Archiv des Musée de la Cour d'Or in Metz, wo mich sein einzigartiges Aussehen und seine Form sofort in ihren Bann zogen. Als ich anschließend nach Videos über den Alltag des Tieres suchte, entdeckte ich, wie es sich vorsichtig, fast unbeholfen fortbewegte. Geschützt durch einen Panzer aus harten Schuppen und doch mit bemerkenswert zarten Bewegungen, verkörpert es eine deutliche Spannung zwischen Rüstung und Verletzlichkeit. Dies rief eine musikalische Sprache aus abrupten Gesten und wiederholten Schwingungen hervor, die den Kontrast zwischen seinem festen Äußeren und seinen zerbrechlichen, zaghaften Schritten hervorhebt.

"Noctua" (Eule) Dieser Satz erforscht den Lauf der Zeit anhand des Biorhythmus der Eule. Er beginnt in einer verschwommenen, ungewissen Atmosphäre, die das bei Tageslicht eingeschränkte Sehvermögen des Vogels widerspiegelt. Bei Einbruch der Nacht wird die Musik zu einer kargen, unheimlichen Landschaft, die nur vom Rascheln der Flügel und dem Rauschen des Windes belebt wird. Mit dem Herannahen der Morgendämmerung erobert die Stille sanft den Raum zurück.

"Querquedula" (Knäkente) Hier ist der Ausgangspunkt eher sprachlicher als visueller Natur. Der Rhythmus des lateinischen Namens – Quer-que-du-la – wurde zum musikalischen Keim des Stücks. Die Rufe des Vogels werden in schnelle, energiegeladene Figuren verwandelt, die sich zunehmend intensivieren, bevor sie in den Klang eines Alarmsignals übergehen. Dieses leitet den Übergang zum letzten Satz ein.

"Torpedo" (Zitterrochen) Der Schlusssatz schöpft seine Inspiration aus dem Zitterrochen und seinen plötzlichen elektrischen Stromstößen. Die Musik geht direkt aus dem Alarm des vorangegangenen Stücks hervor und entfaltet sich in heftigen Klangimpulsen, die wie Blitze aufflackern. Nach mehreren scharfen Ausbrüchen und schwebenden Spannungen kommt plötzlich ein Rückblick – der Kampf lässt nach, und der Ozean gewinnt seine Stille zurück, während sich der Zyklus dem Ende zuneigt.

So wie ein einzelner Lichtstrahl durch ein Prisma fällt und sich in unzählige satte Farben aufspaltet, besteht die Rolle der Polyphonie in meiner Musik darin, die in einer einzelnen Linie verborgene Landschaft in eine räumliche Ausdehnung zu erheben und mithilfe des Orchesters als Träger eine akustische Tiefe zu schaffen, während die zerbrechliche Schönheit der vergehenden Dinge bewahrt bleibt.

Für mich bedeutet Polyphonie, genau auf die leisen, verborgenen Schichten in Dingen zu hören, die auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. In der japanischen Ästhetik gibt es das Konzept des ‹Mono no aware›, das eine Sensibilität für das Vergängliche und eine Wertschätzung für die Schönheit jener Dinge zum Ausdruck bringt, die verschwinden. Aus dieser Perspektive wird Polyphonie zu einer Möglichkeit, diese Vergänglichkeit einzufangen. Letztendlich geht es bei der Polyphonie darum, die zarten, vielschichtigen Flüstertöne der Natur und der menschlichen Existenz in einem einzigen, flüchtigen Phänomen einzufangen.

English

To leaf through a medieval bestiary is to watch real creatures and imaginary monsters come to life side by side, each carrying its own narrative. This work seeks to release the spirit of those illuminated manuscripts into a contemporary sonic space, where the ear takes the place of the eye and sound gives rise to acoustic fables. The impulse behind this cycle, however, sprang from a much more ordinary experience: adopting a dog. Sharing daily life with another living being gradually transformed the way I perceived the world around me. I became increasingly drawn not to representing an animal's outward appearance, but to capturing its sheer presence through sound. That curiosity eventually led me back to the medieval tradition. This sixth volume follows the destinies of four creatures.

"Pholidota" (Pangolin) I first encountered the pangolin in the archives of the Musée de la Cour d'Or in Metz, where its singular specimen and silhouette immediately captivated me. While looking for videos of the animal's daily life afterward, I discovered its hesitant, almost awkward movements. Protected by a coat of hard scales yet moving with remarkable delicacy, it embodies a striking tension between armor and vulnerability. This inspired a musical language of abrupt gestures and repeated oscillations, highlighting the contrast between its solid exterior and its fragile, tentative steps.

"Noctua" (Owl) This movement explores the passage of time through the owl's circadian rhythm. It opens in a blurred, uncertain atmosphere, reflecting the bird's impaired vision in daylight. As night falls, the music settles into a sparse, eerie landscape animated only by the whisper of wings and the rush of the wind. With the approach of dawn, silence gently reclaims the space.

"Querquedula" (Garganey) Here, the point of departure is linguistic rather than visual. The rhythmic profile of the Latin name – Quer-que-du-la – became the musical seed of the piece. The bird's calls are transformed into rapid, energetic figures that progressively intensify before morphing into the sound of an evacuation alarm, which drives the transition to the final movement. "Torpedo" (Electric Ray) The final movement draws its inspiration from the electric ray and its sudden electrical discharges.

Emerging directly from the alarm of the previous piece, the music unfolds through violent sonic impulses, erupting like flashes of lightning. After a succession of sharp bursts and suspended tensions, the music suddenly flashes back – the conflict subsides, and the ocean reclaims its silence as the cycle comes to a close.

Just as a single beam of light passes through a prism and breaks into countless rich colors, the role of polyphony in my music is to elevate the landscape hidden within a single line into a spatial spread, and to create an acoustic depth using the orchestra as a vessel, while keeping the fragile beauty of disappearing things.

To me, polyphony means listening closely to the faint, hidden layers inside things that seem like nothing at first glance. In Japanese aesthetics, we have the concept of ‹Mono no aware› which is a sensitivity to ephemera and an appreciation for the beauty of things that disappear. From this perspective, polyphony becomes a way to capture this transience. Ultimately, polyphony is about capturing the delicate, layered whispers of nature and human presence within a single, fleeting phenomenon.