Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2026

Clara Iannotta: into a world that is pure blue (where you are transformed utterly and forever) ((Amen))

für Orchester und Elektronik. Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2026.

Werkkommentar

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Stand

Wir glauben gerne, dass die Erinnerung Dinge sicher bewahrt. Dass das, was geschehen ist, irgendwo noch genau so existiert, wie es war, und darauf wartet, dass wir zu ihm zurückkehren. Aber wenn ich versuche, mich zu erinnern, fühlt es sich nicht so an. Es fühlt sich an, als würde ich etwas berühren, das sich bewegt, sobald ich danach greife – etwas, das sich bereits verschoben hat, bevor ich es festhalten kann. Was zurückkehrt, ist nicht der Moment selbst, sondern der Raum zwischen damals und heute. Je mehr ich versuche, zurückzukehren, desto mehr spüre ich, wie weit es entfernt ist.

Manchmal nimmt diese Distanz eine Gestalt an. Nicht klar, nichts, was ich benennen könnte. Eher wie ein Gefühl. Wie der Horizont, wo sich Meer und Himmel zu treffen scheinen, es aber nie wirklich tun. Oder das Blau des Meeres selbst, die Art, wie es sich immer weiter öffnet, ohne einem etwas zu geben, an dem man sich festhalten kann. Kein Rand. Kein fester Punkt. Nur Tiefe. Nur etwas, das sich fortsetzt. Und vielleicht fühlt sich Blau deshalb langsam wie mehr als nur eine Farbe an, wie ein Zustand, in den man eintritt, ohne es zu merken, eine Art Schwelle, an der die Dinge zu verschwimmen beginnen, an der nichts mehr ganz so feststeht wie zuvor.

Früher dachte ich, Schwellen seien dazu da, überschritten zu werden. Dass sie den Weg zu etwas Anderem eröffnen. Aber es gibt bestimmte Schwellen, die nirgendwohin führen. Man überschreitet sie nicht. Man bleibt dort stehen.

Auf diese Weise höre ich immer wieder Dorothy Molloys Zeilen: "in eine Welt, die rein blau ist, wo du gänzlich und für immer verwandelt wirst. Amen." Es fühlt sich an, als würde man in etwas hineingezogen, das kein Außen hat. Ein "für immer", das stillsteht. Kein Ende, das irgendetwas erklärt, nur eine Stille, die bleibt. Etwas Beendetes, ohne sich jemals ganz beendet anzufühlen.

Es fällt schwer, Verlust als etwas zu betrachten, das woanders hinführt. Er öffnet sich nicht auf irgendeine klare Weise zu einem Neuanfang. Er zerbricht. Wenn so etwas geschieht, tritt man nicht in etwas Neues ein. Man bleibt gewissermaßen inmitten des Bruchs. Die Zeit verläuft nicht mehr wie zuvor. Die Vergangenheit liegt nicht mehr hinter einem. Sie bewegt sich. Sie entgleitet. Sie weigert sich, dort zu bleiben, wo sie sein sollte.

Und dennoch kehrst du zurück. Zu denselben Bildern, denselben Momenten, denselben Versuchen, das Unverständliche zu verstehen. Du wiederholst sie, nicht Abschlusskonzertweil sie wiederhergestellt werden können, sondern weil sie es nicht können. Und jedes Mal verändert sich etwas. Das Bild verschiebt sich. Das Gefühl ist nicht mehr dasselbe. Was du zu kennen glaubtest, wird dir fremd. Die Wiederholung bringt nichts zurück. Sie nutzt es sanft ab, bis nur noch seine Zerbrechlichkeit übrig bleibt.

Irgendwo in diesem Scheitern, in jenem Moment, in dem die Rückkehr nicht mehr funktioniert, taucht so etwas wie ein Anfang auf. Aber nicht als Neuanfang. Nicht als etwas Unbeschriebenes. Er kommt nicht nach dem Ende. Er wächst darin heran. Neu anzufangen bedeutet nicht, von vorne zu beginnen, sondern sich innerhalb dessen zu bewegen, was bereits zerbrochen ist; aus dem, was übrig bleibt, etwas zu formen, auch wenn es nicht wieder ganz gemacht werden kann. So hören Anfang und Ende auf, getrennt zu sein. Sie verschmelzen miteinander. Jeder Anfang trägt das in sich, was geendet hat, und jedes Ende setzt sich still fort, als etwas, das nicht ganz loslassen kann.

Was also bleibt, ist keine Auflösung. Nur ein Raum, in dem die Dinge weitergehen, ohne sich zu festigen. Und wenn es in all dem etwas Endgültiges gibt, dann ist es kein Abschluss. Es ist etwas Stilleres, eine Art Versenkung, ein Zustand, in dem sich etwas völlig verändert hat und in den man, ohne es zu merken, bereits eingetreten ist, ohne dass es ein Zurück gibt.

English

We like to think memory keeps things safe. That somewhere, what has happened still exists exactly as it was, waiting for us to come back to it. But when I try to remember, it doesn't feel like that. It feels like touching something that moves as I reach for it, something that has already shifted before I can hold it. What returns is not the moment itself, but the space between then and now. The more I try to go back, the more I feel how far away it is.

Sometimes this distance takes a shape. Not clearly, not something I can name. More like a feeling. Like the horizon, where the sea and the sky seem to meet, but never really do. Or the blue of the sea itself, the way it keeps opening without giving you anything to hold onto. No edge. No fixed point. Just depth. Just something that continues. And maybe this is why blue begins to feel like more than a color, like a condition you enter without realizing, a kind of threshold where things begin to blur, where nothing holds quite the same way.

I used to think thresholds were meant to be crossed. That they opened onto something else. But there are certain thresholds that do not lead anywhere. One does not pass through them. One remains there.

I keep hearing Dorothy Molloy's lines in this way: "into a world that is pure blue, where you are transformed utterly and forever. Amen." It feels like being taken into something that has no outside. A "forever" that holds still. Not an ending that explains anything, just a stillness that remains. Something finished without ever quite feeling finished. I

t is difficult to think of loss as something that leads somewhere else. It doesn't open into a new beginning in any clear way. It fractures. When something like that happens, you don't step into something new. You stay, in a way, inside the break. Time doesn't move the same. The past doesn't sit behind you anymore. It moves. It slips. It refuses to stay where it should.

And still, you return. To the same images, the same moments, the same attempts to understand what cannot be understood. You repeat them, not because they can be restored, but because they can't. And each time, something changes. The image shifts. The feeling is not the same. What you thought you knew becomes unfamiliar. Repetition doesn't bring anything back. It wears it down, gently, until what remains is its fragility.

It is somewhere in that failure, in that moment when returning no longer works, that something like a beginning appears. But not as a fresh start. Not as something clean. It doesn't come after the ending. It grows inside it. To begin again is not to start over, but to move within what is already broken, to shape something out of what remains, even when it cannot be made whole. So beginning and ending stop being separate. They fold into each other. Every beginning carries what ended, and every ending continues, quietly, as something that cannot fully let go.

What remains, then, is not resolution. Just a space where things continue without settling. And if there is something final in all this, it is not closure. It is something quieter, a kind of absorption, a state where something has changed completely, and where, without noticing, you have already crossed into it, with no way back.